Obwohl die Auftragslage am Standort des Maschinenbauers Klingelnberg in Ettlingen-Oberweier gut ist, soll die Produktion nach Nordrhein-Westfalen verlagert werden, wo es nicht so gut läuft. | Foto: Obert

Keine Entscheidung gefallen

Klingelnberg-Geschäftsführung will „vertrauensvolle“ Standort-Verhandlungen

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Maschinenbauer Klingelnberg will bei seinen Plänen für den Standort in Ettlingen-Oberweier mit Bedacht vorgehen. Nach dem Bericht über die anvisierte Produktionsverlagerung an den Standort des deutschen Mutterwerks in Hückeswagen (Nordrhein-Westfalen) hat sich nun die Geschäftsführung gemeldet. In Alarmstimmung versetzten die strategischen Überlegungen der Klingelnberg-Gruppe auch Ettlingens Oberbürgermeister Johannes Arnold.

„Wir haben am Dienstagmorgen ein Gespräch mit dem Gesamtbetriebsrat geführt“, bestätigt Christoph Küster, Geschäftsführer für Finanzen und Personal. Bisher sei keine endgültige Entscheidung gefallen, betont er. Man wolle „in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern vertrauensvoll zusammenarbeiten“.

Große Probleme im Automobilsektor

Große Probleme habe man – wie andere Zulieferer auch – bei der Fertigung für den Automobilsektor. Für diese wird bisher in großem Umfang in Hückeswagen produziert. Die Umstrukturierungen bei den Autobauern in Sachen Elektromobilität schlagen zu Buche. Dazu kämen Brexit und weltweite Handelskonflikte.

Mehr zum Thema: Beim Maschinenbauer Klingelnberg sind 150 Stellen in Gefahr

Klingelnberg-Aufsichtratsvorsitzender Jan Klingelnberg hatte ein „umfassendes Programm zur Effizienzsteigerung“ angekündigt. Insgesamt verzeichnete man im ersten Geschäftshalbjahr (ab April) einen Umsatzrückgang um 10,7 auf 88,4 Millionen Euro.

Gute Entwicklung am Standort Ettlingen-Oberweier

Gegenläufig war indes die Entwicklung am Standort Oberweier. Im Bereich Stirnradtechnologie produzierend steigerte man den Umsatz um 4,1 auf 22,8 Millionen Euro. Man profitiert vom weltweiten Nachfrageschub aus der Bergbauindustrie und für die Windenergie. „Die haben hier ein ganz besonderes Know-how“, betont Martin Obst von der IG Metall Karlsruhe die Qualitäten in Oberweier. Da könne nicht einfach auf die Schnelle die Produktion verlagert werden.

Die haben hier ein ganz besonderes Know-how.

Martin Obst von der IG Metall Karlsruhe zur Stirnradtechnologie beim Maschinenbauer Klingelnberg

Er rät Mitarbeitern, die Verhandlungen abzuwarten, man habe an sich gute Karten. „Die Stimmung war zuerst sehr gedrückt. Aber die Planungen sind nicht endgültig.“ Das Bestreben der Gewerkschaft sei, den Produktionsstandort zu erhalten.

OB erinnert an schlechte Kommunikation vor sechs Jahren

Aus den Badischen Neuesten Nachrichten erfuhr OB Arnold von den Plänen einer Produktionsverlagerung. In einer Stellungnahme erinnert er an die schlechte Kommunikations- und Verhandlungspolitik von Klingelnberg im Jahr 2013, als rund 150 Stellen abgebaut wurden. Kommende Woche wolle er im Gespräch mit Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern ausloten, was von Seiten der Stadt getan werden kann.

Kommentar
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Kommentar: „Es wäre töricht, das aktuell beste Pferd im Stall auszumustern.“
Ein Schock war für die Belegschaft von Klingelnberg/Höfler die Nachricht, dass die Produktion vom Standort in Ettlingen-Oberweier abgezogen werden soll. Doch so „einfach“ wie 2013 darf ein Aderlass für das Werk in Ettlingen nicht vonstatten gehen.
Wie soll man angesichts steigender Umsätze in Oberweier einen Kahlschlag erklären? Und wandern Teile der Belegschaft verunsichert ab, ist der gesamten Klingelnberg-Gruppe nicht geholfen.
Es wäre töricht, das aktuell beste Pferd im Stall auszumustern. Das Image der obersten Geschäftsführung als Verhandlungspartner ist aus dem Jahr 2013 noch miserabel. Gewerkschaft und Mitarbeitervertreter verhandeln nun aber aus einer Position der Stärke heraus.
Gesamtbetriebswirtschaftlich gesehen sind Verlagerungswünsche nachvollziehbar, angesichts des Erfolgs am Standort Ettlingen aber nur schwer zu vermitteln. Rainer Obert