Gravierend ist der Mangel in den Pflegeberufen auch im Bereich der Agentur für Arbeit Ettlingen. Verstärkt setzt man auf Rekrutierung aus dem Ausland – ob für Gesundheitsberufe, für Bau und Handwerk oder Hotel- und Gaststättengewerbe. | Foto: Peter Steffen/dpa

Arbeitsagentur Ettlingen

Fachkräftemangel macht zunehmend zu schaffen

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Die Region Ettlingen hat seit viereinhalb Jahren die niedrigste Arbeitslosenquote im Landkreis Karlsruhe – zuletzt mit noch 2,6 Prozent. Vor zehn Jahren lag die Quote bei 3,8 Prozent. Ein stolzer Spitzenplatz, der aber zwei Seiten hat: Der Mangel greift auf dem Arbeitsmarkt immer stärker um sich, immer mehr Branchen klagen über Personalsorgen, müssen gar Aufträge ablehnen. Die Situation der Agentur für Arbeit hat sich geändert, wird im Gespräch mit dem Ettlinger Agenturleiter Ernst Karle klar.

Wenn es irgendwie geht, nehmen wir Jeden mit

Längst sind es auch im Albgau nicht mehr „nur“ Gastronomie oder Pflegeeinrichtungen die stöhnen. „Wenn es irgendwie geht, nehmen wir Jeden mit“, verdeutlicht Karle das Ringen um jede Arbeitskraft. Ein großer Teil der theoretisch noch zur Verfügung stehenden Menschen sei aber multipel eingeschränkt, etwa durch Krankheit nur minimal einsetzbar. Man habe inzwischen einen Nachfragermarkt, der Arbeitnehmer hat mehr

Veränderte Situation: Ettlingens Arbeitsagenturchef Ernst Karle beleuchtet die Situation. | Foto: Rainer Obert

Macht. Man habe im Bereich der Agentur Ettlingen, die Ettlingen, Karlsbad, Waldbronn, Malsch und Marxzell umfasst, ein „sehr breit gefächertes“, Arbeitsplatzangebot, wobei nicht erst seit heute das produzierende Gewerbe Sorge bereite – etwa nach Schließung von Ammann Elba oder Fema in Ettlingen. Die Konkurrenz der neuen EU-Staaten sei enorm, Nordbaden mit die höchsten Personalkosten. „Wir haben in der Region Ettlingen viele hoch qualifizierte Leute“, weiß Karle, doch verlassen seiner Statistik nach mehr von ihnen die Region. Die Liste der beim Personal notleidenden Branchen ist lang geworden.

Sprachbarriere behindert

„Ganz gravierend ist es natürlich im Sozialwesen“, auf eine Stelle kommen statistisch 0,9 Arbeitssuchende. Ob Erzieher, Krankenschwestern, Ärzte oder Altenpfleger – die Personaldecke sei dünn. „Wir müssen umsteuern“, verdeutlicht der Agenturleiter. Mehr Fachkräfte aus dem Ausland sollen her. Man suche in der EU verstärkter in Serbien oder Bosnien-Herzegowina, aber auch auf den Philippinen. In Richtung Frankreich beteilige man sich an grenzüberschreitenden Arbeitgebermessen, „aber die Sprache ist ein Hemmnis“.
Sprichwörtlich nach vorn gerauscht in der Top-10 der Fachkräfte-Nachfrager sei etwa die Transportbranche, im Bereich der Fahrer. „Wie viel wir da rekrutieren müssen.“ Die Branche boome – „was zum Beispiel Malsch gepumpt hat …“, spricht Karle Ansiedlungen im dortigen Industriegebiet an. Ein Loch gerissen habe das Aussetzen der Wehrpflicht, der Lkw-Führerscheinerwerb beim Bund fiel weg. Mangel herrsche natürlich aber auch bei der Suche nach Bahn-, Bus- oder Taxifahrern.

Immer mehr Mangelberufe auf dem Arbeitsmarkt

Zu den Mangelberufen gehören aktuell aber auch Bäcker, Metzger, Verkäufer, Gärtner, Fachangestellte bei Anwälten, Zahnärzten oder Steuerberatern, Wach- und Sicherheitskräfte oder Facharbeiter am Bau. Allgemein würden Unternehmen – notgedrungen – immer kompromissbereiter, was die Qualifikation von Job-Bewerbern angeht. Indes seien viele Firmen bei der Einstellung älterer Arbeitnehmer über 55 zurückhaltend, kritisiert Karle. Auch werde oft versäumt, aktiv auf Mitarbeiter zuzugehen, die nach Gesprächen in Betracht ziehen würden, übers erreichte Renteneintrittsalter hinaus im Job zu bleiben.

Ruf nach Zuwanderungsgesetz

Ernst Karle fordert von der Großen Koalition in Berlin ein Zuwanderungsgesetz, auch für den Arbeitsmarkt. Die jüngste Flüchtlingszuwanderung brauche indes Zeit zur beruflichen Integration. „Haupthemmnis ist auch hier die Sprache.“ Viele mit Bleiberecht seien noch in Ausbildung – aber zumindest laufen die Sprachkurse jetzt reibungslos, so Karle. Man müsse sich ja nichts vormachen. „Der berühmte syrische Arzt – das bewegt sich im Promillebereich.“ Mit dem Instrument „MySkills“ (Meine Fähigkeiten) verbessere man die Erfassung beruflicher Kompetenz. Die Menschen wollten zwar schnell in Arbeit und Geld verdienen, doch zwei Drittel seien niederschwellige Arbeiten gewohnt. „Da muss man zuerst ran“, mit Schulungen oder Praktika.
Eine Stellenbesetzung betrifft den Ettlinger Agenturleiter persönlich: Nach 47 Dienstjahren geht der Ettlingenweierer im September in Ruhestand. Die Nachfolge ist noch nicht geregelt.