Deutlich sichtbar war die Nazi-Herrschaft auch in Gernsbach – hier ein Foto von einer Feuerwehr-Parade 1933 durch die Altstadt. | Foto: privat

Stadtarchiv Gernsbach

BNN werten bislang geheime NS-Akten aus

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Propaganda, Überwachung und Intrigen: Die seit Mittwoch im Gernsbacher Stadtarchiv zugänglichen Parteiakten aus der NS-Zeit bieten seltene Einblicke in die Organisation der Murgtäler Nationalsozialisten. Auf 3 000 Seiten, die Wolfgang Froese seit Mai gesichtet und geordnet hat, findet sich auch die Korrespondenz zwischen der NSDAP-Ortsgruppe Gernsbach und der Bezirksleitung Baden-Baden. Die BNN haben gleich am Mittwochvormittag einen ersten Blick in die bislang geheimen NS-Akten geworfen.

NS-Akten: Beamte im Visier

Schon früh haben die Nazis Presse und Kommunalpolitik im Visier. So informiert der Gernsbacher Ortsgruppenleiter Gustav Dressler die NSDAP-Bezirksleitung in einem Schreiben vom 22. Juli 1931 über die im Murgtal meistgelesenen Zeitungen und deren politische Haltung. Über den „Murgtäler“ heißt es etwa „Politische Einstellung: Demokratisch-Volkspart.“ und über den „Murgtalbote“: „Politische Einstellung: Zentrum“. Am 16. Mai 1933 fordert die Bezirksleitung bei Dressler eine Beurteilung der Gemeindebeamten – darunter Bürgermeister, Ratsschreiber und Polizisten – ein, die auf einem standardisierten Vordruck vermerkt werden soll. Zu prüfen ist, ob der Beamte NSDAP-Mitglied, Anhänger oder der Partei feindlich gesinnt ist. Ferner möge man in Erfahrung bringen, ob gegen die Gemeindebeamten in der Vergangenheit Klagen von NSDAP-Parteigenossen laut geworden sind.

Denunziantentum an der Tagesordnung

3 000 Seiten an NS-Akten befinden sich im Gernsbacher Stadtarchiv. | Foto: Stadt Gernsbach

Die Mitglieder der Ortsgruppe sind einander nicht immer grün – auch das geht aus den NS-Akten hervor. Am 18. April 1933 wendet sich Ernst K. an die Ortsleitung. Seine Forderung: Vier SA-Männer, die „sich beschwerdeführend an die Kreis- und sogar Gauleitung gewandt hätten, da sie (bei der Gemeinderatswahl) nicht berücksichtigt worden seien“, sollen aus der Partei ausgeschlossen werden. In dem Schreiben heißt es: „Ich möchte Ihnen von den hiesigen Verhältnissen, wie sie nur durch diese vier Querulanten hervorgerufen wurden, Kenntnis mit dem Ersuchen geben, diese Leute (…) aus der Partei und S.A. (…) wegen parteischädigenden Verhaltens auszuschließen. Sie sind keine würdigen Vertreter und verderben alles wieder, was von anderer Seite gutgemacht wird. Ansehen genießt keiner von ihnen.“  Alfred M. schwärzt dagegen einen Parteigenossen bei der Ortsgruppe an, weil dieser Amtsträger verleumdet habe. Der Mann soll Kritik daran geübt haben, dass ein Neu-Mitglied der Partei zum Kassenprüfer bestimmt wurde und gesagt haben, der Ortsgruppenleiter besäße kein Vertrauen, weil er zu jung sei. Der Denunziant nennt seinen Parteigenossen „eine Fäulnis an einer sonst gesunden Ortsgruppe“, gegen die man vorgehen müsse.

Parteigenossen verpetzt

Die Gruppenleitung wird aber auch dann eingeschaltet, wenn es gar nicht um Politik geht. So beschwert sich Ferdinand K. am 26. August 1944 darüber, dass sich ein Parteigenosse vor anderen über seine Frau lustig gemacht und sie eine „Schwätzerin“ genannt habe. Stein des Anstoßes ist demnach dieses Zitat: „Sie steht oft stundenlang in der Stadt herum und schwätzt.“ Zwar habe sich der Beschuldigte dazu bereit erklärt, sich bei der Frau zu entschuldigen, so Ferdinand K., er sei der Ankündigung aber bislang nicht nachgekommen. Nun schreibt K. an die Ortsgruppenleitung: „(…) bitte ich um Bestimmung eines Termins, in welchem (dem Parteigenossen) die Gelegenheit geboten wird, seine obigen Behauptungen entweder unter Beweis zu stellen oder Abbitte zu leisten.“ In letzterem Fall solle der Mann „50 Reichsmark als Buße an das DRK“ entrichten.

