Auftaktveranstaltung zur Umwidmung des Kriegerehrenmals in Gernsbach am 20.01.2020. Der Stadtarchivar Wolfgang Froese warb für das Projekt.
Der Gernsbacher Stadtarchivar Wolfgang Froese erläutert den historischen Kontext des Kriegerdenkmals. | Foto: Hans-Jürgen Collet

Mahnmal für die NS-Zeit

Bürger gestalten Umwidmung des Gernsbacher Kriegerdenkmals mit

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Wie könnte ein Lernort am Kriegerdenkmal aussehen? Wo wäre ein alternativer Gedenkort vorstellbar? Solchen Fragen widmet sich in Kürze ein neuer Arbeitskreis der Stadt Gernsbach. Die ersten Interessierten haben sich am Montagabend angemeldet. Sie nahmen an der Auftaktveranstaltung zum Umwidmungsprozess teil.

Wie berichtet hat der Gemeinderat im Herbst beschlossen, das Denkmal auf dem Rumpelstein zum Mahnmal zu machen. Vorgesehen sind Informations- und Bildungsangebote. Ferner soll eine „würdige Alternative“ zum Gedenken an Gernsbacher Opfer von Krieg und Gewalt gesucht werden. Die Bürger können sich am Prozess beteiligen.

Am Montag zeigte sich erneut: Die Umwidmung ist ein emotionales Thema. Etwa 30 Interessierte aus Gernsbach und Umgebung hatten sich in der Stadthalle eingefunden, um sich über die Hintergründe des Beschlusses zu informieren und zu Wort zu melden.

Der Arbeitskreis wird für den Gemeinderat Umsetzungsvorschläge erarbeiten.
Wer sich einbringen möchte, wendet sich telefonisch unter der Telefonnummer (07224) 6 57 08 02 oder per Mail an stadtarchiv@gernsbach.de an Wolfgang Froese.

„Ich fände es schade, wenn man die Gefallenen dort entweihen würde“, sagte ein Zuhörer. Seine Großeltern hätten die Gedenkstätte unabhängig von den Erbauern wertgeschätzt. Seiner Ansicht nach sollte sie ein Gedenkort bleiben. Infotafeln und ein Mahnmal für Frieden könnten ergänzt werden. Hitzig verteidigte er nach dem Vortrag das Recht, das Andenken an einen gefallenen Verwandten am Rumpelstein hoch zu halten.

Alle sind Täter und Opfer gleichzeitig.

Ein Zuhörer aus Forbach zum Thema Schuld und Vergebung

Ein Redner aus Gernsbach warb hingegen dafür, das Kriegerehrenmal selbst zum Friedensdenkmal zu machen. Er schlug vor, Veranstaltungen wie friedenspolitische Vorträge daran anzuknüpfen.

Ein Mann aus Forbach legte großen Wert auf das Thema Vergebung. Er berichtete vom Kriegsdienst seines Vaters, der vom NS-Regime erst ausgezeichnet wurde, dann angeklagt. „Er hat ein Lebenstrauma“, sagte er. „Alle sind Täter und Opfer gleichzeitig.“ Auch ihn selbst beschäftige das Thema Schuld noch.

Am Denkmal zeigen sich die NS-Ideologie und ihre Folgen

Es sei wichtig, zu erklären, was mit dem Denkmal gemeint ist, betonte ein weiterer Zuhörer. Darüber hinaus zeige es dank der Ergänzungen der Nachkriegszeit nicht nur Elemente der NS-Ideologie, sondern auch deren Folgen: Tod, Niederlage, Vertreibung.

Für die Heimatvertriebenen ist 1960 ein Gedenkstein gegenüber des Kriegerdenkmals installiert worden. | Foto: Christiane Widmann

AfD-Stadtrat Ernst-Dieter Voigt verlas eine Stellungnahme, in der er erneut für ein „Mahnmal gegen Krieg und Gewalt“ plädierte. „Das wäre zeitlos“, sagte er. „Die NS-Zeit ist nicht vergessen und soll auch nicht vergessen werden.“ Doch ein Lernort über die NS-Zeit sei „zu rückwärts gewandt“. Er schlug ferner vor, den Stahlhelm zu entfernen, der in der Mitte des Bauwerks thront.

