Noch vor dem eigentlichen Arztbesuch beginnt der Schutz vor dem Coronavirus: per Infoblatt oder am Telefon. Dennoch beklagen Allgemeinmediziner, dass deutlich weniger Patienten als üblich in die Praxis kommen, weil sie sich vor einer Infektion fürchten. | Foto: Strauch/dpa

Angst vor Ansteckung

Ärzte im Murgtal schützen Patienten mit viel Aufwand vor einer Corona-Infektion – und doch bleiben viele fern

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Aus Angst vor einer Corona-Infektion lieber nicht in die Praxis – Ärzte beobachten dieses Verhalten von Patienten seit dem Beginn der Krise. „Ein älterer Herr lief zwei Wochen lang mit einem Herzinfarkt herum und behandelte sich selbst mit Pferdesalbe“, erzählt Kristina Schemel, die eine Hausarztpraxis in Gaggenau-Hörden betreibt. Selbst Menschen mit akuten Schmerzen und chronisch Kranke würden fernbleiben. Dabei gilt die Gefahr, sich in einer Praxis anzustecken, als eher gering: Mit großem Aufwand versuchen die Mediziner im Murgtal, ihre Mitarbeiter und Patienten so gut es geht zu schützen.

Bei Kristina Schemel beginnt dies bereits am Telefon: Per Bandansage werden Patienten mit Symptomen an eine andere Telefonnummer verwiesen. Dort erhalten sie Informationen, wie es für sie weitergeht.

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Patienten mit Verdacht auf Corona werden in eigene Ambulanz überwiesen

„Schon im März haben wir beschlossen, dass wir Leute mit Verdacht auf Corona unbedingt auslagern müssen“, sagt Schemel. Von der Stadt bekam die Hausärztin in der Flößerhalle einen Raum für eine eigene Infekt-Fieber-Ambulanz zur Verfügung gestellt.

Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen – Schutzanzüge und Atemschutzmasken mit Filter sind für Mitarbeiter Pflicht – testet das Team Verdachtsfälle auf das Virus, nimmt Abstriche in der Nase und im Rachenraum ab. „Das entlastet die Praxis sehr, da wir alle kritischen Fälle direkt in unsere Ambulanz schicken.“

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Mit Plexiglasscheiben, Abstand und Desinfektion sorgen Ärzte für Schutz

Selbstverständlich gebe es auch in den „normalen“ Räumlichkeiten Vorkehrungen – etwa Plexiglasscheiben vor dem Empfangsbereich, überall ausreichend Abstand sowieso. Ähnlich sieht es in der Gernsbacher Praxis von Allgemeinmediziner Christian Becky aus. An seiner Tür weist ein Infoblatt darauf hin, dass man mit Covid-19-Symptomen nicht eintreten soll.

In jedem Raum darf sich nur eine Person aufhalten. Außerdem desinfizieren wir die Praxis regelmäßig.

Christian Becky, Allgemeinmediziner

„In jedem Raum darf sich nur eine Person aufhalten. Außerdem desinfizieren wir die Praxis regelmäßig“, erklärt Becky, der mit Blick auf die Maßnahmen von einem „Mehraufwand“ bei der täglichen Arbeit spricht. Sein Personal schützt sich mit FFP2-Masken vor einer Ansteckung.

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An vorderster Front: Zahnärzte sind besonders gefährdet

Diese kommen auch bei Zahnarzt Matthias Storch (Gaggenau) zum Einsatz, „aber nicht dauerhaft, da man irgendwann zu wenig Sauerstoff bekommt“. Dennoch ist Storch froh, nach den Lieferengpässen überhaupt wieder Masken zu haben. „Zahnärzte sind schon besonders gefährdet. Wir können keinen Abstand halten und verursachen bei der Behandlung gefährlichen Wassernebel, der Viren leicht verbreiten kann“, sagt er. Nicht ohne Grund seien Zahnärzte eine Zeit lang die „Super-Spreader“ des Virus gewesen.

Für viele Leute sind die Zahnschmerzen größer als die Corona-Angst

Matthias Storch, Zahnarzt

Umso mehr ärgert sich Storch, dass seine Zunft im Vergleich zu den Kollegen anfangs keine Unterstützung von den Kassen bekam – obwohl die Zahnärzte quasi an vorderster Front „kämpften“. Auch wenn Termine besser koordiniert und Patienten „im Notfall auch mal draußen warten müssen“, läuft es in Storchs Praxis derzeit rund. „Für viele Leute sind die Zahnschmerzen größer als die Corona-Angst“, berichtet er.

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Ärzte appellieren daran, bei Beschwerden unbedingt in die Praxis zu kommen

Ganz anders bei den Allgemeinmedizinern: Zu Christian Becky kommen derzeit rund 30 Patienten weniger pro Tag. Man merke, „dass die Menschen nicht mehr wegen jedes Schnupfens zum Arzt gehen“. Bei ernsthaften Erkrankungen kann das allerdings fatale Folgen haben. Deshalb appellieren die Mediziner daran, Vertrauen zu haben und bei Beschwerden unbedingt einen Termin auszumachen.

Inzwischen hatten wir seit drei Wochen keinen Infektionsfall mehr.

Kristina Schemel, Hausärztin

Aufgrund der momentanen Entspannung ist die Wahrscheinlichkeit, auf Infizierte zu treffen, ohnehin geringer. „Im März hatten wir in unserer Ambulanz noch 90 Patienten am Tag, darunter viele positive Tests“, erinnert sich Kristina Schemel. „Inzwischen hatten wir seit drei Wochen keinen Infektionsfall mehr.“