Michael Kant, Geschäftsführer der Dehoga in Karlsruhe, beim BNN-Gespräch in Waldbronn. | Foto: Johannes-Christoph Weis

Dehoga-Geschäftsführer Kant

Gastgewerbe im Landkreis Karlsruhe leidet weiter schwer unter der Corona-Krise

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 Michael Kant ist Geschäftsführer der Dehoga Baden-Württemberg, Geschäftsstelle Karlsruhe. Zuständig für das Gastgewerbe in Stadt- und Landkreis Karlsruhe. In Waldbronn sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Johannes-Christoph Weis über die aktuellen Herausforderungen der Branche.

Standen Sie nicht oft mit Ihrem Geschäftsführungsteam wegen der Corona-Krise rat- und hilflos da?

Kant: Die Telefone liefen richtig heiß. Die Mitglieder kamen oft erst nach langen Warteschleifen in der Karlsruher Dehoga-Geschäftsstelle telefonisch durch. Es gab Gesprächsbedarf noch und noch. Die Mitarbeiter sind kaum nachgekommen. Der Austausch am Telefon war oftmals hoch emotional. Da waren viele mit Existenznöten dran. Gastronomie und Hotellerie gehören zu jenen, die am stärksten unter den Corona-Beschränkungen litten und leiden.

Oft müssen Detail-Fragen mit Behörden geklärt werden

Wie hoffnungsfroh stimmen die Öffnungsszenarien der Politik, dass diese Branche wieder eine bessere Zukunft hat?

Kant: Die Euphorie ist gedämpft. Wir haben Mitgliedsbetriebe wie Clubs und Diskotheken, die weiter geschlossen sein müssen. Das lässt uns nicht kalt. Die sind vollumfänglich auf Hilfsgelder des Staats angewiesen. Für die Speise- und Gastwirtschaften geht es nur langsam voran. Nach der X-ten Corona-Verordnung oder Unterverordnung speziell für diesen Bereich sind stets Detail-Fragen offen, die mit den zuständigen Behörden geregelt werden müssen. Daraus ergibt sich für die Mitglieder ein enormer Informationsbedarf. Zum Glück haben wir als Interessenvertretung einen guten Draht zu Wirtschafts- und Sozialministerien. Die Ordnungsämter vor Ort haben sich kooperativ gezeigt.

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Wie hilfreich war die Corona-Soforthilfe für die Betriebe?

Kant: Hilfsgelder sind und bleiben nur zweite Wahl. Aber unsere Branche ist dankbar, dass sie auf diese zurückgreifen konnten. Aber diese finanzielle Überbrückungsleistung ist bei den meisten nach ein, zwei Monaten weg. Nicht wenige unserer Betriebe warten sehnsüchtig auf die „Soforthilfe II“, weil so langsam das Geld ausgeht. Pachten, Energiekosten, Steuern, Kredite etc. müssen ja weiterbezahlt werden. Und es ist nicht so, dass mit der Öffnung von gastronomischen Betrieben und Hotels wieder ausreichend Geld in die Kasse kommt. Das Problem sind der höhere Aufwand zur praktischen Umsetzung der Abstands- und Hygieneregeln. Es gibt auch eine Zurückhaltung bei unseren Gästen, zumal durch die Corona-Krise viele verunsichert sind. Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie davor.

Die Personalsorgen werden uns erhalten bleiben.

Schon vor der Corona-Krise herrschte in der Gastro-Branche Personalmangel. Konnte durch das Kurzarbeitergeld ein weiterer Einbruch verhindert werden?

Kant: Die Kurzarbeit hat geholfen, viele betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern. Die Betriebe sind bestrebt, Arbeits- und Fachkräfte zu halten. Wenn die alle weg wären, hätten sie ein Problem. Die kennen die Betriebsabläufe und sind unverzichtbar. Problematisch ist es dort, wo in großem Umfang Arbeitskräfte auf Mini-Job-Basis arbeiten. Ein Studierender beispielsweise hat sich in der Zeit des Lockdowns vielleicht schon nach einem neuen Job in einer anderen Branche umgesehen oder ein anderer sich wieder stärker auf seine Hauptbeschäftigung konzentriert. Die Personalsorgen werden uns erhalten bleiben.

Es kommen weniger Gäste als erwartet

Wie wird sich das Gastgewerbe in der Region Karlsruhe verändert haben, wenn wieder einigermaßen normale Zeiten zurückkehren. Wie sieht es mit Insolvenzen aus?

Kant: Genaueres wissen wir frühestens im August. Die Not der Betriebe nimmt zu. Dies spüren wir. Hauptklage ist, es kämen nicht so viele Leute wie erwartet. Bei der Hotellerie ist noch wenig zu sagen. Dazu ist erst zu kurz wieder geöffnet. Jeder Hotel-Besitzer überlegt sich, ob er öffnet. Es fehlen Geschäftsreisende. Von Messen, Kongressen oder Tagungen gar nicht zu sprechen.

Gibt es positive Beispiele von Betrieben, die nach dem Lockdown durch flexibles Reagieren sich finanziell über Wasser halten konnten? Waren die Lieferservice-Angebote überhaupt unter finanziellen Aspekten sinnvoll?

Kant: Restaurants in Ettlingen wie das Cubanita haben ihre Speisekarten komplett verändert. Und sie noch stärker an Kundenwünschen wie auch effiziente Betriebsabläufe angepasst. Es ist bewundernswert, wie flexibel mancher Betrieb auf die Lieferung von Speisen umgestellt hat. Der Wille, sich mit der veränderten Situation auseinanderzusetzen, war da. Es war schon großartig, wie mancher Betrieb auf die Schnelle Abholdienste eingerichtet hat. Aber all dies kann kein Ersatz für das bisherige Geschäft in unseren Schank- und Speisegaststätten sein. Bei manchen hilft es vielleicht zum finanziellen Überleben.

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Wie sollten sich die Betriebe aufstellen, um wieder einen Markt für ihre Dienstleistungen zu finden? Haben die Möglichkeiten von Homeoffice und Videokonferenzen nicht gezeigt, dass man in der Hotelbranche künftig weniger Seminarräume braucht?

Kant: Natürlich bin ich kein Hellseher. Aber es wäre vermessen zu glauben, dass jetzt künftig alle nur noch im Homeoffice oder in Videokonferenzen Gespräche miteinander führen. Messen und Kongresse, die gerade zum persönlichen Kontakt wichtig sind, wird es in unserer Region nach der Corona-Krise wieder in größerem Umfang geben, da bin ich mir sicher. Und vielleicht hilft es beispielsweise der Destination Albtal im Sommer und Herbst, wenn potenzielle deutsche Touristen zunächst lieber in sicherer heimischer Umgebung Urlaub machen. Die gesundheitliche Versorgung hier, das hat der Umgang mit dem Corona-Virus gezeigt, kann sich im Vergleich zu manchem anderen europäischen Land sehen lassen.