NSDAP mit Startschwierigkeiten

Aus den Parteiakten geht auch hervor, dass sich das Interesse an der NSDAP vor der Machtübergabe an Hitler 1933 noch in Grenzen hält. Im Dezember 1931 hat die Ortsgruppe Gernsbach 96 Mitglieder, ihre Veranstaltungen sind oft schwach besucht. Nachdem sich ein Redner bei der Bezirksleitung über die spärliche Resonanz auf seine Auftritte in Weisenbach und Hörden beschwert, verlangt die NSDAP-Bezirksleitung am 4. Oktober 1932 von der Ortsgruppe dafür eine Erklärung.

Wir hoffen, dass nunmehr endlich auch bei Euch Murgschissern der Pressedienst funktioniert.

„Sie wollen mir umgehend ausführlichen Bericht zukommen lassen, wo der Grund zu diesen Misserfolgen liegt“, heißt es aus Baden-Baden. Dressler antwortet: „Die Gründe für den schwachen Besuch sind m.E. in der Zusammensetzung der Murgtalbevölkerung überhaupt zu suchen. Es gibt im hinteren Murgtal kaum eine Familie, die nicht gegenwärtig mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt wäre.“

Warnung vor Hausdurchsuchungen

Beflaggt: Die Hakenkreuzfahne am Gasthaus „Zum Stern“. | Foto: privat

Mitgliedsanträge werden von der Partei, das wird beim Lesen der NS-Akten deutlich, stets sorgfältig geprüft. Erfolg hat vor allem, wer – wie Wilfried W. – eine Empfehlung der Ortsgruppenleitung einreichen kann. Darin steht: „(…) wir den Architekten Wilfried W. politisch für einwandfrei halten. W. hat bereits in der Kampfzeit immer die Versammlungen der NSDAP besucht. Nachteiliges wurde über ihn nicht bekannt.“ In einem weiteren Schriftstück warnt die Bezirksleitung ihre Ortsgruppen vor polizeilichen Hausdurchsuchungen, mit denen die Gauleitung Parteigenossen auf ihre Gesinnung überprüfen will. Zitat: „Es ist zwar selbstverständlich, dass bei Nationalsozialisten belastendes Material nicht zu suchen ist. Trotzdem mache ich auf die geplanten Durchsuchungen aufmerksam.“ Unterzeichnet ist der Brief – wie alle weiteren politischen Schreiben – mit „Heil Hitler“.

Scharfe Kritik der Gauleitung

Mit der Öffentlichkeits- und Propaganda-Arbeit im Murgtal sind die in Baden tonangebenden Nationalsozialisten ganz offenbar überhaupt nicht glücklich. In einem Schreiben an den Ortsgruppenleiter Dressler bringt die Gauleitung im März 1933 ihr Missfallen deutlich wie deftig zum Ausdruck: „Seit Ende Oktober 1932 hast weder Du, noch einer Deiner Presse-Berichterstatter auch nur einen einzigen Finger betr. Presse-Dienst krumm gemacht. (…) Lieber Dressler, so geht das einfach nicht mehr weiter.“ Weiter steht dort: Man hoffe, „dass nunmehr endlich auch bei Euch Murgschissern der Pressedienst funktioniert.“

NS-Akten im Stadtarchiv
Unter der Signatur „Sg.-NS“ stehen die Parteiakten jetzt interessierten Bürgern zur Nutzung im Stadtarchiv zur Verfügung. Das Stadtarchiv Gernsbach befindet sich in der St.-Erhard-Straße 13 in Obertsrot. Es ist erreichbar unter der Telefonnummer (0 72 24) 6 57 08 02 oder E-Mail an: stadtarchiv@gernsbach.de. Geöffnet ist das Archiv montags bis mittwochs von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr sowie freitags von 8 bis 13 Uhr.