Neuanpflanzung am alten Ettlinger Rebhang: Jürgen Mitschele, Tobi Börstler und Rolf Apell begutachten die im Weinberg geleistete Arbeit. Alle drei sind Mitglieder der Weinbau AG der Ettlinger Robbergfreunde.
Neuanpflanzung am alten Ettlinger Rebhang: Jürgen Mitschele, Tobi Börstler und Rolf Apell begutachten die im Weinberg geleistete Arbeit. Alle drei sind Mitglieder der Weinbau AG der Ettlinger Robbergfreunde. | Foto: Werner Bentz

Wein im Albtal hat Tradition

Können Ettlinger Reben mehr als nur Hauswein? Winzer plant Anbau für Gastronomie

Anzeige

„Rachenputzer“, „Simsegräbsler“ oder „Rattegackel“, nicht gerade Kosenamen, standen im Dialekt für Ettlinger Wein im vorigen Jahrhundert. Umgangssprachlich für sauer, minderwertig und „furztrocken“. Hobbywinzer wollen am Robberg, dem Ettlinger Hausberg, mit Neupflanzungen von pilzresistenten Rebsorten den Ruf des Weines aufpolieren.

Die Sage vom Riesen im Robberg kennt fast jedes Kind in Ettlingen: Er ist gefangen im Lauerturm. Der Gefängniswärter gibt ihm täglich Wein. Dieser ist so sauer, dass der Riese zu einem Zwergen schrumpft.

Auch interessant: Warum in der Corona-Krise mehr Menschen zum heimischen Wein greifen 

Sage vom geschrumpften Zwerg

Mit dem schlechten Ruf des Weines, der in keinem Weinbaukataster mehr verzeichnet ist, will eine neue Weinbau AG des Vereins der Robbergfreunde Ettlingen Schluss machen. Tobi Börstler, Rolf Apell und Jürgen Mitschele von der Weinbau AG haben im Mai fleißig neue Rebstöcke auf den Terrassen des Robbergs gepflanzt.

Der eigene Wein schmeckt am Besten: Tobi Börstler schenkt Rolf Apell einen Grauburgunder ein.

Sie möchten Grundstücksbesitzer am Robberg motivieren, neue Reben anzupflanzen. Rolf Appell, erfolgreicher Hobbywinzer am Ettlinger Hausberg, bringt seinen seit etwa zehn Jahren im Weinbau gesammelten Erfahrungsschatz ein.

Viele Eigentümer und Pächter waren in den vergangenen Wochen glücklich, ein Stück Land auf dem Robberg, einem beliebten Wanderziel in der Region, zu haben, das sie bearbeiten und auf dem sie sich zurückziehen können.

Auch interessant: Oberbürgermeister-Wein auf dem Ettlinger Robberg ist eine „nette Idee“

Ettlingen ist Weinstraße-Abschnitt ohne Wein

Seit einigen Jahren schmückt sich Ettlingen mit dem Schild „Badische Weinstraße“. Es gibt zwar Gourmet-Adressen wie den „Erbprinz“, das „Lamm“ in Rotensol, den „König von Preußen“ in Frauenalb oder das „Schwitzer’s“ in Waldbronn – doch wo ist der Albtalwein? Fehlanzeige: Auf den Weinkarten stehen keine Ettlinger Lagen.

Dabei wuchsen die Reben viele Jahrhunderte lang von der Rheinebene bis hoch zum Robberg. Wenn die Weinlese begann, läutete früh morgens vom Rathaus die Glocke. Die Winzer zogen in Massen den Berg hinauf, um zu herbsten. Die vollen Bütten wurden in große Zuber geschüttet. Diese fuhr man hinab zur Kelter, die sich neben der Herz-Jesu-Kirche befand.

Mehr zum Thema: Weingut in Baden-Baden veranstaltet Online-Weinprobe in der Corona-Krise

War die Ernte üppig ausgefallen, füllten die Winzer sogar den Narrenbrunnen vorm Schloss mit Rebensaft. Die Feier des 100-jährigen Bestehens des Ettlinger Vereins der Rebleute 1930 war ein gesellschaftliches Ereignis verbunden mit Umzug und Ausschank von großen Mengen des lokalen Weins in den Gasthäusern.

