WINTERSTIMMUNG 1918 in Ettlingen. Ein Blick von der Alb aus, links ist die Johanneskirche zu sehen. | Foto: Archiv Stadtarchiv/Fotostudio Drücke

Nach dem Krieg in Ettlingen

Weihnachten vor 100 Jahren: Der „Erbfeind“ und die Suche nach Frieden

Anzeige

 

Friedliche Weihnachten, Aufatmen nach dem Kriegsende vor 100 Jahren? Der Blick in die Ettlinger Ausgaben von Mittelbadischem Kurier und Ettlinger Zeitung vermittelt Anderes. Ein Tag vor Heiligabend und an Heiligabend selbst sind Zukunftsängste nach dem verlorenen Krieg prägend. Die Monarchie ist weg, die Republik ist ausgerufen, allein es fehlt an einer neuen politischen Ordnung. Stattdessen beschäftigt sich der Kurier in seinem Aufmacher mit dem Matrosenaufstand in Berlin (die Lokalzeitung berichtet von 68 toten Matrosen über Weihnachten!), den französischen Truppen in Mannheim und Rastatt sowie einer Vielzahl von politischen Versammlungen zur Bildung neuer Parteien.

Parteien formieren sich neu

An Heiligabend wird in den Zeitungen die amtliche Bekanntmachung für die Wahlen zur verfassungsgebenden badischen Nationalversammlung am Sonntag, 5. Januar 1919, veröffentlicht. Die Stadt Ettlingen ist in sechs Wahlbezirke eingeteilt – erstmals haben die Frauen Wahlrecht. Und die Parteien haben die neue Zielgruppe bereits entdeckt. Der Demokratische Verein Ettlingen kündigt im Mittelbadischen Kurier für Freitag, 27. Dezember, abends 20 Uhr, in der „Krone“ eine Zusammenkunft der Frauen an. Es soll der Ausbau „unserer Frauenorganisation“ besprochen werden. Und welches politische Verständnis bezüglich der Geschlechterrolle steht dahinter? Verbunden ist mit dem Termin die Aufforderung an die männlichen Mitglieder der Partei, dass sich ihre Frauen „dringend“ einfinden sollen. Für Sonntag, 29. Dezember, lädt die Demokratische Partei, mittags um 3 Uhr zur „Freien Aussprache“ ein. Hauptredner sind ein Minister Dr. Haas und Fräulein Rieger aus Karlsruhe, ehemals Lehrerin in Ettlingen.

Werben um Frauen mit Wahlrecht

Indes inseriert die Deutsch-Nationale Volkspartei (Christliche Volkspartei in Baden), dass in der Landesgeschäftsstelle in Karlsruhe Beitrittserklärungen angenommen werden. Deren Spitzenkandidat im Landkreis ist der evangelische Bürgermeister Schöpfle aus Langensteinbach, nach dem in Karlsbad später auch ein zentraler Platz benannt wird. Die Zentrumspartei Ettlingen (Katholiken) wiederum hat einen Tag vor Heiligabend im Sankt Vincentiushaus eine Besprechung für „alle Parteifreunde und Freundinnen, die in unserer großen Sache mitarbeiten wollen.“

Angehörige besuchen das Lazarett

In Ettlingen, das von den Kriegshandlungen trotz Unteroffiziersschule und großen Lazaretten im Ersten Weltkrieg nicht direkt betroffen war, gibt es am Stefanstag, 26. Dezember, einen Dankgottesdienst in der Herz-Jesu Kirche „als Willkommen für unsere heimgekehrten Krieger“, zu der der Militärverein einlädt. Am darauffolgenden Tag ist an gleicher Stätte morgens „ein Trauergottesdienst mit Predigt und levitiertem Requiem“. Den Gottesdienst am Stefanstag und den Trauergottesdienst zelebriert Dekan Albert mit seinen Kaplänen. Jeweils eine halbe Stunde vor den Gottesdiensten treffen sich die Mitglieder des Veteranenvereins Ettlingen im „Grünen Hof“, um gemeinsam in die Herz-Jesu Kirche abzumarschieren. Die Stadt ist überfüllt von anreisenden Angehörigen, die Kriegsversehrte, die in Ettlingen untergebracht sind, besuchen.

Gedanken zu „Stille Nacht“

Derweil, wie aus der Zeitung vom 23. und 24. Dezember in Ettlingen zu entnehmen ist, bestimmt die Beziehung zum „Erbfeind“ Frankreich die politische Diskussion. Heiß geht es um die Frage der Zugehörigkeit von Elsass-Lothringen her. Ein Autor schreibt: „Frankreich als lateinische Nation ging zu weit, als es danach trachtete, große Teile des teutonischen Deutschlands an sich zu fesseln.“ Ein Lokalredakteur befasst sich mit 100 Jahre des Weihnachtsklassikers „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und spricht über den unglaublichen Siegeszug dieses Liedes von Joseph Mohr und Fanz Xaver Gruber. Er erinnert an eine am Schulhaus zu Arnsdorf in Oberösterreich angebrachte Tafel, die folgende, im Versmaß des Lieds verfasste Inschrift trägt: „Stille Nacht, heilige Nacht! Wer hat dich, o Lied, gemacht? Mohr hat mich schön erdacht!, Gruber zu Gehör gebracht: Priester und Lehrer vereint!“

Hoffnung auf gerechten Frieden

Von dort zieht er sofort einen Bogen zu Deutschland und Frankreich: „1818 entstanden nach harten, schweren Befreiungskämpfen von französischem Joch, möge das Weltfriedenslied 1918 für das deutsche Volk um Frieden werben. Nach einem beispiellosen Kampf und Ringen mit der ganzen Welt will das deutsche Volk aufrichtigen Frieden für seine Heimstätten. Stille Nacht Heilige Nacht, unser deutsches Weihnachtslied, klingt so liebreich, trostvoll zu den Herzen der Völker und wirbt um einen gerechten Frieden.“

Lebensmittel waren auch zu Weihnachten rationiert

Die Auseinandersetzung mit dem „Erbfeind“ dürfte im täglichen Leben der Menschen in Ettlingen und Umgebung vor 100 Jahren eine geringe Rolle gespielt haben: Menschen ohne Landwirtschaft waren auf Lebensmittelkarten angewiesen, die ausgegeben vom Bürgermeisteramt bei einzelnen Kaufleuten in der Stadt abgegeben werden konnten. Seit 1916 gab es in Deutschland Brotrationierungen, später kamen Milch, Margarine und Fett dazu und schließlich Kleidung und Schuhwerk. Die Einberufung junger Landwirte in den Kriegsdienst verschlechterte die Versorgungslage zusätzlich. Die Anzeigen des Geschäfts „Pfannkuch&Co am 23. und 24. Dezember, die für den Kauf von Weinen, Likören, Sekt warb, dürften für viele Menschen nur schwer zu kaufen gewesen sein. Ebenso die Geschenkempfehlung aus der Stadtapotheke für Kraftwein, Malzextrakt, Hämotogen und Himbeersaft. Allesamt Dinge, die wärmende Labsal gewesen wären, weil es Eis und Schnee über die Weihnachtstage gibt. Johannes-Christoph Weis