Ein Ziel vor Augen: Beim „Projekt Neuanfang“ auf dem Weidenhof in Gernsbach-Staufenberg hilft Sozialpädagogin Frauke Kess (rechts) alleinerziehenden Frauen, einen Weg ins Berufsleben zu finden.
Ein Ziel vor Augen: Beim „Projekt Neuanfang“ auf dem Weidenhof in Gernsbach-Staufenberg hilft Sozialpädagogin Frauke Kess (rechts) alleinerziehenden Frauen, einen Weg ins Berufsleben zu finden. | Foto: Christiane Widmann

„Projekt Neuanfang“

Alleinerziehende Frauen finden mithilfe von Gernsbacher Verein zurück in den Beruf

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Mit dem „Projekt Neuanfang“ unterstützt der Gernsbacher Verein „Pferde bewegen Menschen“ alleinerziehende Frauen auf dem Weg ins Berufsleben. Künstlerisch sollen sie ihre Ziele entdecken – und Träume Schritt für Schritt umsetzen.

Alleinerziehend zu sein ist kein Zuckerschlecken. Davon können in Baden-Württemberg 270.000 Frauen und 55.000 Männer (Statistisches Landesamt, 2018) ein Liedchen singen. Eine besondere Herausforderung ist es, Beruf und Betreuung zu vereinbaren.

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Mit Pferden den Weg ins Berufsleben erleichtern

Das zeigt sich in der Coronakrise deutlicher denn je. Angehörige und Freunde, die mit Rat und Tat unterstützen, sind das A und O. Doch nicht alle haben ein soziales Netz. Viele haben nicht einmal einen Job.

2018 haben 44.000 Alleinerziehende im Land Arbeitslosengeld bezogen. 81 Prozent der alleinerziehenden Frauen unter 65 waren erwerbstätig, bei Männern waren es 89 Prozent.

Mit dem „Projekt Neuanfang“ unterstützt der Verein „Pferde bewegen Menschen“ deshalb gezielt Frauen auf dem Weg ins Berufsleben. Die Vereinsvorsitzende Frauke Kess und Kunsttherapeutin Maike Vierling haben das Projekt im Januar auf dem Weidenhof in Staufenberg gestartet. Kess ist Diplom-Sozialpädagogin, Gestalt- und Reittherapeutin.

Wegen Corona finden Gespräche nur online statt

Die beiden Frauen wünschen sich noch mehr Teilnehmerinnen. Mit kreativen Arbeiten, Gruppen- und Einzelgesprächen (derzeit freilich nur online) wollen sie ihnen ein halbes Jahr lang helfen, sich ihre Ziele und Wünsche klarzumachen.

Dann erarbeiten sie mit ihnen konkrete Handlungsschritte, um diese Ziele zu erreichen. Sie rufen ihnen Ressourcen ins Gedächtnis – Wen kenne ich, wer kann mir helfen? – und vermitteln an Beratungsstellen und Ämter. So soll ein Netzwerk aus Fachleuten, Verwandten und Freunden entstehen.

Wer sich vom „Projekt Neuanfang“ angesprochen fühlt, kann sich bei Frauke Kess melden (Kontakt: 0 72 24/ 6 20 07 82 und info@pferde-bewegen-menschen.com). Die Teilnahme ist kostenlos. Die Dauer der Teilnahme ist auf sechs Monate angelegt, kann bei Bedarf aber verlängert werden. Das Angebot richtet sich an Frauen mit und ohne Migrationshintergrund.
In der aktuellen, ersten Gruppe sind noch Plätze frei. Insgesamt sind drei Gruppen für je acht bis zehn Personen vorgesehen. Sobald wieder Treffen auf dem Hof stattfinden, bieten die Veranstalter Fahrdienste an und können Fahrtkosten erstatten.
Das Projekt läuft ein Jahr lang. Ermöglicht wird es durch Fördermittel der Deutschen Postcode Lotterie und durch ehrenamtliche Arbeit.

 

Frauke Kess ist wichtig, dass die Mütter aus dem „Einzelkämpfer-Modus“ herauskommen. „Es ist ein Lernprozess, nicht die Zähne zusammenzubeißen.“

Ich glaube, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, glücklich zu sein.

Frauke Kess, Sozialpädagogin

Hilfe anzunehmen gelte zu oft als Zeichen von Schwäche. Ihrer Ansicht nach sollte die Bitte um Unterstützung mit Stärke und Mut gleichgesetzt werden.

„Ich glaube, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, glücklich zu sein“, betont sie. Das Projekt soll das Fundament dafür stärken.

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Ein soziales Netz ist eine wichtige Basis

Kess verweist auf die „Fünf Säulen der Identität“ nach dem Psychologen Hilarion Petzold. Diese sind das soziales Umfeld, Tätigkeiten und Beruf, materielle Sicherheit, Körper und Gesundheit sowie die eigenen Werte.

Wenn eine Säule wegbricht, folgen womöglich weitere. Etwa, wenn mit dem Beruf die finanzielle Absicherung verloren geht. Das Projekt soll helfen, „alle Säulen ein bisschen aufzurichten.“

Das Wichtigste sei der Mut zu träumen. „Dann kann es sich fügen. Plötzlich tun sich Türen auf.“ Die Frauen sollen sich deshalb ganz frei damit auseinandersetzen, was sie beruflich machen möchten.

Ich will mich selbst tragen.

Anna Hill, Projekt-Teilnehmerin

„Es hilft, dass nach Träumen gefragt wird: Ganz groß in die Sterne greifen und das dann runterbrechen“, sagt Anna Hill. Die 30-Jährige ist eine der Teilnehmerinnen.

Ihr Ziel ist klar: „Ich will mich selbst tragen.“ Sie ist seit viereinhalb Jahren Mutter, seit vier Jahren alleinerziehend. Bislang hat sie noch keinen Beruf ausgeübt. Im Herbst will sie nun eine Ausbildung zur Erzieherin in Kombination mit tiergestützter Therapie beginnen.

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Gegenseitige Unterstützung ist wichtig

Sie erhofft sich von der Teilnahme ein erweitertes Netzwerk. Ihre Familie lebe weit weg, sagt sie. Sie sei deshalb auf Freunde und gegenseitige Unterstützung angewiesen.

Nicht auf Familie zurückgreifen zu können, ist auch für zwei weitere Teilnehmerinnen eine Herausforderung. Eine der beiden ist erst seit wenigen Monaten alleinerziehend. „Es kommt ein Riesenberg auf mich zugerollt“, sagt sie.

Eine Wohnung hat sie mittlerweile gefunden, doch viele Fragen sind noch offen – auch die, wie es beruflich weitergeht. Sie träumt von Selbstständigkeit. Die Möglichkeit, „innezuhalten“ und „reinzuhorchen“, tue ihr gut.

Projekt bringt Müttern Zeit für sich selbst

Ähnlich geht es einer zweifachen Mutter. Seit einem Jahr sei sie krankgeschrieben, der Kontakt zur Familie abgebrochen, die meisten Freunde kinderlos. „Bei mir ist’s so viel im Moment.“ Zeit für sich zu haben „hilft mir gerade ganz viel.“