Das Anti-Kriegsdenkmal an der Ettlinger Rathausbrücke von Oskar Alexander Kiefer bleibt auch 75 Jahre nach Kriegsende aktuell.
Das Anti-Kriegsdenkmal an der Ettlinger Rathausbrücke von Oskar Alexander Kiefer bleibt auch 75 Jahre nach Kriegsende aktuell. | Foto: BNN

Gefangenenlager und Feiern

Zeitzeugen erinnern sich an Ende des Zweiten Weltkriegs im Albtal

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Als am 8. Mai 1945 die Kapitulation des Deutschen Reiches unterzeichnet worden war, endete offiziell der Zweite Weltkrieg. Zeitzeugen erinnern sich an das Kriegsende, die Maitage vor 75 Jahren im Albtal.

Der Ettlinger Stadtpfarrer Hermann Weick schrieb in seinem Tagebuch, dass die französischen Besatzungssoldaten, sobald sie davon erfuhren, den Turmschlüssel zur Martinskirche verlangten. Sie wollten die Glocken läuten. „Ich ging mit ihnen zum Turm hinauf.

Sie umarmten und küssten sich.

Pfarrer Hermann Weick in seinem Tagebuch

Da rissen die derart an den Glockenseilen, dass es nur so krachte; …wie Verrückte rannten sie durch die Straßen und schrien immer wieder: Finis la guerre!, umarmten und küssten sich.“

Bei der Ettlinger Familie Reich war die Stimmungslage in diesen Tagen anders.

Das Anti-Kriegsdenkmal an der Ettlinger Rathausbrücke von Oskar Alexander Kiefer bleibt auch 75 Jahre nach Kriegsende aktuell.
Das Anti-Kriegsdenkmal an der Ettlinger Rathausbrücke von Oskar Alexander Kiefer bleibt auch 75 Jahre nach Kriegsende aktuell. | Foto: BNN

Wochenlang in der eigenen Wohnung eingesperrt

Werner Reich, lange Stadtrat  in Ettlingen, erlebte das Kriegsende in Ettlingen. Foto: jcw

„Wir waren wochenlang in unserer Wohnung in der Schillerschule, wo sich französische Soldaten einquartiert hatten, eingesperrt. Alles war zugenagelt. Wir kamen nur über einen Notausgang heraus“, erzählt der frühere Ettlinger CDU-Stadtrat Werner Reich.

Am 8. Mai waren die Franzosen schon über einen Monat in der Stadt.

Reich hatte als kleiner Junge bereits einiges seit dem Einmarsch der Franzosen erlebt: Einen Granateinschlag in der Schule, die Ausquartierung seiner Familie und die Einquartierung für mehrere Tage von französischen Soldaten in der Wohnung.

Zeitweise 1.000 Soldaten in der Schillerschule

In der Schillerschule nächtigten zeitweise 800 Marokkaner und 200 Franzosen. „Wir bekamen zum Schutz zwei Deutsch sprechende Soldaten in unsere Wohnung einquartiert. Sie schliefen bei uns im Wohnzimmer. Wir Kinder konnten uns lange unter dem Wort ’Befreier’ nichts vorstellen. Wir waren in der Schule dazu erzogen worden, in allen einen bösen Feind zu sehen. Von Demokratie wurde nicht gesprochen.“

Kriegsende im Gefangenenlager

Walter Bauer war zu Kriegsende im Internierungslager. Foto: jcw

Walter Bauer, 92-jähriger Ur-Busenbacher, erlebte das Kriegsende seiner Erinnerung nach entwder im Internierungslager in Knielingen oder schon im ehemaligen KZ-Struthof im Elsass.

Genau wisse er es nicht mehr. Mit dem Fahrrad hatte sich der damals 17 Jahre alte Friseur Mitte/Ende April zusammen mit zwei Kollegen aus dem Schwarzwald von seiner militärischen Einheit in Leipzig abgesetzt.

Ende April war er in seinem Heimatdorf Busenbach angekommen. Das freudige Wiedersehen währte allerdings nicht lange. Tage drauf klopfte Pfarrer Ohlhäuser an die Tür.

