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Haftstrafen auf Bewährung

Rumballerei mit der Softairpistole

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Von Silke Gelhausen

 

Eventkriminalität – das ist wohl die einzig richtige Bezeichnung, die man für die hemmungslose Rumballerei von vier Jugendlichen im vorigen Winter verwenden kann. Jetzt saßen die vier bis dahin unbescholtenen Jungs auf der Anklagebank des Karlsruher Jugendschöffengerichts. Das Quartett aus Malsch, zum Tatzeitpunkt 19, 16 und 15 Jahre alt, schoss von Anfang Dezember bis Mitte Januar mit zwei Softairwaffen auf Scheiben von parkenden Autos, Bussen und Wartehäuschen. Ihren Höhepunkt erreichte die seltsame Freizeitbeschäftigung im Schießen auf Fahrradfahrer und Passanten sowie eine fahrende Straßenbahn auf dem Karlsruher Bahnhofsvorplatz.

200 Fälle

Die rund 200 Fälle verursachten mindestens 135 000 Euro Schaden und großes öffentliches Aufsehen. Das „Einsatzgebiet“ zog sich von Bad Herrenalb über Gaggenau, Raum Malsch, Durmersheim, Ettlingen bis zu verschiedenen Karlsruher Stadtteilen hin.

„Einsatzgebiet“ war der ganze Raum Karlsruhe

Die Angeklagten fanden so recht keine Erklärung für ihr Verhalten, versuchten aber auch gar nicht zu leugnen. Nach vier Stunden Verhandlung fielen die Urteile wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und beim Ältesten zusätzlich für sechs Fälle zur Beihilfe zum Cannabiserwerb.

Haft zur Bewährung ausgesetzt

Ihm brummte Amtsrichterin Eva Lösche 15 Monate Jugendarrest auf. Die anderen drei verließen mit je einem Jahr Jugendarrest den Saal. Alle Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt – eine Auflage ist die Schadenswiedergutmachung, die den maximal in Berufsausbildung befindlichen Teenies schwer fallen dürfte.

Softairpistole für 140 Euro

Alles begann am 14. November 2016 mit dem Besuch eines US-Shops in der Karlsruher Innenstadt. Der Zweitjüngste erinnerte sich: „Ich hab mir eigentlich nur die Kleidung angeguckt, in der Zeit hatten die anderen wegen der Softairpistole verhandelt.“ 140 Euro habe die Gasdruckwaffe gekostet. Der Älteste – als einziger mit Führerschein – übernahm die Chauffeurrolle. Die Kumpel zielten einfach nur mit einer der Waffen durch ein geöffnetes Fenster auf ihr Zielobjekt. Neben der Pistole besaßen sie auch noch ein Softairmaschinengewehr, das aber nicht so oft zum Einsatz kam.

Erste Tatorte nur in Malsch

„Am 27. Dezember hatten wir allein 40 Tatorte nur in Malsch“, konstatierte Hauptkommissar Gerhard Kunzenbacher im Zeugenstand. „Lange war uns nicht klar, womit die ganzen Scheiben zerdeppert wurden, denn an keinem Tatort fanden sich irgendwelche Geschosse. Was wir schnell wussten: Das kann niemand nur mit der bloßen Faust gemacht haben.“ Erst als man mit einer Softairmaschinenpistole Tests durchführte, fand man die Lösung: „Die kleinen Stahlgeschosse prallen einfach ab und fliegen bis zu 25 Meter weit. Die Scheibe explodiert regelrecht von dem Aufprall.“

„Regelrechte Verrohung“

Die Geschosse sind zwar nicht potenziell tödlich, können aber ein Augenlicht kosten. Eine ältere Dame, die in der Straßenbahn Linie zwei hinter der Scheibe saß, erlitt durch den Einschlag ein Knalltrauma und brach auf dem Bahnsteig zusammen. „Hier hat eine regelrechte Verrohung stattgefunden, die Täter haben sich in der medialen Aufmerksamkeit regelrecht gesonnt. Es ist absolut angebracht, hier von Charaktermängeln und schädlichen Neigungen zu sprechen“, so die Richterin in ihrer Urteilsbegründung.