Austausch in Berlin: Adela Kazija und weitere muslimische Vertreter mit Innenminister Horst Seehofer. | Foto: privat

Neues Projekt in Gaggenau

Adela Kazija aus Gaggenau berät das Innenministerium im Umgang mit Muslimen

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Ein Foto mit Merkel, zu Tisch mit Gauck, Gespräche mit Seehofer: Adela Kazija aus Gaggenau berät die Politik im Umgang mit den Muslimen in Deutschland. Als Vertreterin der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken vertraut das Innenministerium auf ihr Wort. Mit einem neuen Projekt will sie nun in Gaggenau den Austausch der Kulturen fördern.

Bei den Treffen in Berlin geht es um Integration, das Zusammenleben der Religionen und die Ausbildung von Imamen. Auch an der Deutschen Islam-Konferenz nahm sie teil.

Aber Adela Kazija ist bescheiden. Im BNN-Gespräch betont die 40-Jährige immer wieder: „Mir geht es um Inhalte, nicht um mich.“ Dabei ist es ihre Geschichte wert, erzählt zu werden.

Während des Bosnien-Krieges flüchtet Kazija aus ihrem Heimatland. Mit ihrem Mann verschlägt es sie nach Jordanien, wo beide Islamwissenschaften studieren.

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Adela Kazija predigt auch vor Männern

Seit neun Jahren leben sie in Gaggenau. Als Hafiza, die den gesamten Koran auswendig gelernt hat, predigt Kazija in der Bosnischen Moschee. Ihr Mann ist dort Imam. Die junge Frau rezitiert auch vor dem anderen Geschlecht aus der Heiligen Schrift – im Islam ist das durchaus ungewöhnlich.

„Die meisten Männer haben damit kein Problem“, sagt Kazija. Allerdings hätten einige Vertreter anderer islamischer Glaubensgemeinschaften reserviert darauf reagiert, als sie davon gehört haben.

Gaggenauerin vertritt Bosniaken in Berlin

Bei den Gesprächen im Innenministerium vertritt Kazija alle Bosniaken in Deutschland. In der Bundesrepublik leben rund 170.000 bosnische Muslime. 2019 besuchte sie die Deutsche Islam-Konferenz, die den Dialog zwischen dem Staat und den hier lebenden Muslimen fördern soll.

Der Austausch der Kulturen liegt ihr am Herzen. Als Teilnehmerin der Konferenz arbeitete Kazija an einem Projekt mit, das Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe unterstützt.

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Auszeichnung vom Bundespräsident

In Gaggenau beteiligt sich die Bosnierin am ökumenischen Friedensgebet, zu dem Gläubige verschiedener Religionen zusammenkommen. Kazija engagiert sich als Übersetzerin für Arabisch, Bosnisch und Englisch für Flüchtlinge. Sie begleitet und unterstützt sie bei Behördengängen und Arztterminen.

Für ihr Engagement wurde sie vor drei Jahren vom damaligen Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue geehrt. „Die Begegnung ist wichtig, um sich besser kennenzulernen“, sagt Kazija.

Neues Projekt in Gaggenau

Gemeinsam mit Ingrid Chaventré, die Sprachkurse für Migranten gibt, hat sie das Projekt „Lebenswege – und plötzlich sind wir Nachbarn“ ins Leben gerufen. „Wir wollen einen Austausch von unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Religionen ermöglichen“, erklärt Chaventré.

Herzenssache Integration: Ein neues Projekt soll das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen in Gaggenau fördern. | Foto: privat

Der Auftakt zur Veranstaltungsreihe ist am Freitag, 21. Februar, dem Internationalen Tag der Muttersprache, um 17.30 Uhr in der Bosnischen Moschee. Mit einem Film und Vorträgen wollen die Frauen Freude an Sprachen vermitteln.

Auftaktveranstaltung zum Thema Sprache

Ein Thema, das viele Migranten nach ihrer Beobachtung verunsichert. „Sie sorgen sich, dass ihr Kind im deutschen Schulunterricht nicht mitkommt oder die eigene Muttersprache verlernt“, sagt Chaventré: „Diese Angst wollen wir ihnen nehmen.“

Gerade Kinder meisterten den Spagat zwischen eigener und neuer Sprache gut. Am 21. Februar berichten Migranten über ihre Erfahrungen mit verschiedenen Sprachen. Die Diakonie stellt ihren 20-köpfigen Dolmetscherpool vor. Die Ehrenamtlichen helfen Migranten im Alltag.

Aktionstage über das gesamte Jahr

Weitere Veranstaltungen sind am Internationalen Frauentag (8. März), am Welttag des Buches (23. April) und in der Interkulturellen Woche (ab 27. September) geplant.

Dann stehen auch Erfolgsgeschichten wie die von Laila Zeino im Mittelpunkt. Die junge Syrerin kam vor vier Jahren ohne Deutsch-Kenntnisse nach Gaggenau. Heute besucht sie das berufliche Gymnasium an der Anne-Frank-Schule in Rastatt.

Wir wollen zeigen, dass Integration gelingen kann.

„Wir wollen Mut machen und zeigen, dass Integration gelingen kann“, sagt Chaventré. Auch den „Bundesweiten Tag des Nachbarn“ am 29. Mai nutzen die Frauen zur Begegnung.

Ihre Idee: Die gläubigen Muslime sollen ihre deutschen Nachbarn mit in die Moschee bringen. „Viele Menschen denken, wir beten dort nur“, sagt Kazija, „dabei ist die Moschee vor allem eine Begegnungsstätte.“

Gaggenauerin wollen Austausch fördern

Noch immer wüssten die Einheimischen zu wenig über ihre neuen Mitbürger, findet Chaventré. „Oft heißt es nur: Die sollen erst einmal Deutsch lernen.“ Man müsse aber auch die Leistungen anerkennen, die Migranten in ihren Heimatländern erbracht hätten. „Viele wissen zum Beispiel nicht, dass Syrien vor dem Krieg ein sehr gutes Bildungssystem hatte.“

Aufklären, Vorurteile abbauen, miteinander ins Gespräch kommen: Das ist das Ziel des Projekts „Lebenswege“. „Wir können voneinander lernen“, sagt Adela Kazija. Und die deutsche Politik auch ein wenig von ihr.