Mit dem Lkw nach Struthof im Elsass

Bauer und sein Vater Josef sollten sich am 1. Mai auf dem Rathausplatz bei der örtlichen Kommandantur melden. „Bereits um 8 Uhr standen wir da. Um 12 Uhr kam ein Lkw und nahm rund ein dutzend Männer mit. Ich war der Jüngste“, erzählt der 92-Jährige. Er sollte wie die anderen dort stehenden Busenbacher Monate lang sein Dorf nicht sehen. Auf seinem Transport nach Struthof machte er in der Stadt Mützig im Elsass Station. Dort sei ungefragt ein Einwohner auf ihn zugekommen.

Beutel mit Brot zugesteckt

Dieser steckte ihm einen Beutel mit Brot zu. Auf die Frage, ob das Leben in Struthof schrecklich war, antwortet Bauer trocken: „Isch gange.“ Zuerst habe er in einem Steinbruch gearbeitet, aber bald in der Küche des Lagers, was ihm geholfen habe, einigermaßen über die Runden gekommen. Gut für ihn sei gewesen, dass er als Friseur Haare schneiden konnte. Viele Jahre später kehrte er als Besucher nochmals zurück. Die Geschichte von dem Lager sei deprimierend gewesen. Wobei Bauer anmerkt, er sei damals vom Wachpersonal gut behandelt worden.

Stolz ist er auf einen kleinen Zettel, auf dem fast alle Namen derjenigen stehen, die mit ihm am 1. Mai vom Dorfplatz in Busenbach abtransportiert wurden: „Ich bin der einzige, der noch lebt.“ Für Bauer war Kriegsende, als er im Oktober nach Busenbach zurückkehrte.

Feiern im Schulhof Langensteinbach

Hildegard Ried erlebte das Kriegsende in Langensteinbach. Foto: Weber

Hildegard Ried aus Langensteinbach, Autorin des Buches „Karlsbader Orte im Krieg – Zeitzeugen erinnern sich“, erlebte die Siegesfeiern der Franzosen am 9. Mai auf dem Schulhof als damals 12-Jährige mit. Zu den Feiern habe der „Anker“-Wirt Tische und Stühle anschleppen müssen. Die Franzosen hätten zwar unter sich gefeiert, aber die Bevölkerung habe von weitem zugesehen. Mädchen aus dem Ort hätten bedienen müssen. Ein Franzose nach dem anderen habe eine bedeutsame Rede gehalten.

Die Marseillaise sei immer wieder, unterbrochen von Gewehrsalven, gesungen worden. Die Feier sei bis spät in die Nacht gelaufen. Manche der jungen Bedienungen seien beschwipst nach Hause gekommen, so die Autorin.

Reichsarbeitslager in die Luft gesprengt

Martin Knirsch hörte in Bad Herrenalb die Sprengung eines Munitionsdepots. Foto: Bentz

Martin Knirsch, lange Gemeinderat in Herrenalb, war beim Einmarsch der Franzosen sechs Jahre alt: In Erinnerung ist dem Gaistäler, der damals im dortigen kleinen Schulhaus wohnte, die Verhaftung von vielen Männern über 16 Jahre.

Sie sperrte man auf dem Zieflensberg in Stallungen ein. Einige seien gefoltert worden und ein, zwei in der Folge daran gestorben. Vor dem Einmarsch sei das in Herrenalb befindliche Reichsarbeitslager gesprengt worden.

Hintergrund sei gewesen, dass man die großen dort vorhandenen Munitionsdepots nicht in die Hände des Feindes fallen lassen wollte.

In Hungerzeiten im Wald gewildert

Für viele Gaistäler sei die Sprengung willkommen gewesen, weil sie so noch an viel herumliegende Munition gekommen seien, zudem auch Karabiner gefunden wurden.. In Hungerzeiten seien diese wichtige Werkzeuge zur Nahrungsbeschaffung, sprich Wilderei, im Wald gewesen