In die Mitte genommen wurde BNN-Redakteur Dominic Körner bei seinem Gastspiel bei den „Klondike Dancers“ in Obertsrot. Für Line-Dance-Anfänger ist es so leichter, sich an ihren Nebenleuten zu orientieren. Links: Trainerin Karin. | Foto: Collet

Redakteur am Limit: Line Dance

Aus der Reihe getanzt

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Meine letzte Folge von „Redakteur am Limit“ endete krachend: Mit dem Gesicht auf dem Sportplatz in Kuppenheim. Noch immer zeugt eine Narbe auf der Stirn von meinem blutigen Versuch als Motoballer. Heute stehen die Chancen auf meine körperliche Unversehrtheit besser. Ich bin zu Gast bei den „Klondike Dancers“, einer Line-Dance-Gruppe aus Obertsrot.

Wer’s nicht kennt: Beim Line Dance bewegt man sich in Reih’ und Glied meist zu schmissiger Country-Musik. Als ich auf den Eingang des Obertsroter Kirchls zusteuere, rekapituliere ich meine Tanzhistorie bis zu diesem Zeitpunkt. Kindergarten-Tänze? Erinnerungen verdrängt. Schuldisco? Letzte Reihe, bloß nicht auffallen. Tanzkurs? Davor hab’ ich mich gedrückt. Das kann ja heiter werden.

Tanzmuffel mit Cowboyhut

Die Tür öffnet sich. Mit einem breiten Grinsen begrüßt mich Michael Görtler, der Gründer der „Klondike Dancers“. Ihm folgt Trainerin Karin, die ich ein wenig bemitleide, weil sie noch nicht weiß, wer da auf sie zukommt: Ein 31-jähriger Tanzmuffel in Holzfällerhemd, ausgewaschenen Jeans und mit Cowboyhut (weil ich dazugehören will). Zum Lockerwerden ein Schluck Bier, dann geht es los. „Bei uns wird niemand ausgelacht“, beteuert Michael, während 20 Tänzerinnen und Tänzer in Formation gehen. Da bin ich aber froh.

Schritte müssen sitzen

„Anfänger in die Mitte“, sagt Karin und deutet mit dem Zeigefinger auf mich, „so kannst du dich besser an deinen Nebenleuten orientieren“. In drei Reihen aufgestellt, üben wir zunächst ohne Musik. Für mich hat man einen „16 count“ ausgesucht, einen Tanz mit 16 Schritten in alle vier Richtungen. Einen „128 count“ traut man mir offenbar nicht zu – zurecht, wie sich bald herausstellt.

Mit dem Rücken zur Gruppe, führt Karin zunächst mit Engelsgeduld die Schrittfolge vor, bis sie auch der Letzte verinnerlicht hat, also ich. „Vor, Touch – Rück, Touch…Vor, Touch – Rück, Touch – und Drehung!“, ruft sie uns zu. Und dann alles wieder von vorne. Mich umgibt eine gut gelaunte Truppe in Cowboystiefeln und mit auffallendem Frauenüberschuss. Nur drei Männer haben sich neben mir eingereiht. Einige tragen Bolotie, die Schnürsenkel-Krawatte der amerikanischen Cowboys.

Wir haben in einer Bruchbude angefangen. Pelzmäntel und Whisky haben uns warm gehalten.

„Alle haben sich rausgeputzt“, sagt Michael, der die „Klondike Dancers“ vor neun Jahren mit Frau Martina gegründet hat. Auf Trapper-Treffen waren die Görtlers auf Line Dance aufmerksam geworden. Namensgebend für die Gruppe war der Klondike River in Kanada, an dem Ende des 19. Jahrhunderts der Goldrausch um sich griff. Indes – auf eine Goldquelle trafen die „Klondike Dancers“ im Kirchl seinerzeit keineswegs. Michael erinnert sich: „Wir haben in einer Bruchbude angefangen, mit einem undichten Dach und Pappe in den Fensterrahmen. Pelzmäntel und Whiskey haben uns warm gehalten“.

Frauen geben den Ton an

Heute ist das Kirchl längst saniert und die Gruppe hat sich in der Murgtäler Vereinslandschaft etabliert. 200 Tänze haben die 25 Mitglieder einstudiert, neben Blues- und Country-Hits auch Popsongs, Dance und Schlager.

Große Gastfreundschaft: Bei den „Klondike Dancers“, hier mit Redakteur Dominic Körner (vorne, Mitte), sind neue Tänzer herzlich willkommen. | Foto: Collet

In der Vorweihnachtszeit tanzt man auf „Last Christmas“, ganz stilecht in der rockigen Version von The Boss Hoss. „Über neue Tänzer würden wir uns freuen“, sagt Michael und ergänzt schmunzelnd: „Vor allem über ein paar Jungs, hier kommt man(n) ja kaum mehr zu Wort“.

Herausforderung Line Dance

Auch heute gibt eine Frau den Ton an: Trainerin Karin drückt jetzt aufs Tempo und dreht die Musik auf. Aus den Boxen schallt Rhythm ,n’ Blues. „Auf geht’s!“, ruft sie. Alle schauen mich erwartungsvoll an. Es gibt kein Entkommen mehr.

Zaghaft mache ich meine ersten Schritte als Line Dancer und die Gruppe setzt sich mit mir in Bewegung. Dummerweise sind die anderen viel zu schnell für mich. Mehrmals jage ich etwas tapsig dem Takt nach und ärgere mich über mich selbst. „War doch gut“, muntert mich Michael nach dem ersten Anlauf auf und scheint dabei innerlich zu feixen. Karin drückt wieder auf „Play“.

Konzentration bis zum letzten Takt

Nach einer halben Stunde, bei der x-ten Wiederholung, bezwinge ich endlich meine Tanzlegasthenie. Fuß vor, zurück, wieder vor, wieder zurück – jetzt läuft es besser. Und gerade als ich denke, dass ich meinen inneren Groove gefunden habe, bin ich wieder raus.

Stichwort: Line-Dance-Gruppen in der Region
Karlsruhe: Alabama Country Dancing/Pennsylvania Liners
Bühl: Wildhorses Linedancers
Bretten: Kraichgau Buffalos
Murgtal: Line-Dance-Freunde Murgtal/Klondike-Dancers Obertsrot
Pforzheim: The Diggers

Geschlossen blicken die „Klondike Dancers“ zu linken Wand, nur der Gast von den BNN hat sich verdribbelt. „Im Kopf nie abschalten“, mahnt Karin und sie hat Recht: Beim finalen Tanz reiße ich mich nochmal zusammen und konzentriere mich bis zum letzten Takt. Und tatsächlich – diesmal tanze ich kaum noch aus der Reihe. Ein wenig stolz bin ich schon.

Warmer Applaus für den Anfänger

Dass ich für meinen steifen Auftritt auch noch stürmischen Applaus ernte, wo hier doch auch eine Tänzerin mit künstlicher Hüfte (!) am Start ist, ist mir dann aber schon etwas peinlich. Immerhin, denke ich auf dem Weg nach Hause: Diesmal bin ich nicht aufs Gesicht gestürzt.