Hoffen, Bangen, Zähneknirschen: Nein, gewaltbereite Hausbesetzer gab es im Gebäude Hirschgasse 4 in der Ettlinger Altstadt nicht. Unbekannte hängten die Transparente wohl in der Hoffnung auf, dass Fortbestand der Wirtshaustradition gesichert wird. | Foto: pr

Wirte-Ära Thiebauth

„Hausbesetzung“ rückt Zukunft eines historischen Ettlinger Wirtshauses in den Fokus

Anzeige

 

Hausbesetzer in der Ettlinger Hirschgasse? Ein Transparent an der Fassade hat dies einige Tage lang vermuten lassen. Was passiert da mit einem der ältesten Häuser der Albstadt, das bis vor rund eineinhalb Jahren die traditionsreiche Wirtschaft „Rose“ beherbergte und Teil der ruhmreichen Wirtsfamilienhistori des berühmten Ettlingers Philipp Thiebauth ist?

Nichts gestohlen oder zerstört

Wegen Hausfriedensbruchs ist die Polizei mit der Sache befasst. „Die Täter sind wohl durch den offenen Keller rein gekommen und kannten sich im Haus aus“, erklärt der Ettlinger Ermittlungsdienstleiter Jürgen Maisch auf BNN-Anfrage. Es wurde nichts gestohlen, nichts zerstört. „Besezt“ könne absichtlich falsch geschrieben worden sein. Anzeige wurde nicht erstattet. „Es war eine Aktion ohne Besetzung.“ Fast mit Ansage? Die Schließung der „Rose“ – die Pacht wurde nicht verlängert – hat damals für Wirbel gesorgt, zahlreiche Rose-Freunde waren aufgebracht. Dazu muss man wissen, dass für viele Ettlinger die Kneipe früher fast ein zweites Zuhause war.

Familiengeschichte des Revolutionärs und Bürgermeisters Thiebauth

Doch am Gebäude hängt mehr als Herzschmerz; es ist ein geschichtsträchtiges Ettlinger Stadthaus. Schon um das Jahr 1700 wurde hier bewirtet, gefeiert, politisiert, weiß Stadtarchivarin Dorothee Le Maire. Das

Philipp Thiebauth: Badischer Revolutionär und später Ettlinger Bürgermeister (1811-1887) | Foto: Stadtarchiv Ettlingen

Wirtshaus ist Teil der Familiengeschichte des berühmten Philipp Adam Thiebauth (1811 – 1887), badischer Revolutionär und Ettlinger Bürgermeister (siehe separaten Text).

Denkmalschutz steht über allem

Der Denkmalschutz hat den Daumen auf dem Gebäude und der Scheune im Hinterhof, historischer geht es ja kaum. Als das Ensemble in bester Lage für rund 350 000 Euro (vielleicht auch weniger) verkauft worden sei, guckte das städtische Tochterunternehmen Stadtbau in die Röhre und hadert damit. Das Wohngebäude links der „Rose“, das sich den Eingang durchs große Tor und die Fassade mit dem Wirtshaus teilt, gehört nämlich der Stadtbau. „Es war ein suspekter Verkauf, wir haben erst davon gehört, als es verkauft war. „Sehr schade, dass wir als städtische Einrichtung nicht gefragt wurden“, bedauert Stadtbau-Geschäftsführer Steffen Neumeister.

Tauziehen um Immobilie

Im Bestreben dies auszubügeln, verhandelte man bis Ende 2018 mit dem neuen Eigentümer: Der ist Afrim Bajrami, Chef von Immoba Wohnen in Karlsruhe. Der habe aber mehr als das Doppelte seines Kaufpreises verlangt, kritisiert Neumeister. Die Stadtbau winkte ab. Einige Dinge seien im Haus herausgerissen und „erheblicher Schaden angerichtet worden“, sagt er. Zwischenzeitlich war gar ein Interessent im Rennen, der ein kleines Museum plante. Man kam nicht ins Geschäft. Und was nun? Bajrami wollte Wohnungen schaffen, doch klar ist, dass im Erdgeschoss nur für Gastronomie genehmigt ist, worauf die Stadt beharren kann. Der Geschäftsmann hat den historischen Wert des Gebäudes erfasst und beteuert im BNN-Gespräch: „Es wird alles in enger Abstimmung mit den Behörden restauriert“, er stehe in ständigem Kontakt.