Weinbau in Ettlingen
Im Mittelalter soll Ettlingen einmal die größte Weinbaugemeinde Badens gewesen sein. Alte Flurnamen erzählen noch davon: Lange Wingert, Drachenreben, Neuwiesenreben. Allesamt lagen sie in der Ebene. Heute stehen dort Wohn- oder Gewerbegebäude. Der Robberg kam erst später hinzu, die Tradition geht aber zumindest bis ins 17. Jahrhundert zurück.
Der Niedergang des Ettlinger Weinbaus begann schon um 1800, wie aus alten Berichten zu entnehmen ist. Das Rebgelände ging noch in den 1920er-Jahren in Ettlingen hinunter bis zur Steigenhohl und der Friedensstraße (Sedanstraße). Ein badischer Weinbauinspektor berichtete 1923 wie folgt über die Weinlage: „Damals wurde hauptsächlich in Ettlingen Hutler (Trollinger) angebaut. Das Rebgelände hat eine herrliche Süd- und Südwestlage mit cyclopischem Mauerwerk.“ Cyclopisch nennt man das unregelmäßige Bruchsteinmauerwerk. Die Kelter stand neben der Herz-Jesu-Kirche, beim ehemaligen Feuerwehrhaus. Wer heute auf den Robberg steigt, findet noch viele alte  Rebpflanzen auf einzelnen Terrassen: Grauburgunder und Regent, angepflanzt in den 1970er-Jahren. jcw

Wirklich Wein machen in Ettlingen momentan vier, vielleicht fünf Hobbywinzer. Wenn jemand wie Jürgen Mitschele neu dazu kommt, um für die Eigenversorgung zwölf nackte Würzlinge zu pflanzen und ein paar Rebstecken zu stellen, wird dies in der Weinbau AG schon fast „bejubelt“.

Ettlingen bietet gute Bedingungen für Rotwein

Deutlich weiter ist Rolf Apell: Seit einigen Jahren hat er seinen eigenen Wein vom Robberg. Der Karlsruher Architekt baut pilzresistente Sorten an. Er lässt sich vom Weinbauinstitut Freiburg beraten. Er setzt auf die Sorte Cabernet Cantor, eine Rotwein-Neuzüchtung: „Die passt hierher.“

Auch interessant: In Enzkreis-Gemeinde gehen Weinbau und Naturschutz Hand in Hand 

Der Dritte im Bunde, Tobi Börstler, hat sein Robberg-Grundstück von einer alteingesessenen Ettlingenweierer Winzerfamilie übernommen. Ein steiler, verwilderter Garten mit zerfallenen Trockenmauern. Er musste auf den begehrten Rebsaft nicht lange warten, standen doch dort rund 60 Jahre alte Grauburgunder-Reben Reih an Reih.

„Wo kein Grauburgunder steht, habe ich die Terrassen erst mal gerodet, umgestochen, Wurzeln herausgerissen. Eine schweißtreibende Arbeit“, sagt Börstler. 20 Rebsetzlinge der Sorte „Johanniter“, ebenfalls pilzresistent, hat er auf Rat seines Hobbywinzer-Kollegen Apell angepflanzt. Ein Weißwein.

Wir haben von Sonnenaufgang
bis Sonnenuntergang auf
unseren Terrassen Sonne

Tobi Börstler, Weinbau AG Ettlingen

Eine Stufe höher hat er etwas Rotwein, fünf der Sorte Regent, gepflanzt, insgesamt hat er 45 neue Reben. „Wir haben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hier Sonne. Trotz Westlage ist dieser Berg für Weinbau mindest so gut wie die im nahe gelegenen Weingarten. Für den Rotwein ideal“, so Börstler. Apell deutet auf sein Grundstück, das nicht so steil verläuft, und ergänzt: „Diese Südwestlage ist optimal.“

Lage zu steil für wirtschaftlichen Ausbau

Wirtschaftlichen Ausbau des Ettlinger Weins stehe die Steillage aber entgegen: „Da muss alles mit der Hand gemacht werden“, sagt Apell, „zu steil und die Terrassen zu eng, um Maschinen einzusetzen.“ Ein hauptberuflicher Winzer könne von einem solchen Hang nicht leben, zu arbeitsintensiv. Seine Rebsorten sind neben Cabernet Cantor Johanniter und Regent.

