Das Rollo ist runter: „Wer nicht verreisen kann, kauft auch keine neue Kamera“, sagt der Geschäftsführer von Foto Wirth in der Badener-Tor-Straße. Online sei kein Ersatz für das, was normalerweise im Laden läuft.
Das Rollo ist runter: „Wer nicht verreisen kann, kauft auch keine neue Kamera“, sagt der Geschäftsführer von Foto Wirth in der Badener-Tor-Straße. Online sei kein Ersatz für das, was normalerweise im Laden läuft. | Foto: Werner Bentz

Nach Zwangsschließungen

Lieferdienste im Einzelhandel: Bücher laufen besser als Wanderschuhe und Kameras

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Nach den Zwangsschließungen bieten viele Einzelhändler in Ettlingen Lieferdienste an. Im Buchhandel läuft das gut – in vielen anderen Bereichen ist die Resonanz aber sehr verhalten. Vor allem kleinere Betriebe kämpfen mit den Umsatzeinbrüchen.

Ein Spaziergang durch die Ettlinger Altstadt mutet in Zeiten von Corona eher gespenstisch an. Kaum ein Laden hat geöffnet. Aber Zettel in den Schaufenstern – teils sehr liebevoll gestaltet – zeigen, dass der Einzelhandel trotz verordneter Schließungen nicht resigniert.

Liebevoll gestaltet sind teilweise die Hinweiszettel an den Schaufenstern in der Ettlinger Altstadt.
Liebevoll gestaltet sind teilweise die Hinweiszettel an den Schaufenstern in der Ettlinger Altstadt. | Foto: Werner Bentz

Überleben in der Krise

Statt nur das Rollo runterzulassen, bleiben viele in Kontakt mit ihren Kunden. Sie verweisen auf Telefonnummern und E-Mail-Adressen, unter denen man Bestellungen aufgeben kann – für Bücher, Kleidung, Parfümerieartikel oder Elektronik. Die Hoffnung: in dieser Krise, von der man nicht weiß, wann sie vorüber ist, einige Umsätze zu generieren, um überleben zu können.

Wir haben sogar neue Kunden dazugewonnen.

Monika Hirsch, Inhaberin Buchhandlung Abraxas

Die Buchhandlung Abraxas in der Ettlinger Kronenstraße etwa hat, seit sie nicht mehr direkt verkaufen darf, viele Online-Buchbestellungen. „Die Menschen halten uns die Treue, wir haben sogar neue Kunden dazu gewonnen“, berichtet Monika Hirsch. Ausgeliefert würden die bestellten Waren zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto.

Jeden Abend ein Kindergedicht

Hirschs Kollege Jens Puchelt von LiteraDur in Waldbronn hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht: „Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung durch unsere Kunden“, sagt er. Täglich gingen Buchbestellungen ein, täglich werde auch ausgeliefert. 14 Tage lang lese er zudem jeden Abend ein Kindergedicht vor und präsentiere es auf Facebook – als Aufmunterung quasi. Das Ganze in Absprache mit dem Hanser-Verlag. „Die Aktion kommt super an“, so Puchelt.

Wir holen das, was
nicht gewünscht
wird, wieder ab.

Tomislav Brnada von  Sunshine Kindermoden

Die aktuelle Kindermode postet Sunshine Ettlingen regelmäßig auf Instagram. Wer möchte, kann sich eine Auswahl liefern lassen und in Ruhe zuhause entscheiden, welches T-Shirt, welche kurze Hose er gerne für den Nachwuchs ordern will.

„Wir holen das, was nicht gewünscht wird, dann wieder ab. Das funktioniert“, berichtet Tomislav Brnada, der den Telefonservice betreut, während seine Frau sich um den Rest kümmert. Drei bis sieben Bestellungen gebe es täglich, auch das Gutscheingeschäft laufe einigermaßen. Allerdings dürfe die Zwangsschließung nicht mehr lange dauern, sonst „wird das eine Katastrophe für den ganzen Einzelhandel“.