Investor ändert Pläne

Verkaufsabsichten habe er aber nicht mehr. „Das Haus hat eine große Geschichte, es war praktisch die erste Kneipe von Ettlingen.“ Und in einer klaren Botschaft verspricht er, dass es „wieder eine gastronomische Nutzung geben“ soll. Und zwar „so schnell wie möglich“. Auch das Biergärtchen im Außenbereich soll es wieder geben. Im Obergeschoss und für die Scheune plant er Wohnungen. Die Sanierung sei eine Herausforderung, doch vielleicht könne man in den nächsten drei bis vier Monaten schon loslegen. Er habe nie vorgehabt, das Haus vergammeln zu lassen.

Wird am Ende die Wirtshaus-Tradition erhalten?

Dies hatte etwa Oliver Hilner, Vater von Stadtrat Simon Hilner, in einem Schreiben an die BNN vermutet. Ähnliches war in den sozialen Netzwerken zu lesen. Simon Hilner hatte sich in die Diskussion auf Facebook der Gruppe „Alt Ettlingen“ eingeklinkt, teils wurde wild über Gebäude, „Besetzung“ und Absichten des Eigentümers spekuliert. Doch lässt dieser seiner Ankündigung Taten folgen, dann müsste die wohl älteste Wirtshaustradition Ettlingens bald ihre Fortsetzung finden.

Hintergrund – die Wirtsfamilie Thiebauth:
Das „T“ im steinernen Torbogen in der Hirschgasse 4 steht für Thiebauth und für eine große Ettlinger Wirte-Tradition. Damals war es nicht die „Rose“, sondern der „Hirsch“, den die Vorfahren Philipp Thiebauths Anfang des 18. Jahrhunderts hier betrieben. Das Gebäude ist eines der Häuser, die Markgräfin Sibylla Augusta errichten ließ, nachdem Ettlingen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 von den Franzosen niedergebrannt worden war. Thiebauths Ururgroßvater war Küchenmeister im Schloss. Der Großvater wechselte in die Pforzheimer Straße und betrieb ab 1804 die „Sonne“. Die ist heute noch Gasthaus. Philipp Thiebauths Vater wurde danach Sonnenwirt. Es ist also Philipp Thiebauths Geburtshaus, wo er selbst bis zur Enteignung und Verurteilung als Revolutionär 1849 bewirtete. Nach der Zeit im Exil kehrte er 1870 heim und wurde mehrfach zum Bürgermeister gewählt. Sein Wirken war prägend für die Stadt. Er ließ etwa die Knabenschule (heute Thiebauthschule) errichten, trieb den Bau von Wasserleitungen und den Anschluss ans Bahnnetz (heute Albtalbahn) voran. Unter anderem hat er den Feuerwehrverein mitgegründet. Ein Gedenkstein auf dem Friedhof erinnert an den großen Ettlinger.

 

Kommentar:

„Lokal-Patriotismus“
Um einen Glaubenskonflikt im weiteren Sinne ging und geht es in Sachen Gasthaus „Rose“ in der Ettlinger Hirschgasse. Was die Zukunft des Gebäudes und der bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Wirtshaustradition angeht, wussten die Bürger wenig und glaubten am Ende gar nichts mehr. Lässt man den geschichtsträchtigen Bau absichtlich vergammeln, um Denkmalschutz auszuhebeln? Drückt ein gewinnmaximierender Investor lukrative Wohnbaupläne durch? Dass alle Rose-Freunde alarmiert waren ist allzu verständlich. Ihr zweites Zuhause wurde für wenig Geld verkauft, danach dem willigen Wirt die Pacht nicht verlängert. Viel Druck wäre aus dem Kessel gewesen, hätte die Stadtbau Ettlingen einen Fuß in die Tür bekommen. Dass die Verkaufspläne einige Zeit diskutiert wurden, bekam man nicht mit – eine echte Schlappe für die städtische Tochter. Gäste erwägten schon (halb im Scherz) ihr Stammlokal „Rose“ selbst zu kaufen und weiter zu führen. Echter „Lokal-Patriotismus“. Philipp Thiebauth wäre stolz. Der badische Revolutionär hätte wohl seine Freude am beherzten Einsatz für die Wirtstradition gehabt. Der neue Eigentürmer muss sich an seinen Worten messen lassen: Die große Tradition schnellstmöglich wieder aufleben zu lassen. Vielleicht haben die unbekannten „Hausbesetzer“ von der Hirschgasse dazu einen nicht unmaßgeblichen Teil beigetragen.