Ein Meisterwerk: Die aufgeschlagene Wiedmann Bibel. Der gebürtige Ettlinger Willy Wiedmann arbeitete 16 Jahre an seinem einzigartigen Projekt. | Foto: Wiedmann

3333 Bilder

Wiedmann Bibel: Der Schatz lag auf dem Dachboden

Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann: Ein Künstler verwirklicht seinen Traum, doch zu Lebzeiten nimmt kaum jemand Notiz davon. Knapp fünf Jahre nach dem Tod des in Ettlingen geborenen Willy Wiedmann (1929-2013) ist seine gemalte Künstlerbibel nun in edel ausgestatteten Editionen erschienen. Aneinandergereiht haben die ursprünglich dafür gemalten 3 333 Blätter eine Länge von rund 1,2 Kilometern – die Wiedmann Bibel gilt deshalb auch als die längste gemalte Bibel der Welt.

Die längste Bibel der Welt

Wilhelm Richard Heinrich (Willy) Wiedmann hatte viele Talente. Der am 14. März 1929 in Ettlingen geborene Künstler war Maler, Bildhauer, Musiker, Komponist, Schriftsteller und Galerist. Im Jahr 2013 ist Willy Wiedmann im Alter von 84 Jahren gestorben. Sein Sohn Martin nennt ihn in der Rückschau einen Tausendsassa, der unter anderem Flöte, Geige sowie Kirchenorgel spielte und mit dem Kontrabass Weltstars wie Louis Armstrong und Ella Fitzgerald begleitete.

Künstler malte rund 30000 Bilder

In Stuttgart hatte Willy Wiedmann zunächst Musik an der Staatlichen Musikhochschule und später Malerei an der Akademie der Bildenden Künste studiert. Experten schätzen, dass Wiedmann, der auch mehrere Galerien gleichzeitig betrieb, rund 30 000 Bilder gemalt hat, die er unter verschiedenen Pseudonymen in nationalen und internationalen Galerien ausstellte.

Zum Beispiel als Ben Aal, der seinen Geburtsort in Großbritannien mit Ett angab – eine Stadt, die auf der Insel gar nicht existiert. Sein Sohn Martin geht davon aus, dass sein Vater Ett von seinem Geburtsort Ettlingen abgeleitet hat. Die Stadt an der Alb hatte Willy Wiedmann mit seiner Familie allerdings bereits als Kind in Richtung Öhringen wieder verlassen.

Jeder sollte die Bibel verstehen

Schon in der Frühzeit des Christentums wurden biblische Texte mit Bildern illustriert, eine Tradition, die im Mittelalter in Klöstern eine Blütezeit erlebte. Willy Wiedmann war es von Anfang an ein Anliegen, die Bibel so zu vereinfachen, dass sie jeder verstehen kann. Außerdem wollte er dazu anregen, sich mit ihr aktiv zu befassen.

Ablehnung spornte den Tatendrang von Wiedmann an

Zu Lebzeiten fand er freilich weder Verleger noch andere Geldgeber, die seinen Wunsch einer Veröffentlichung der Bilderbibel erfüllen wollten. Das einzigartige Werk hatte er in Polaroidbildern und mit auf Schreibmaschine geschriebenen Erklärstücken angepriesen. Die Ablehnung bremste seinen Tatendrang nicht, sie spornte ihn vielmehr nur noch weiter an.

Willy Wiedmann, spricht bei der Präsentation der «Wiedmann Art Bibel».
Martin Wiedmann, Sohn des Künstlers Willy Wiedmann, spricht bei der Präsentation der «Wiedmann Art Bibel». Die Bibel, bestehend aus über 3000 Bildern ist 1,2 Kilometer lang und wird jetzt in Buchform veröffentlicht. | Foto: Sina Schuldt

Für die Ausmalung der Pauluskirche in Stuttgart-Zuffenhausen hatte sich Wiedmann intensiv mit der Bibel befasst. Das hatte wohl auch den Anstoß zu seinem monumentalen Werk gegeben. Von 1984 bis ins Jahr 2000 arbeitete der evangelische Künstler daran, das Alte und das Neue Testament in Bildern zu erzählen.

Er studierte jeden einzelnen Psalm, jeden Vers

„Genau studierte er jeden einzelnen Psalm, jeden Vers, um ihn dann in ein Bild zu übersetzen“, berichtet sein Sohn Martin  Wiedmann. Grundlage seiner Übersetzungsarbeit in die Bildsprache waren 40 verschiedene Bibelversionen.

