Glück im Graben: Die Erdbebenforscher Joachim Ritter vom KIT und Klaus Reicherter aus Aachen (von rechts) in den Forschungsgräben bei Oberweier, wo Bruchzonen gefunden wurden. | Foto: Rainer Obert

Durchbruch für Geowissenschaft

„Wird weltweit ausstrahlen“: Erdbebenforscher weisen Naturkatastrophe bei Ettlingen nach

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Naturkatastrophe bei Ettlingen: Gesteinsschichten können Freudentaumel bei Geowissenschaftlern auslösen – jetzt geschehen in Oberweier. Dort fanden Forscher in angelegten Gräben Belege für schwere Erdbeben (Paläobeben) nach der letzten Eiszeit. Für die Erforschung der Bebengefahr ein Volltreffer, der Neuberechnungen zur Folge hat.

„Das ist spektakulär und wird weltweit ausstrahlen.“ Professor Klaus Reicherter steht an einem der sechs tiefen Gräben am Dorfrand von Ettlingen-Oberweier. Schwere Erdbeben muss es hier gegeben haben, die Gesteinsschicht sackte jeweils abrupt um etwa einen halben Meter ab. Freilich vor Tausenden Jahren in der Bronzezeit – doch für den Experten für Neotektonik und Georisiken an der Universität Aachen und die Wissenschaft sensationell.

Buntsandsteinpakete sackten einen halben Meter ab

Die geologischen Rheingrabenstörungen sind auf der Ost- und Westseite bekannt, die Ostseite sei aber in Sachen Beben lange vor Beginn der Aufzeichnungen darüber wenig untersucht. Und nun das. „In der Bronzezeit lebten hier schon Menschen, noch als Jäger und Sammler“, erklärt Projektleiter Reicherter. Fast euphorisch steigt er in Stiefeln den matschigen Graben hinunter

Bruchkante: Etwa 50 Zentimeter sackte die Buntsandsteinschicht einst ab, zeigt Professor Klaus Reicherter. | Foto: Rainer Obert

und zeigt, wie ganze Buntsandsteinpakete nach unten verschoben wurden. „Fünfzig Zentimeter“, ruft er mit dem Maßstab in der Hand. Die zwei Beben hatten offenbar Stärken zwischen 6 und 6,5 auf der Richterskala. Erschütterungen also mit Zerstörungen im Umkreis von bis zu 70 Kilometern.

Erdbeben-Höchstwert in der Region

Das wäre der nachgewiesene Beben-Höchstwert in der Region. Vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist Professor Joachim Ritter eingetroffen. „Wir machen keine Panik“, betont der Leiter des Forschungsbereichs Seismologie des Geophysikalischen Instituts. Doch die Erdbebengefahr in diesem Teil des Oberrheingrabens wird aufgrund der Erkenntnisse neu eingestuft. Im Matsch stehend erklärt Ritter: „Es muss nach der letzten Eiszeit passiert sein.“ Die ging etwa vor 11.000 Jahren zu Ende. „Die Mammuts waren gerade ausgestorben. Es lebten aber schon Menschen hier, noch als Jäger und Sammler.“

Die Naturkatastrophe könnte sich in der Bronzezeit ereignet haben, zwischen 2.200 und 800 vor Christus. „Für uns Geowissenschaftler war das gestern.“ Genauere Datierungen nach der

Reste eines Waldbrands vor mehreren tausend Jahren. | Foto: Rainer Obert

Radiokohlenstoffmethode stehen noch aus. Hierfür werden Holzreste eines Waldbrands vor mehreren tausend Jahren untersucht.

1948 bebte die Erde in Rheinstetten

„Man hört beim Thema Erdbeben immer nur vom Süden Richtung Freiburg und Basel.“ Dort seien Beben zwar häufiger, die heftigeren Erdstöße – wenn es passiert – gebe es aber oft im Norden. Dabei muss man gar nicht so weit in die Vergangenheit blicken. „1933 etwa stürzten bei einem Beben Hunderte Kamine in Rastatt ein“, so Ritter. Und 1948 gab es „ein heftiges Beben mit Schäden bei Rheinstetten“. 1728 und 1737 wurde Rastatt von schweren Erschütterungen heimgesucht. Der Alexiusbrunnen Brunnen zeugt davon, damals von den Markgrafen dem Schutzheiligen gegen Erdbeben gewidmet.

Verändert sich die Einstufung der Erdbebenzone?

„Das schwerste gesicherte Erdbeben nördlich der Alpen gab es 1356 im Raum Basel mit einer Stärke von 6,9“, weiß Seismologe Joachim Ritter. Die Oberweierer Forschungen müssen nun in die Einschätzung der Erdbebengefahr einfließen. Eine Neubewertung könne am Ende die Anforderungen für Bauwerke erhöhen, indem etwa Träger oder Wände zu verstärken sind. Während bislang Nord- und Mittelbaden in Erdbebenzone 1 (geringe Gefahr) eingestuft ist, liegt sie Richtung Süden nach Freiburg bei 2 (moderate Gefahr), bei Basel bei Stufe 3 (erhöhte Gefahr).

Ganzer Rheingraben wurde abgesucht

Und wie kam man gerade auf Oberweier? „Der ganze Rheingraben wurde abgesucht“, erklärt Reicherter. Per Laser-Scanner vom Flugzeug aus. Erhöhungen auf der Erdoberfläche – etwa Bäume – werden heraus gerechnet. Ein „nacktes“ Bild der Geländestruktur entsteht. So wurde der Bruch entdeckt. Daraufhin rückt das Forscherteam aus Aachen an, geophysikalische

Was ist im Untergrund? Den Boden „durchleuchtet“ Jochen Hürtgen mit geophysikalischen Widerstansdmessungen. | Foto: Obert

Messungen folgen, dann werden die Gräben unweit der Waldsaumhalle ausgebaggert, bis zu drei Meter tief. Auf der Suche nach den steinernen Zeugnissen in Form von Bruchzonen durch schwere Beben. Alles finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die Selbstverwaltungsorganisation zur Förderung der Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland.

Experten diskutieren Ergebnisse

Zuvor habe die Stadt Ettlingen ihr Okay für die Untersuchungen und Grabung in der Vorbergzone gegeben. Nach Abschluss der Nachforschungen werde man die Gräben beseitigen und Gras pflanzen. Nach rund einer Woche Arbeit wurden die Messstationen bereits abgebaut. Doch am Montag pilgern Experten der Erdbebenforschung nach Ettlingen – aus Deutschland, Frankreich, Tschechien haben sich Kollegen angekündigt.

„Wir stellen uns der Diskussion“, erklärt Geologe Klaus Reicherter. „Es ist ein großer wissenschaftlicher Durchbruch.“ Und Oberweier ist direkt damit verknüpft. Beim nahen Friedhof werde in Oberweier eine seismologische Station dauerhaft eingerichtet. Diese misst fortan permanent die Bodenbewegungen und zeichnet diese für die Forschung auf.

Erdbeben werden in Baden-Württemberg ständig aufgezeichnet. Der Erdbebendienst Südwest dokumentiert die Aufzeichnungen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und angrenzenden Regionen inklusive der Seismogramme unter www.erdbebendienst-suedwest.de. Auskünfte zu Erdbeben werden beantwortet unter Telefon (0761) 208-3083 oder per Mail an led@led-bw.de an den Landeserdbebendienst.