Gesichtsvisiere statt Stents oder Implantate werden bei Optimed in Ettlingen in der Corona-Krise gefertigt. | Foto: hei

Bis zu 2.000 Stück am Tag

Gesichtsvisiere zum Schutz vor Corona reduzieren bei Optimed in Ettlingen die Kurzarbeit

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Gesichtsvisiere statt Stents und Implantate für Kliniken: Die Coronakrise macht das Ettlinger Unternehmen Optimed erfinderisch. Und für die  Belegschaft bedeutet  das weniger Kurzarbeit.

Die Corona-Krise beutelt den Mittelstand zwar schwer, manchem Unternehmen eröffnet sie aber auch das eine oder andere neue Geschäftsfeld. So etwa der seit 1995 in Ettlingen beheimateten Firma Optimed. Am Sitz in der Ferdinand-Porsche Straße (Industriegebiet Ettlingen-West) fertigt ein Teil der Belegschaft seit ein paar Wochen Gesichtsvisiere in Serie, die – idealerweise ergänzt um eine Maske – Schutz vor dem Corona-Virus bieten sollen.

Wir können die Zahl auf 2.000 am Tag erhöhen

Jürgen Kisel,Optimed-Geschäftsführer

Derzeit sind es laut Geschäftsführer Jürgen Kiesel noch 1.000 am Tag, je nach Bedarf „können wird die Zahl auf 2.000 erhöhen“. Eigentlich ist Optimed auf medizinische Instrumente für die minimal-invasive Therapie spezialisiert. Eingesetzt werden die Stents (Gefäßstützen) und Implantate aus Ettlingen beispielsweise in der Gefäßchirurgie, der Urologie, der Gastroenterologie oder auch der Orthopädie.

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Rückläufige Nachfrage aus Kliniken

Damit generiert man einen Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro. 200 Frauen und Männer verdienen bei Optimed ihre Brötchen, davon allein 80 in der Produktion. Neben Ettlingen ist in Weingarten (Landkreis Karlsruhe) ein weiterer Standort. Da die Nachfrage aus Kliniken und medizinischen Versorgungszentren Corona-bedingt stark rückläufig ist, drohte Produktionsleiter Stefan Koopmann zufolge Kurzarbeit in Teilen des Unternehmens. „Die haben wir dank der Gesichtsvisiere reduzieren können.“

Von Hand zugeschnitten werden die Gesichtsvisiere aus Polycarbonat. | Foto: hei

Gesichtsvisier aus hochwertigem Polycarbonat

Anders als der von Laien gerne im 3D-Drucker hergestellte einfache „Gesichtsschutz“ aus einer Klarsichtfolie ist das Produkt aus hochwertigem Polycarbonat, verfügt über ein individuell verstellbares Kopfband und im oberen Teil über ergonomisch geformten Schaumstoff, der für Tragekomfort sorgt und Druckstellen vermeidet. Tests hätten ergeben, so Kiesel, „dass man ein solches Visier den ganzen Tag über aufsetzen kann“.

Zielgruppe sind damit Ärzte, Klinik- und Altenheimpersonal oder auch Labore und Friseure. Die Transparenz des Materials sei hoch, die Bewegungsfreiheit und das Sichtfeld seien nicht eingeschränkt. Und schwitzen tue man darunter auch nicht.

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Stadt hilft für die neue Produktionshalle mit Tischen und Stühlen aus

Hergestellt werden die Anti-Corona-Gesichtsvisiere in einer Produktionshalle, die bis vor kurzem von der AfB, Europas größtem gemeinnützigen IT-Unternehmen, belegt war. Der Betrieb ist mittlerweile umgezogen und der Vermieter, Jörke & Weber, „hat uns die Halle zunächst kostenfrei überlassen“. Dies als Beitrag zum Kampf gegen Corona. Die Stadt Ettlingen brachte sich insoweit ein, als sie Optimed Stühle und Tische aus der Ettlinger Bürgerhalle überließ. An denen fertigen – vorwiegend – Frauen die Visiere.

Das sind ein paar einfache Arbeitsschritte

Mitarbeiterin von Optimed

Eine von ihnen sagt: „Da sind ein paar einfache Arbeitsschritte, die man schnell gelernt hat.“ Sie ist wie ihre Kolleginnen an dem Tisch froh darüber, dank des neuen Produkts keine Kurzarbeit machen zu müssen. Ettlingens Oberbürgermeister Johannes Arnold erklärt, die Verwaltung sei Optimed bei der Hallenausstattung „gerne behilflich“ gewesen.

Wer kann Schutzausrüstung produzieren?

Er erinnert an ein Treffen im April von ortsansässigen medizintechnischen Unternehmen und Betrieben, die dringend benötigte Schutzausrüstung produzieren können. Bei dem Austausch im Rathaus sei es darum gegangen, auszuloten, wer zu was in der Corona-Krise in der Lage sei und wie man gemeinsam im Kampf gegen das Virus vorankomme.

Zuvor hatte sich Arnold in einem offenen Brief an IHK-Präsident Wolfgang Grenke und den Vorsitzenden der Technologieregion Karlsruhe, Frank Mentrup, gewandt. Tenor: Es sei an der Zeit, in der Corona-Pandemie das Know-how der Kammerbetriebe und der Technologieregion Karlsruhe einzubringen und zu bündeln.

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Gebrauchsmusterschutz beim Patentamt

Optimed rechnet damit, dass die Gesichtsvisiere auch in Zukunft ihre Abnehmer finden. „Der Markt ist extrem dynamisch“, sagt Stefan Koopmann.

Weil die Ettlinger Firma von ihrem neuen Produkt überzeugt ist, hat sie inzwischen über einen Anwalt Gebrauchsmusterschutz beim Deutschen Patentamt in München beantragt. Der läuft über zehn Jahre, ist zwar nicht so stark wie der Patentschutz, ermöglicht es aber, beispielsweise gegen „billige China-Visiere“, so Jürgen Kiesel, juristisch vorzugehen.