Geschlossen hat auch die Modeboutique Riedel & Schatz. Mit seinem Ape Calessino, einer Art Cabrio auf drei Rädern, liefern Inhaber Markus Riedel aber täglich Bestellungen zu den Kunden.
Geschlossen hat auch die Modeboutique Riedel & Schatz. Mit seinem Ape Calessino, einer Art Cabrio auf drei Rädern, liefern Inhaber Markus Riedel aber täglich Bestellungen zu den Kunden. | Foto: Werner Bentz

Flaute im Fotoladen und Bettengeschäft

Bei Foto Wirth geht gar nichts, berichtet Geschäftsführer Thomas Wirth. „Der Umsatz ist uns von heute auf morgen komplett weggebrochen.“ Man habe zwar einen Infozettel zur Erreichbarkeit ans Geschäft gehängt, aber „null Resonanz“. Wirth ahnt, warum: „Wer nicht verreisen kann, der bestellt auch keine neue Kamera oder ein zusätzliches Objektiv“. Und Passbilder, die Wirth sonst fast täglich macht, sind wegen der Zwangspause nicht möglich.

Flaute herrscht auch bei Betten Füger. Zwar weist dort ebenfalls ein Zettel im Schaufenster darauf hin, dass Bestellungen telefonisch angenommen werden. Jedoch habe das noch niemand genutzt, sagt Geschäftsführerin Cornelia Grawe.

Es gibt keine Outdoor-Aktivitäten, also kauft auch keiner Wanderschuhe.

Werner Löffler, Geschäftsführer Sport Löffler

Nicht viel besser läuft es bei Sport Löffler: Auf sein Online-Angebot, das Werner Löffler über die Plattform der Ettlinger Platzhirsche präsentiert, habe er nur wenig Resonanz. „Es gibt keine Outdoor-Aktivitäten, also kauft auch keiner eine wetterfeste Jacke oder neue Wanderschuhe“, bedauert er.

Ein Kunde habe dieser Tage ein Gymnastikband geordert – das war‘s. Weggebrochen sei der Markt für Fußballschuhe, weil in Vereinen nicht trainiert werde. „Hoffentlich ist das alles am 20. April vorbei“, so der Geschäftsmann.

Orthopädische Schuhe sind noch gefragt

Besser sieht es bei Schuhe Pfeiffer aus, aber nur, weil er auf orthopädische Schuhe spezialisiert ist. Renate Pfeiffer steht allein im Laden, die Werkstatt, wo Absätze erhöht und Einlagen gefertigt werden, ist abwechselnd besetzt. „Die Kunden sind froh, dass wir für sie telefonisch erreichbar sind, und wir sind froh, dass wir noch Kunden haben“, sagt Pfeiffer.

Kein Sinn für neue Klamotten

Gerade mal ein einziges Paar Schuhe hat das Modegeschäft Bella Scarpa seit den Zwangsschließungen ausgeliefert. „Das ist null und nichtig“, sagt Mitinhaberin Rita Gertz. Per Brief und E-Mail hat sie die Kunden informiert, dass auch geliefert wird, zudem hängt ein Zettel im Schaufenster. Allerdings, vermutet Gertz, hätten viele in diesen schwierigen Zeiten wohl anderes im Sinn, als neue Kleidung zu kaufen.

20 Bestellungen pro Tag – aber nur fünf Prozent des Umsatzes

Markus Riedel, der in Ettlingen unter dem Namen Riedel & Schatz einen Schmuckladen, eine Modeboutique und ein Geschäft für Geschenkartikel betreibt, schätzt, dass er durch Lieferungen maximal fünf Prozent des üblichen Umsatzes erzielen kann. Und das, obwohl der Dienst mit rund 20 Bestellungen pro Tag „richtig gut angenommen“ werde.

Keine Feste – keine Geschenke

Auf Instagram postet Riedel Fotos, bald sollen Videos hinzukommen, die einen virtuellen Rundgang durch die Läden ermöglichen. Er leidet darunter, dass Anlässe für Geschenke – Hochzeiten, Kommunion, Konfirmation – nicht stattfinden. Seine Hoffnung liegt jetzt auf Ostern.

Auf der Internetseite www.ettlingen.de/meinlieblingsladen kann man sehen, welche Geschäfte geöffnet haben, welche telefonisch und per E-Mail erreichbar sind und welche einen Lieferdienst oder Abholservice anbieten. Die Liste wird ständig ergänzt.