Strommasten für Oberleitungs-Lkw wie auf dieser Siemens-Teststrecke wird es bald auch auf der B 462 im Murgtal geben. Übrigens: Den Fahrstreifen unter der Oberleitung können alle Fahrzeuge ohne Probleme nutzen. | Foto: dpa

Pilotprojekt im Murgtal

Ab 2020 fahren Oberleitungs-Lkw auf der B 462

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Nach seinem Schlusswort durfte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) freundlichen Applaus in der sehr gut gefüllten Wörtelhalle in Kuppenheim verbuchen. Zuvor hatten Experten aus verschiedenen Blickwinkeln ausführlich das Pilotprojekt „eWayBW“ vorgestellt, das eine Teststrecke für Oberleitungs-Lkw auf der B 462 zwischen Kuppenheim und Gernsbach-Obertsrot vorsieht. Hermann sprach davon, dass „das Projekt ziemlich gut durchdacht“ sei und dass „ziemlich viel Wissen herangezogen“ werde. Ein Drittel aller Treibhausgase komme aus dem Verkehr; mit Blick auf die Klimaschutzziele müsse man folglich zu neuen Formen kommen, hatte der Verkehrsminister schon zu Beginn des Informationsabends gesagt.

Kritik von Mußler

In der offenen Fragerunde im Anschluss an die Vorträge gab es auch mehrere kritische Anmerkungen, etwa von Oberndorfer Bürgern, die nahe an der B 462 wohnen. Kuppenheims Bürgermeister Karsten Mußler kritisierte vehement, dass für die Genehmigung ein vereinfachtes Verfahren herangezogen werde: „Ohne Planfeststellungsverfahren haben weder der Gemeinderat noch die Bürger ein Mitspracherecht“, echauffierte sich Mußler, der eine „rechtliche Prüfung“ ankündigte.

Die dritte Teststrecke bundesweit

Die Teststrecke „Oberleitungs-Lkw auf der B 462“ zwischen Kuppenheim und Gernsbach ist die dritte in Deutschland – aber die erste bundesweit außerhalb einer Autobahn. Die Fragestellung lautet: Können Oberleitungs-Lkw einen großen Beitrag für einen klimafreundlichen Güterverkehr leisten? Die Pilotstrecke umfasst insgesamt gut 18 Kilometer, davon werden aber nur etwa sechs Kilometer elektrifiziert: Diese Oberleitungsmasten kann man sich wie bei der (in der Nähe verlaufenden) Stadtbahn vorstellen; sie sollen zum einen entlang der Bundesstraße vom Abzweig Muggensturm bis zum Unimog-Museum und dann wieder in Höhe Amalienbergparkplatz (oberhalb von Ottenau) errichtet werden.

Projekt heißt „eWayBW“

Das Pilotprojekt trägt den Namen „eWayBW“. Abgeleitet wurde dieser von den bisherigen Teststrecken, das sind zwei Abschnitte von Autobahnen (Highway) der A 1 und A 5. Da nun auf einer Bundesstraße elektrisch (e) getestet wird, wird aus Highway nurmehr Way, BW steht für Baden-Württemberg.
Den Löwenanteil der rund 17,6 Millionen Euro teuren Infrastrukturkosten trägt der Bund im Rahmen des Förderprogramms „Erneuerbar Mobil“. Träger des Vorhabens ist das Verkehrsministerium in Stuttgart.

Zum Einsatz kommen Elektro-Diesel-Hybrid-Lkw

Die Test-Lkw werden Elektro-Diesel-Hybrid-Lkw mit Dachstromabnehmer und elektrischem Fahrantrieb sein. Entlang einer Oberleitungsstrecke fährt der Lkw automatisch seinen Abnehmer aus; dann wird der Elektromotor mit Strom gespeist und gleichzeitig die Batterie aufgeladen. Damit kann der Lkw nach dem Verlassen der Oberleitungsstrecke („Abdocken“) elektrisch weiterfahren. Erst wenn auch der Akku erschöpft sein sollte, wird automatisch auf das Dieselaggregat umgeschaltet.

„Oberleitungen sind High Tech“

„Oberleitungen sind High Tech“, schwärmte in Kuppenheim der Experte Arnd Stephan, der an der TU Dresden eine Professur hat. Vorteile seien eine kontinuierliche Energieversorgung, eine Lebensdauer von deutlich über 50 Jahren und ein elektrischer Wirkungsgrad von über 97 Prozent. Zum Einsatz komme eine zweipolige Gleichstrom-Oberleitung mit einer Nennspannung von 600 Volt und einem Regelmastabstand von 65 Metern. Es werde auch „windschiefe Kettenwerke“ geben – Fachausdruck dafür, dass sich die Oberleitung adäquat zur Straßenführung „in die Kurve legt“.

Wie ist es aktuell?

Auf der Pilotstrecke zwischen Gernsbach-Obertsrot und Kuppenheim werden jährlich von schweren Lkw über 500 000 Tonnen Papier und Pappe von drei Papierfabriken in ein Logistikzentrum nach Kuppenheim gebracht – im 24-Stunden und 7-Tage-Rhythmus. Pro Tag ist von durchschnittlich 64 Umläufen die Rede – mit der entsprechend hohen Belastung für die Umwelt. Firmenchef Dieter Fahrner („So kann es nicht weitergehen“) hatte die ersten Testberichte von Oberleitungs-Lkw andernorts aufmerksam verfolgt, wandte sich nach Stuttgart und brachte mit seiner Initiative die Einrichtung der Teststrecke im Murgtal auf den Weg.

Die bisherige Forschung

Der jetzige Pilotversuch im Murgtal startet nicht bei null. Die Technologie wird in Deutschland seit 2010 insbesondere von Siemens intensiv erforscht, zunächst auf einer nicht öffentlichen Teststrecke in Groß Dölln. Siemens ist auch jetzt wieder dabei. Zudem wurde die Technologie laut des Vortrags der Experten am Mittwochabend in Schweden wie auch in Kalifornien auf Teststrecken erprobt.

Der Zeitplan

Die Vermessungsarbeiten sind laut Ministerialrat Marcel Zembrot vom Stuttgarter Verkehrsministerium abgeschlossen. Bis August sollen das (verkürzte) Genehmigungsverfahren und bis Dezember die Vergaben abgeschlossen sein. Die Baumaßnahmen entlang der Strecke sind für das zweite und dritte Quartal 2019 vorgesehen. „Richtig losgehen“ soll es dann mit einem dreijährigen Realbetrieb der Oberleitungs-Lkw auf der B 462 zwischen den Kuppenheimer Speditionen und den Gernsbacher Papierfabriken zum Jahresbeginn 2020. Die Speditionen Fahrner Logistics und Huettemann Logistics werden die Oberleitungs-Lkw innerhalb realer Logistikprozesse zu den Gernsbacher Papierfabriken einsetzen. Nach der dreijährigen Praxisphase bis Ende 2022 soll nach derzeitigem Stand die komplette Anlage (Strommasten) zurückgebaut werden.

Die Begleitforschung

Die gesamte Testphase wird wissenschaftlich begleitet, vor allem vom Fraunhofer-Institut und dem Forschungszentrum Informatik. Dabei geht es unter anderem um eine Akzeptanzstudie (Bevölkerung, Autofahrer) und um Fragen der Energieversorgung (nur „grüne“ Energie macht Sinn, somit kein Strom aus Kohlekraftwerken). Untersucht werden soll auch die Frage: „Können auch andere Fahrzeuge wie Pkw oder leichte Nutzfahrzeuge die Oberleitungen nutzen („Rollende Elektrotankstelle“)?