Bild des Schreckens: Das Haus der Familien Barth und Fritz im Bermersbacher Unterdorf wurde durch einen Bombenabwurf völlig zerstört. Die Hebamme Elise Fritz und der Briefträger Anton Fritz kamen darin ums Leben. | Foto: privat

Luftangriff auf Bermersbach

Am Morgen fielen die Bomben

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Den 6. September 1943 hat Arnold Roth nie vergessen: Bei einem amerikanischen Luftangriff auf Bermersbach verletzte sich der damals Neunjährige schwer. Zwei Menschen starben, mehrere Häuser wurden durch Bomben zerstört. 75 Jahre sind seit dem verhängnisvollen Bombardement vergangen. Die Prothese an seinem linken Bein erinnert Arnold Roth täglich daran. Heute sagt er: „Hätte ich damals auf den Pfarrer gehört, wäre wohl nichts passiert.“

Fliegeralarm hatte Schrecken verloren

Arnold Roth wurde beim Luftangriff auf Bermersbach schwer verletzt. Hier blättert er in alten BNN-Artikeln über die Geschehnisse vom 6. September 1943. | Foto: Körner

Als am Morgen des 6. September der Fliegeralarm durch das beschauliche Schwarzwalddorf schallt, nehmen die meisten Einwohner davon kaum noch Notiz. „Nach vielen Kriegsjahren hatten sich die Menschen daran gewöhnt“, erzählt Roth. Für die neugierigen Buben, darunter der kleine Arnold, ist das Sirenengeheul indes noch immer aufregend. Der heute 84-Jährige erinnert sich: „Wir sind sofort zum Pfarrhaus gestürmt, weil man von dort aus den besten Blick auf die Bomber hatte.“

Fatale Fehlentscheidung

Pfarrer Friedrich Hönig hat da schon eine böse Vorahnung: „Es wird ernst, Kinder“, ruft er den Jungen zu und rät ihnen, sich in den Luftschutzbunker im Christophorus-Haus zu begeben. Die Buben aber rennen die Straße hinab. Ein fataler Fehler. Wenige Meter neben Arnold Roth schlägt eine amerikanische Bombe in einem Garten in der Kirchstraße ein. Die Druckwelle erfasst den Neunjährigen und schleuderte ihn vor die Kirche. „Das ging alles rasend schnell“, sagt der Bermersbacher. Seine Mutter habe ihn aus einem Schutthaufen gezogen und gleich bemerkt, wie schlimm es um ihren Sohn stand. „Der Knochen an meinem linken Unterschenkel war völlig zersplittert“, sagt Roth. Der Junge wird im Not-Lazarett im Bermersbacher Rathaus erstversorgt und mit dem Handkarren – ein Auto gibt es im Dorf seinerzeit nicht – in die Klinik nach Forbach gebracht. Sein Unterschenkel ist nicht mehr zu retten.

Prothese erinnert an 6. September 1943

Nach der Amputation, die der Chirurg Karl Pieper vornimmt, bleibt Arnold Roth mehr als drei Monate zur Genesung in der Klinik. „Eine Krankenschwester aus dem Elsass hat sich rührend um mich gekümmert“, erzählt Roth. Weil er seine Prothese erst Monate später bekommt, muss die Schwester den Jungen durch die Klinik tragen.

Erst zur Weihnachtszeit kehrt Arnold Roth nach Hause zurück. Mit seinem künstlichen Bein hat der Bermersbacher schnell leben gelernt. Mehr als das: Roth ging wandern, joggen, Skilaufen – alles mit Prothese. „Ich habe nie einen Groll gegenüber den Amerikanern empfunden“, sagt er rückblickend, „es war eben Krieg.“

Bomben auf Bermersbach

Um einen gezielten Luftangriff, das gilt heute als gesichert, handelte es sich damals nicht. Wie so oft in den Kriegswirren der 1940er Jahre, spielt das Schicksal eine tragische Rolle. Der 6. September markiert den ersten Tagesangriff der US-Luftwaffe mit insgesamt 262 Maschinen auf Süddeutschland. Die beiden Piloten, die letztlich das kleine Bermersbach bombardieren, haben ursprünglich Stuttgart als Ziel. Schon beim Anflug auf die heutige Landeshauptstadt häufen sich die Schwierigkeiten: Dort herrscht die für diese Jahreszeit typische Talkessel-Wetterlage, die ein genaues Zielen unmöglich macht.

Die amerikanische Luftwaffe bekämpfte Deutschland im Zweiten Weltkrieg mit Bombern wie diesem aus dem Jahr 1943. | Foto: dpa

Die ersten Bomber drehen ab, ihren Ausweichzielen – unter anderem Straßburg und Offenburg – zustrebend. Auf dem Weg zur Rheinschiene werden die amerikanischen Bomber von deutschen Jägern verfolgt und schließlich von der Schwarzenbachtalsperre aus mit Flakgeschützen beschossen. Unter diesem Druck entledigen sich die Flieger beim Überflug von Bermersbach ihrer Abwurflasten. Kurz nach 11 Uhr schmettern die Bomben ins Dorf.

Zwei Bermersbacher sterben

Für zwei Bürger kommt jede Hilfe zu spät: Die Hebamme Elise Fritz und der Briefträger Anton Fritz, der zufällig gerade in deren Haus war, sterben. Zwei Häuser im Unterdorf (Gebhard Wunsch/Anton Stößer und Barth/Fritz) werden völlig zerstört, 37 Gebäude beschädigt. Eine weitere Bombe schlägt im Wald ein. Die Namen der beim Fliegerangriff verletzten Personen, die ins Forbacher Krankenhaus kommen, werden auf einer Liste erfasst, die den BNN vorliegen. Darunter die Namen Arnold Roth und Linus Barth, der einer der Jungen aus der Kirchstraße war.

Niemand ist bei uns. Nur der Schrecken.

Auszug aus der Kriegschronik der Pfarrgemeinde

Pfarrer Hönig vermerkt am 6. September 1943 in der Kriegschronik der Pfarrgemeinde: „Ein schwarzer Tag in der Dorfgeschichte. (…) 11.12 Uhr fallen einige Bomben in einer Reihe ins Dorf. Eine explodiert fünf Meter von der Kirche entfernt (…). Ich liege zwischen Pfarrhaus und Kirche auf dem Boden.“ Weiter schreibt Hönig: „Neben der Kirche werden Linus Barth und Arnold Roth verschüttet. Linus wird erst nach einer Stunde unter einem Stoß Holz hervorgezerrt. Arnold, bis zum Halse im Sand steckend, wird (…) von der Mutter herausgezogen und in das Verbandszimmer des Rathauses gebracht (…).“

Stark beschädigt: Mehrere Häuser in Bermersbach wurden beim Luftangriff 1943 in Mitleidenschaft gezogen, auch das von Gerhard Wunsch. | Foto: privat

Auch die Toten finden Erwähnung: „Hebamme Elise Fritz, beim Waschen in der Küche beschäftigt, wird unter dem Haus begraben und erstickt in Heu, Lehm und Sand. (…) Briefträger Anton Fritz wird im gleichen Haus getötet. Man findet ihn im verschütteten Eingang. Ein Bombensplitter hat ihm den Kopf abgerissen. Niemand ist bei uns. Nur der Schrecken.“