Was sagt Apell zum Ruf des Ettlinger Weins als „Rachenputzer“ und „Simsegräbsler“? „Wir werden drei Weine verkosten. Dies ist nur eine Mär“, sagt er und stellt drei Flaschen auf den Tisch. Zwei sogar mit eigenen Etiketten mit Bezeichnung „Robberg“.

Nichts Amtliches, ohne Pflichtangaben wie Anbaugebiet oder Prüfnummer. Selbst wenn es Qualitätswein wäre, der edle Saft käme bei den Behörden nicht durch. Ist halt für den Eigengebrauch „Wenn man abends auf der Couch sitzt mit einem eigenen Wein im Glas, entschädigt das für alle Mühen“, sagt Börstler.

Bald Ettlinger Profi-Wein für die Gastronomie?

Die drei Hobbywinzer freuen sich darauf, dass nun ein junger Önologe aus Ettlingen, der ein Weinbau-Diplom hat, auf einem kleine Robberg-Stück Reben anpflanzen will, um amtlich zugelassenen Wein für die Gastronomie zu erzeugen: „Das tut dem Ruf des Weins vom Robberg gut.“

Emil Kopp, bekannter Winzer aus dem Baden-Badener Rebland, bewertet den Ettlinger Hobbywinzer-Wein.

Nur wenigen ist es bisher vergönnt, einen original Ettlinger Wein zu verkosten. Ein Oberbürgermeister soll in den 1970er-Jahren kostbaren Champagner aus Ettlingens Partnerstadt Epernay geboten haben, um eine Korbflasche mit dem kernig-erdigen Rebsaft zu erhalten.

Drei Flaschen „Robberger“ gefüllt mit Grauburgunder, Johanniter und einer Traminersorte stellt die Weinbau AG schweren Herzens zu einer Verkostung bereit – es gibt nur wenige Flaschen. Emil Kopp, bekannter Winzer aus dem Baden-Badener Rebland, ehemals Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Varnhalt, verkostet die Weine.

Mehr als nur Hauswein?

„Der ist von der Farbe her schön gelb-gold“, sagt Kopp zum Grauburgunder. Eigentlich habe dieser lieber kalkhaltigen Boden. Aber im Achertal wie in Sasbachwalden stünden begehrte Burgunder-Weine auf ähnlichen Verwitterungsböden wie am Robberg. Der Grauburgunder hat ein angenehmes Apfel-Aroma. Auf dem Gaumen sei er grob und rau. „Könnte ein bisschen runder sein.“ Kann man den Grauburgunder unter die Leute bringen? Ja. „Das ist mehr als ein Hauswein. Das ist das, was die Leute als ehrlichen, trockenen Wein verstehen.“

Dem Johanniter-Wein gibt der Winzer gute Noten: „Eine angenehme, frische Säure wie von weißfleischigem Pfirsich.“ Der raue mineralische Charakter sei der Gesteinsverwitterung am Robberg geschuldet. Er erinnere ihn ein bisschen an die Top-Lage „Feigenwäldchen“ im Badener Rebland.

Gespannt war Kopp auf den Traminer vom Robberg. Eine leicht parfümierte Note habe er. „Das ist aber nicht Richtung Rose, eher Richtung Maiglöckchen oder Veilchen.“ Nicht typisch für einen Traminer. Im Herbst will Kopp vorbeikommen und sich die Trauben näher anschauen. Vielleicht handele es sich um eine andere Rebsorte. Aber vermutlich sei es so, dass es am Ausbau liege, dass der Saft aus älteren Rebstöcken nicht wie ein Traminer schmecke. In der Nase habe er mehr Akazienduft und auf dem Gaumen Honiggeschmack. „Auch nicht schlecht.“

Fazit: Die ein oder andere kleine Korrektur beim Ausbau im Keller, dann könne sich der Wein vom Robberg sehen lassen.