Händedruck mit Handschuhen: Unter Hygieneauflagen können sich Angehörige im Besucherraum des Stephanus-Stift treffen. Der Besuch ist auf eine halbe Stunde beschränkt, damit möglichst alle einmal dran kommen.
Händedruck mit Handschuhen: Unter Hygieneauflagen können sich Angehörige im Besucherraum des Stephanus-Stift treffen. Der Besuch ist auf eine halbe Stunde beschränkt, damit möglichst alle einmal dran kommen. | Foto: Trauden

Besuch im Pflegeheim

Wiedersehen hinter Plexiglas: Sohn trifft seine Mutter nach wochenlanger Kontaktsperre

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Händedesinfektion und Mundschutz sind Pflicht, am Eingang wird erst mal Fieber gemessen: Besuche im Pflegeheim sind wieder möglich – allerdings unter Auflagen. Die BNN haben Michael Falak aus Ettlingen beim ersten Wiedersehen mit seiner Mutter nach sieben Wochen begleitet.

Marga Falak läuft unruhig im Flur des Pflegeheims auf und ab. Draußen auf dem Parkplatz am Stephanus-Stift hat sie ihren Sohn Michael schon entdeckt. Kurz haben sie sich zugewunken, durch die Fensterscheibe.

Durchs Fenster lief auch der letzte Kontakt der beiden, vor ein paar Wochen war das: Da hat die 84-Jährige ihrem Sohnemann in einer Mappe Rechnungen und sonstigen Papierkram „zugeworfen“, um den sie sich nicht mehr selbst kümmern kann, sagt er. Jetzt steht das erste echte Treffen seit sieben Wochen an. Das Besuchsverbot, das in Pflegeheimen zum Schutz vor dem Coronavirus galt, wurde gelockert.

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Besuche sind auf 30 Minuten begrenzt

Zwei Tage im Voraus hat Michael Falak einen Termin gebucht, unproblematisch sei das gewesen, sagt er. Besuche sind von Montag bis Freitag zwischen 9.30 und 11.30 Uhr sowie zwischen 14 und 16.30 Uhr möglich, am Samstag zwischen 9.30 Uhr und 12.30 Uhr.

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Sie finden in einem Besucherraum statt, an einem Tisch, der durch eine Plexiglasscheibe getrennt ist. Jedes Treffen ist auf eine halbe Stunde begrenzt. „Die Nachfrage ist sehr hoch“, erklärt Heimleiter Patrick Schäfer.

Am Eingang heißt es: Fieber messen

Bevor er seine Mutter treffen darf, muss Michael Falak seine Hände desinfizieren und sich in eine Liste eintragen, die am Eingang ausliegt. Dann wird Fieber gemessen: Mit einem Thermometer fährt Betreuerin Joyce Selvaratnam dem Besucher über die Stirn. 35,8 Grad, unproblematisch.

Der Wert wird in die Liste eingetragen, dann geht es durch den Garten des Pflegeheims zum Besucherraum. Nochmal Hände desinfizieren, Mundschutz aufsetzen, Einmalhandschuhe anziehen. Hinter der Plexiglasscheibe wartet schon Marga Falak, ebenfalls mit Mundschutz und Handschuhen.

Mundschutz und Handschuhe im Besucherraum

Die erste Berührung seit sieben Wochen ist ein Händedruck unter der Plexiglasscheibe hindurch. Wie es ihr geht, will Michael Falak wissen. „Magenschmerzen“, sagt die 84-Jährige, sie habe immer solche Magenschmerzen. Aber dagegen bekomme sie Tabletten. Vor zwei Wochen war sie im Krankenhaus und wurde untersucht, man hat nichts gefunden.

Begrenzte Fläche: In diesem Garten können die Bewohner des Pflegeheims spazieren oder verweilen – Ausflüge in die Stadt oder den benachbarten Stadtgarten sind in Corona-Zeiten schwierig.
Begrenzte Fläche: In diesem Garten können die Bewohner des Pflegeheims spazieren oder verweilen – Ausflüge in die Stadt oder den benachbarten Stadtgarten sind in Corona-Zeiten schwierig. | Foto: Trauden

„Kann das sein, dass ich dich fünf Wochen nicht gesehen hab?“, fragt sie ihren Sohn. „Sieben“, korrigiert der. Sie sei zufrieden mit der Situation im Heim, sagt die Seniorin, auch wenn sie gerade nicht so viel raus könne. Im Essenssaal hat sie sich mit einer Frau angefreundet, mit der treffe sie sich jetzt häufiger im Garten.

Lesen als Zeitvertreib

Außerdem lese sie viel, ihre Heimatzeitung, die „Rheinische Post“ und andere Lektüren, die ihr Sohn ihr auch während des Besuchsverbots einmal die Woche vorbei gebracht hat. Erst vor einem Jahr hat Michael Falak seine Mutter aus Düsseldorf nach Ettlingen geholt, wo er mit seiner Frau und den Kindern seit 15 Jahren wohnt, erzählt er. In ihrer großen Wohnung kam sie alleine nicht mehr klar.

Wenigstens hab ich dich mal wieder gesehen.

Marga Falak, Pflegeheimbewohnerin

Wie es dem Rest der Familie geht, will Marga Falak noch wissen, dann zeigt ihr Sohn ihr auf dem Handy Fotos von seiner Tochter, die gerade von zuhause ausgezogen ist. Und dann sind die 30 Minuten auch schon rum, Michael Falak muss gehen, der Raum wird desinfiziert, damit der nächste kommen kann. „Wenigsten hab ich dich mal wieder gesehen“, sagt Marga Falak, und er verspricht: „Ich komm bald wieder.“

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Körperliche Nähe und soziale Kontakte haben gefehlt

Gerne hätte er seine Mutter auch umarmt, sagt der 51-Jährige, „aber das geht ja nicht“. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie hat er sie zwei- bis dreimal die Woche gesehen, ging mit ihr Eis essen oder einkaufen. Das Kontaktverbot sei ihm schwer gefallen. Zwar habe man fast täglich telefoniert, aber das sei nicht vergleichbar mit einem Treffen. Was seiner Mutter wohl am meisten gefehlt habe? Die sozialen Kontakte, auch die körperliche Nähe, vermutet er.

Wir sehr das Besuchsverbot den 82 Heimbewohnern seelisch zugesetzt hat, hat Betreuerin Sevaratnam gemerkt. Nun gehe es ihnen spürbar besser, sagt sie. Bei einigen flössen hinter dem Plexiglas die Tränen, wenn sie ihre Angehörigen endlich wiedersehen dürfen.