Überzeugende Leistung in einer Produktion fürs Klassenzimmer: Kassandra, alias Maja Müller, von den Ettlinger Schlossfestspielen. | Foto: SFS

Jugendstück der Festspiele

Kassandras Klagen im Klassenzimmer

Anzeige

Von Thomas Zimmer

Kein leichter Stoff ist Christa Wolfs Roman „Kassandra“, die Vorlage für den einstündigen Theater-Monolog.  Der Intendant der Ettlinger Schlossfestspiele,  Udo Schürmer, ließ es sich dennoch nicht nehmen, das Stück fürs Klassenzimmer zu inszenieren.

Premiere im Eichendorff-Gymnasium

Am Dienstag hatte es am Eichendorff-Gymnasium Premiere vor Schülern aus mehreren neunten Klassen. Schürmer setzt auf die Allgemeingültigkeit des Textes, darauf, dass dieser Monolog auch unser heutiges Bewusstsein trifft: „Es geht um Situationen, um Archetypen von Verhalten, um Entwicklungen. Es ist sehr heftig, sehr emotional. Ich kann mir vorstellen, dass es einen erstmal erschlägt. Aber vielleicht animiert es den einen oder anderen, in diese Welt einzutauchen“.

Monolog  von beklemmender Intensität

Maja Müller spielt den Monolog mit nachgerade beklemmender Intensität, ganz nahe an ihrem Publikum – denn im Klassenzimmer sitzt jeder in der ersten Reihe und kann sich der Schauspielerin nicht entziehen. Manchmal steht sie plötzlich hinter den Schülern, einmal kniet sie auf einem Tisch. Die einzige Requisite ist dabei ein Haufen Sand, der die Zeit und letztlich den Tod der Kassandra versinnbildlicht. Sie schreit, sie ist leise und nachdenklich, sie kollabiert. Müller macht die inneren und äußeren Kämpfe dieser Frau im antiken Troja, in der Zeit des Übergangs von der matriarchalischen zur patriarchalischen Gesellschaft erlebbar als Kämpfe einer Frau, die sich gegen vorgegebene gesellschaftliche Denkmuster stellt.

Christa Wolfs Stoff immer noch aktuell

Die Schauspielerin wirkt in ihrem einfachen Kleid wie ein Mensch des 21. Jahrhunderts und sendet damit das Signal aus, dass Christa Wolfs Stück durchaus auch einen Bezug zur Gegenwart hat und anregen kann und soll, über aktuelle Fragen zu diskutieren.
Als sie den Raum verlässt, herrscht eine Minute lang vollkommene Stille, die Schüler wirken wie betäubt, dann kommt der Beifall. Fragen zum Stück gibt es zunächst keine.

Historischer Hintergrund in ehemaliger DDR

Maja Müller erzählt, was ihr beim Proben durch den Kopf gegangen ist: Gedanken über politisch Mächtige, die alle Fäden in der Hand halten, ohne zu ihrem Amt befähigt zu sein, Gedanken an den Überwachungsstaat. Sie erklärt den historischen Hintergrund des Stückes, das Anfang der 1980er-Jahre in der DDR geschrieben wurde, in der die Staatssicherheit die Fäden zog.

Schülerinnen wollen so einiges wissen

Drei Schülerinnen wollen dann – die Mitschüler sind schon gegangen – doch noch einiges von Maja Müller wissen. Sie antwortet geduldig auf alle Fragen. Zwei Monate habe sie gebraucht, um den Text zu lernen, und es sei nicht genau festgelegt, welche Wege sie beim Spielen im Klassenzimmer geht. Schließlich sind ja alle Klassenzimmer anders. Sie verabschiedet sich von den Schülerinnen mit der Empfehlung „Ihr müsst das mal lesen

„Kassandra“ ist am 9. und 29. Juli, jeweils um 17 Uhr, im Musensaal des Schlosses zu sehen. Dieses Stück ist auch für Schulklassen im Klassenzimmer oder Gruppen individuell buchbar. Terminvereinbarung unter (0 72 43) 10 13 33.

Hier gibt`s Infos zum Spielplan der Festspiele:

https://bnn.de/nachrichten/kultmusical-und-antike-komoedie