Künstler lebte zurückgezogen in seinem Galeriehaus

Die Familie habe von dem Schaffen zu der Zeit aber so gut wie nichts mitbekommen, weil der Vater zurückgezogen von der Familie in seinem Galeriehaus lebte. Im Atelier im Dachgeschoss stand ein rund fünf Meter langer Tisch. Dort gestaltete Willy Wiedmann in 16 Jahren die insgesamt 3333 Bilder, die er in Form eines Leporellos aneinanderreihte.

Unglaublicher Fund

Auf das Meisterwerk des Vaters wurde der Sohn, der bei einer international agierenden Bank tätig war, erst nach dem Tod von Willy Wiedmann im Jahr 2013 beim Entrümpeln des Dachbodens der Galerie Wiedmann in der Stuttgarter Tuchmachergasse aufmerksam: „Ich wusste zunächst nicht, was ich da in vier großen Alu-Kisten für einen unglaublichen Fund gemacht hatte.“ In den Memoiren von Willy Wiedmann, die ebenfalls in einer der Kisten lagen, löste der Vater das Rätsel auf – die Wiedmann Bibel.

Bildtafeln mit „persönlicher Handschrift“

Die 3333 gleich großen Bildtafeln hatte der Künstler mit seiner ganz persönlichen „Handschrift“ versehen – in der von ihm entwickelten Polykonmalerei (siehe „Stichwort“), bei der sich ein Bild und ein Motiv in einer fortlaufenden Reihe an das andere fügt. Walter Wiedmann nahm das Erbe auch als Auftrag an. Er wollte das vollenden, was dem Vater nicht gelang.

Digitale Technik hilft bei der Veröffentlichung des Meisterwerks

Dabei hilft ihm die digitale Technik. So entstand auch eine digitale Bibelwelt mit interaktiven Apps für Mobilgeräte etwa für den Einsatz im Schulunterricht und nach jahrelanger Vorbereitung die Wiedmann Bibel mit allen 3333 Bildern in einer zweibändigen limitierten Schmuckausgabe sowie einer Biographie mit Informationen zu Willy Wiedmann und Kommentaren des Künstlers zu seinem Werk.

Anregung zur Auseinandersetzung mit der Bibel

Das hat seinen Preis: Die Premium-Edition gibt es zum Einführungspreis von 790 Euro, die Standard-Ausgabe für 590 Euro. „Die Wiedmann-Bibel regt die Menschen auf visuelle Weise dazu an, sich mit der Bibel und ihren Inhalten aktiv auseinanderzusetzen“, betont Reiner Hellwig, Kaufmännischer und Verlegerischer Leiter der Deutschen Bibelgesellschaft, die das Meisterwerk in ihr Repertoire aufgenommen hat.

Wlly Wiedmann wollte Bibel mit allen Christen weltweit teilen

Für Martin Wiedmann ist der Auftrag damit aber noch lange nicht abgeschlossen. „Der Plan ist, dass wir das Werk auch in den USA, in Südamerika und Teilen Asiens bekannt machen wollen.“ Das sei schließlich auch die Mission des Vaters gewesen: Er habe seine Wiedmann Bibel mit allen Christen weltweit teilen wollen. Die verschiedenen Produkte seien zudem schon jetzt auf Spanisch und Englisch verfügbar.

Bilder aus der Wiedmann Bibel haben auch den Schweizer Lichtkünstler Gerry Hofstetter fasziniert. Seit 1999 verwandelt er weltweit Gebäude, Monumente, Landschaften und Berge mit Lichtkunstprojektionen in temporäre Kunstobjekte. Für seine „Light Art Grand Tour USA“ präsentiert Hofstetter mit seiner Tochter bis 2020 auch Bilder aus der Wiedmann Bibel auf geschichtsträchtige Fassaden, Flüsse und Landschaften in den USA.

Wiedmann-Bilder auf dem Karlsruher Schloss?

Ob solche Bilder vielleicht auch einmal bei den Karlsruher Schlosslichtspielen zu sehen sein werden? „Das wäre natürlich ganz wunderbar“, findet Wiedmann-Pressesprecherin Diana Lammerts. Kontakte nach Karlsruhe bestünden allerdings noch nicht. Die Erfahrung zeige, dass solche Events aber sehr lange Vorlaufzeiten hätten.

Die Polykonmalerei, kurz Polykonie, wurde von Willy Weidmann Mitte der 60er-Jahre nach seinem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart entwickelt. Den Begriff leitete der in Ettlingen geborene Künstler aus den griechischen Worten polys (viel) und ikon (Bild oder Tafel) ab. Typisch für diesen Stil ist die Zusammensetzung von geometrischen Formen, die sich ergänzen, überlagern oder in sich verflochten sind. Für Wiedmann war diese Mehrtafel- und Mehrfarbenmalerei ein Spiel von Farben und Formen mit der Unendlichkeit, weil Bildtafeln aneinandergefügt werden.

 

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