Rollladen runter: Noch ist die Gaggenauer Außenstelle der Bewährungshilfe im Gebäude des Sozialen Kraftsportvereins in der August-Schneider-Straße untergebracht, rechts neben der Tür ist ein Schild. | Foto: Dorscheid

Bewährungs- und Gerichtshilfe

Außenstelle Gaggenau vor dem Aus

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Der Bezirksverein für soziale Rechtspflege Baden-Baden/Rastatt unter seinem Vorsitzenden Ekkhart Koch, Direktor des Amtsgerichts Gernsbach, setzt sich für den Fortbestand der Außenstelle der Bewährungshilfe in Gaggenau ein. Diese gibt es in der Benz-Stadt seit mehr als drei Jahrzehnten, soll nun aber wegfallen.

Amtsgerichtsdirektor schreibt an OB

Aktuell ist sie noch in der August-Schneider-Straße Nummer vier, in dem Gebäude des Sozialen Kraftsportvereins (SKV, auch „Bad Boyz Club“) untergebracht, das ist das Gebäude neben dem Jugend- und Familienzentrum (JuFaZ). Ab dem 1. Juni sollen die Gaggenauer Klienten dann aber wechseln und die bisher schon bestehende Außenstelle im Amtsgericht Gernsbach für Beratungsgespräche aufsuchen.
Genau das möchte Amtsgerichtsdirektor Koch so nicht hinnehmen. In einem Schreiben an den Gaggenauer Oberbürgermeister Christof Florus, das den BNN vorliegt, bittet er das Stadtoberhaupt um Unterstützung. Ziel ist die Aufrechterhaltung einer Außensprechstelle der Bewährungshilfe in Gaggenau – wie schon seit Jahrzehnten.

„Regelmäßiger Kontakt wichtig“

Koch schreibt: „Es entsprach und entspricht unserer Überzeugung, dass es sozial sehr sinnvoll ist, dazu beizutragen, dass die Probanden der Bewährungshilfe eine räumlich dezentrale und damit niederschwellig erreichbare Bewährungshilfe in Ortsnähe besuchen können.“ Eine fußläufige Kontaktaufnahme in Baden-Baden (Koch: „fast in Oos gelegen“) oder in Gernsbach oben auf dem „Stadtbuckel“ „ist meines Erachtens für die Probanden suboptimal und wird auch dem Charakter einer Großen Kreisstadt nicht gerecht“, schreibt Koch weiter. Der erfahrene Richter weist auch daraufhin, dass „bei weitem nicht alle“ ein Fahrzeug oder Geld für Fahrscheine hätten. Wer aber keinen regelmäßigen Kontakt zum Bewährungshelfer hält, begeht Bewährungsbruch und läuft ganz schnell Gefahr, alleine deswegen im Gefängnis die Strafe verbüßen zu müssen. Bewährungshelfer setzen sich auch dafür ein, das Rückfallrisiko zu vermeiden und unterstützen ihre Klienten grundsätzlich nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ etwa bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche.

Koch: 50 Klienten

Aus gutem Grund, so Koch, habe der Landgerichtsbezirk Baden-Baden seit Jahrzehnten nicht nur eine „Hauptstelle“ der Bewährungshilfe in Baden-Baden (Rheinstraße 237), sondern ebenso lange schon Außensprechstellen in Rastatt, Gernsbach und eben auch in Gaggenau. In der Benz-Stadt sind laut Koch bislang gut 50 Klienten an verschiedenen Sprechtagen betreut worden. Die Räume in der August-Schneider-Straße seien zusätzlich auch die Anlaufstelle für die gesetzlich vorgesehenen „Täter-Opfer-Ausgleichsgespräche“.

Bezirksvereine mit langer Tradition

Die Bezirksvereine für soziale Rechtspflege haben eine lange Tradition und verstehen sich als eine Organisation zur Betreuung Straffälliger – in der Haft, vor allem aber „draußen“; beispielsweise bieten sie Anti-Aggressions-Trainingseinheiten an. Die Bezirksvereine gibt es landesweit in jedem Landgerichtsbezirk, im Bezirk Baden-Baden hat Ekkhart Koch den Vorsitz.

Münch: Weniger Klienten, weniger Mitarbeiter

Auf BNN-Nachfrage weist Jörg Münch, Leiter der Einrichtung Karlsruhe der Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg (BGBW), auf „geänderte Rahmenbedingungen“ hin: Der Rückgang der Kriminalität bedeute für die Bewährungshilfe generell einen Rückgang der Klientenzahl, im Gefolge auch einen Rückgang der Zahl der eigenen Mitarbeiter. Die Schließung in Gaggenau mache Sinn, denn eine Zusammenfassung der eigenen Mitarbeiter und der Sprechtage in einem Raum des Amtsgerichts Gernsbach ermögliche einen besseren Arbeitsablauf und einen gleichmäßigeren Einsatz der Mitarbeiter.

„Es geht nicht um die Kosten“

Münch: „Es geht nicht um die Standortkosten, es geht nicht um die Miete, sondern es geht um die Organisation, mit der die bestmögliche Leistung erbracht werden kann.“ Für Gaggenau und Gernsbach zusammen sind nach seinen Angaben aktuell vier hauptamtliche und drei ehrenamtliche Mitarbeiter im Einsatz, die zum Teil aber noch mit anderen Aufgaben belegt seien. „Die Erreichbarkeit in Gernsbach ist gegeben“, verweist der Karlsruher Einrichtungsleiter auf nur wenige Fahrminuten mit der Stadtbahn von Gaggenau aus. „Die Klienten werden kommen.“ Und in besonderen Fällen, so Münch, werde es auch weiterhin Hausbesuche geben. Die Entscheidung für Gernsbach sei „vernünftig“, so Jörg Münch, gleichwohl „nicht in Stein gemeißelt. Gesprächsbereitschaft gibt es immer.“