Verschlossene Türen: in der Corona-Krise waren weder Besuche in den Wohngruppen möglich noch durften die Jugendlichen nach Hause fahren. | Foto: Bentz

Rehaeinrichtung in Karlsbad

Knigge-Kurs statt Minigolf : So kam eine Wohngruppe psychisch kranker Jugendlicher durch Corona-Monate

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Mit Beschränkungen in der Corona-Krise taten sich viele Menschen schwer. Für die psychisch kranken Jugendlichen in einer Karlsbader Wohngruppe waren Besuchs- und Ausgehverbote besonders hart. Einige vertrieben sich die Zeit mit kreativen Ideen.

Das Schlimmste war für Maurice, dass er nicht nach Hause fahren durfte. Dass er seinen Bruder monatelang nicht gesehen hat. Wegen der Kontaktverbote in der Corona-Krise. Klar, sagt der 19-Jährige, den Tischtennisverein habe ich auch vermisst, aber wir haben hier ja zum Glück einen Tischkicker.“ Hier, damit meint er seine Wohngruppe in einer Rehaeinrichtung für psychisch erkrankte junge Menschen in Karlsbad nahe dem SRH Klinikum.

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Maurice lebt dort seit Oktober vorigen Jahres zusammen mit sechs anderen Jugendlichen. War er am Anfang, wie er erzählt, „ sehr unsicher“ und zog sich praktisch nur in sein Zimmer zurück, so hat sich das inzwischen geändert. Maurice hat Freundschaft geschlossen mit der gleichaltrigen Mariel. Sie ist seit Februar 2019 in Karlsbad.

Die Wohngruppenmitglieder Maurice und Mariel boten einen Benimmkurs an. | Foto: hei

Die beiden entdeckten während der Corona-Zeit, als es keine Verbindung nach draußen gab, das Kochen für sich. Wohl gilt die Regel, dass in der Wohngruppe reihum Küchendienst gemacht wird, Maurice und Mariel stehen aber besonders gern am Herd.

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Und nicht nur das: In den Wochen, als weder Treffen mit Freunden noch Ausflüge möglich waren, erstellten die beiden einen Leitfaden für gutes Benehmen. Einen Knigge gewissermaßen, den sie mit den Mitbewohnern dann durcharbeiteten.

Am Schluss haben wir zu einem Vier-Gang-Menü eingeladen

Mariel, Mitglied einer Wohngruppe

„Am Schluss haben wir dann alle zu einem Vier-Gang-Menü im Gemeinschaftsraum eingeladen als Belohnung fürs Durchhalten“, erzählt Mariel. Logisch, dass die beiden Gastgeber für schönes Ambiente sorgten: weiße Tischdecke, Tischschmuck, Platzkärtchen.

Wunsch nach einem Ausbildungsplatz

Anders als Maurice hat Mariel weniger darunter gelitten, während Corona nicht heimfahren zu dürfen. Sie nutzte die Zeit, um an der Homepage www.deine-norm.de mitzuarbeiten. Dort können sich Menschen, die das Gefühl haben, gängigen Normen nicht zu entsprechen, über ihr Leben, ihre Erfahrungen und Ängste austauschen, erzählt sie. Für die Zukunft wünscht sich Mariel einen Ausbildungsplatz, „am liebsten als Veranstaltungskauffrau“. Den Realschulabschluss hat sie schon mal.

Die Corona-Monate waren für uns alle hier schwer

Jeannette Schmidt, Wohngruppenleiterin

Jeannette Schmidt, seit Herbst 2019 Wohngruppenleiterin in der Rehaeinrichtung, ist für Maurice wie Mariel vorsichtig optimistisch. Beide hätten sich während ihres Aufenthalts positiv entwickelt, was hoffen lasse. „Die Corona-Monate waren für uns alle hier schwer“, sagt Schmidt. Möglichkeiten, draußen einzukaufen, Fußball oder Minigolf zu spielen, gab es für die jungen Leute nicht.

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Jeannette Schmidt leitet seit 2017 die Wohngruppe. Sie hilft den Jugendlichen auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit. | Foto: hei

Beim einen oder anderen, so Schmidt, wäre sicher der Lagerkoller gekommen, hätte er sich nicht mal in eine noch nicht belegte Wohngruppe zurückziehen und damit Abstand gewinnen können. „Sieben Tage rund um die Uhr immer beieinander sein, das ist nicht einfach.“ Not mache aber auch erfinderisch: So hätten einige Jugendliche die Corona-Beschränkungen dazu genutzt, die Wohnräume zu verschönern und seien da „richtig kreativ“ gewesen.

Treffen mit Angehörigen im Freien wieder möglich

Jetzt wird in der Rehabilitation – wie überall – immer mehr gelockert: Begegnungen mit Angehörigen im Freien sind auf Abstand erlaubt, außerdem Besuche und Übernachtungen im Elternhaus. Der Sport läuft wieder an.

Das Wohngruppen-Projekt in Karlsbad existiert seit 2017. In jeder der beiden Gruppen leben sieben junge Leute mit schweren psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen – von manischen Depressionen über Traumafolgestörungen bis zur Schizophrenie.

Hinter manchem Jugendlichen liegen mehrere längere Klinikaufenthalte. Betreut werden die jungen Leute im Alter zwischen 15 und 21 Jahren von Sozialarbeitern, Heilerziehungspflegern, Ergotherapeuten, Psychologen. Letztgenannte engagieren sich vor allem in der Gesprächstherapie, versuchen mit den Betroffenen Vergangenes aufzuarbeiten und nach vorn zu blicken.

Manche bleiben Monate, andere mehr als ein Jahr

„Alle Jugendlichen kommen mit einer klaren Diagnose zu uns. Nicht alle brauchen Medikamente, manche nur eine Struktur in ihrem Tag“, sagt Jeannette Schmidt. Wichtig sei, den richtigen Umgang mit der Krankheit zu lernen. Die Verweildauer? Unterschiedlich: Der eine bleibt ein paar Monate, der andere ein Jahr und mehr. Wer es schafft, hauseigenen oder externen Unterricht zu besuchen, der kann den Hauptschul- oder Realschulabschluss machen.

Hinzu kommt Arbeitstherapie als Vorbereitung auf eine Ausbildung. Alle Angebote in den Wohngruppen seien darauf ausgerichtet „unsere Jugendlichen auf dem Weg in ein eigenständiges Leben zu unterstützen. Dafrü geben wir ihnen eine Zeit lang einen beschützenden Rahmen.“

Die Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) ist Träger des Klinikums, des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) und der Wohngruppen für Jugendliche in Karlsbad. Die Nähe zum BBRZ macht es möglich, dass die jungen Leute während der Rehazeit dort die Infrastruktur im Bereich Metallbau, Hauswirtschaft , Bürotätigkeit und IT (digitale Anwendungen) nutzen und so Belastbarkeit, Ausdauer und Eignung für einen Beruf testen. In der Klinik, die über eine psychiatrische Abteilung erfügt, gibt es medizinische Hilfe, wenn ein Jugendlicher wieder einen Krankheitsschub hat. Bislang existieren zwei Wohngruppen, eine dritte mit acht Plätzen wird derzeit aufgebaut. Die Stiftung Rehabilitation rechnet mit den jeweiligen Jugendämtern, über die die jungen Leute zugewiesen werden, die Aufenthaltskosten ab.