Der Gernsbacher Stadtarchivar hat Interessierten am Freitag unterschiedliche Gedenkstätten für Gefallene des Ersten Weltkriegs gezeigt. | Foto: Christiane Widmann

NS-Zeit im Murgtal

Am künftigen Mahnmal in Gernsbach scheiden sich die Geister

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Der Beschluss, das Kriegerdenkmal auf dem Rumpelstein zum Mahnmal zu machen, erregt die Gemüter. Das hat sich unter anderem am Freitag gezeigt. Stadtarchivar Wolfgang Froese bot als Einstieg in den Umwidmungsprozess am späten Nachmittag eine Führung zu drei Gedenkstätten für Gefallene der Weltkriege an. Sie endete mit einer regen Diskussion.

Wie berichtet, ist das Bauwerk 1936 unter nationalsozialistischer Regie erbaut worden. Infotafeln und Bildungsangebote sollen es in seinen historischen Kontext einordnen. Einen entsprechenden Grundlagenbeschluss hat der Gernsbacher Gemeinderat kürzlich gefasst.

Der Gemeinderat hat am 30. September beschlossen, das Kriegerdenkmal auf dem Rumpelstein als Mahnmal und Lernort zu gestalten.
Informations- und Bildmaterial vor Ort soll das Bauwerk erklären und in seinen geschichtlichen Kontext stellen. Mithilfe von QR-Codes auf den Infotafeln sollen Smartphone-Nutzer weiterführende Informationen abrufen können.
Das Stadtarchiv ist zuständig für vertiefende Bildungsangebote. Es soll historische Dokumente aufbereiten, mit Schulen zusammenarbeiten und Veranstaltungen organisieren.
Zum Gedenken an örtliche Opfer von Krieg und Gewalt soll ein würdiger, alternativer Ort gewählt werden.

Wolfgang Froese hält diese Einordnung für unbedingt erforderlich. Die Generation, die den Krieg selbst erlebt hat und um Angehörige trauern musste, stirbt aus. Nachfolgende Generationen müssen sich deshalb überlegen, wie sie das Andenken an die Toten angemessen pflegen wollen. Und welche Werte sie dabei zugrunde legen.

Gedenkstätten auf Gernsbacher Friedhöfen erlauben private Trauer

Dass es verschiedene (und verschieden gute) Ansätze des Gedenkens gibt, zeigte Froese anhand der drei Denkmale. Zuerst führte er die rund 25 Teilnehmer zu den schlicht gehaltenen Gedenksteinen auf dem evangelischen und katholischen Friedhof. Diese stammen vom Anfang der 1920er Jahre und sind den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet.

Die Gedenkstätten auf den Gernsbacher Friedhöfen – hier dem evangelischen – sind schlicht gehalten. Stadtarchivar Wolfgang Froese präsentiert sie als Kontrast zum Denkmal auf dem Rumpelstein. | Foto: Christiane Widmann

Die Trauer um die einzelnen Toten und die christliche Hoffnung auf die Auferstehung steht bei der Gestaltung im Mittelpunkt. Die Denkmale sind abgeschieden und unauffällig genug, um still gedenken zu können.

Denkmal auf dem Rumpelstein ist ursprünglich für Aufmärsche gedacht

Das auf dem Rumpelstein thronende Denkmal mit seinem Aufmarschplatz hingegen inszeniert die Gefallen seit 1936 im Kontext von Sieg, Heldentum und Ruhm. Die Getöteten werden dabei nur als Soldaten in den Blick genommen, mit Name und Regimentszugehörigkeit, ohne Todestag.

Das Denkmal auf dem Rumpelstein stellt nicht die Toten in den Vordergrund, sondern das Soldatentum. | Foto: Christiane Widmann

Das fällt aber nur demjenigen auf, der bewusst und genau hinschaut. Zumal sich die Ergänzungen späterer Jahre scheinbar nahtlos in die verklärende Darstellung einfügen; es gibt keine klare Abgrenzung. Das gilt beispielsweise auch für die Namen zweier jüdischer Soldaten des Ersten Weltkriegs, die in den 1980er Jahren in roter Farbe angefügt wurden.

Gedenken in Gernsbach soll zu demokratischen Werten passen

Die Art des Gedenkens, die in dem Bauwerk auf dem Rumpelstein angelegt wurde, passe nicht zu den demokratischen Grundwerten, die die deutsche Gesellschaft mittlerweile prägen, argumentiert Froese. Nicht zuletzt deshalb hält er eine Distanzierung und Kommentierung für unabdingbar.

Mit seiner Argumentation erntete er viel Zuspruch. Doch es gab auch Kritik. Ein Teilnehmer befürchtete, die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs könnten zu reinen Tätern erklärt und so herabgewürdigt werden.

Wir brauchen einen Meinungsbildungsprozess

Eine andere Teilnehmerin hielt eine explizite Einordnung für unnötig, da das Bauwerk in ihren Augen für sich spreche. Auch die Sorge, das Bauwerk selbst könne verändert werden, kam zur Sprache. Froese selbst und weitere Befürworter hielten eifrig dagegen.

Weitere Veranstaltungen und Workshops beziehen Bürger ein

Froese sah die Diskussion positiv: „Wir brauchen hier einen Meinungsbildungsprozess, kein einmaliges Umwidmen.“ Deshalb wird es auch weitere Veranstaltungen und Workshops geben, bei denen Bürger sich einbringen können – und eine eigene Form des Gedenkens finden.