Dort mahnen, wo Nationalsozialisten aktiv waren

„Es ist richtig, dass wir an die Opfer aller gedenken“, sagte ein ehemaliges Bundeswehrmitglied. So zeige sich, was Krieg bedeutet. Die Mahnung müsse jedoch „da stattfinden, wo die Nationalsozialisten gesessen haben“, beispielsweise in einer Gestapo-Zentrale. Nicht alle Soldaten seien „begeistere Nazis“ gewesen. „Die meisten“ hätten um ihr Leben gekämpft.

Eine Anwohnerin lobte die Idee, das Denkmal in den Blick zu nehmen. Sie wies unter anderem auf Fälle von Vandalismus am Rumpelstein hin.

Archivar ringt um Fassung

Wie sehr das Thema auch Stadtarchivar Wolfgang Froese bewegt, hat sich mehrfach bei seinem geschichtlichen Vortrag zum Denkmal gezeigt. Wie berichtet haben Nationalsozialisten es 1936 erbaut. Vordergründig diente es dem Gedenken an Gefallene des Ersten Weltkriegs. Im Hintergrund stand jedoch die Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Gestaltung nieder.

Das Kriegerdenkmal mitsamt Thingstätte thront seit 1936 über Gernsbach. Die Nationalsozialisten haben die Anlage als Aufmarschplatz gestaltet. | Foto: Christiane Widmann

Froese rang immer wieder um Fassung, als er von den vielen Menschen sprach, die in den folgenden Jahren ermordet wurden: Juden, Freidenker, Behinderte, Ausgestoßene. Von den Gernsbacher Soldaten sei nur jeder Dritte zurückgekehrt.

Es geht nicht um die Frage, ob wir der Toten gedenken, sondern wie.

Stadtarchivar Wolfgang Froese zur Umwidmung des Kriegerdenkmals

„Hinter den Zahlen stecken Leben“, betonte er. Die Umwidmung biete die Chance, den Toten gerecht zu werden. „Es geht nicht um die Frage, ob wir der Toten gedenken, sondern wie, und wen wir in dieses Gedenken einbeziehen.“

So emotional wurde Froeses Vortrag nicht zuletzt, weil er ihn frei halten musste. Kurz vor der Veranstaltung war ein Teil seines Manuskripts sowie die Bilderstrecke verloren gegangen. Einige angekündigte Themen blieben daher auf der Strecke.

Kommentar (Christiane Widmann)
Im Gefolge der Debatte ums Kriegerdenkmal kommt eine bedeutsame Frage auf die Stadt Gernsbach zu: Wie soll sie mit dem Denkmal umgehen, wenn es saniert werden muss? Die Verwaltung wird keine Linie vorgeben, kündigte Bürgermeister Julian Christ im BNN-Gespräch an. „Das sind Fragen, die die Bevölkerung und letztlich der Gemeinderat entscheiden muss.“
Eine Entscheidung ist jedoch schon in naher Zukunft fällig. Das Denkmal ist laut Christ „nicht mehr im besten Zustand, um es mal vorsichtig zu sagen“. Das betrifft insbesondere das Mosaik auf dem Sockel. Eine Künstlerin hat es nach dem Zweiten Weltkrieg als Gedenkfläche für Gernsbacher Kriegstote gefertigt. Die Witterung hat den Steinen zugesetzt. Dasselbe gilt für Schriftzüge. Außerdem sind laut Stadtarchivar Wolfgang Froese Risse in der Fassade des Betonbaus sichtbar. Die Statik sei jedoch in Ordnung.
Was tun? Eine Sanierung kostet viel Geld. Soll die Stadt hohe Summen in einen Nazi-Bau investieren? Denn das bleibt er, auch wenn er als Gedenkstätte und Mahnmal fungiert. Andererseits sind solche Stätten ein kostbares Gut. Sie halten die Erinnerung an die Toten und die Mahnung an ein düsteres Kapitel der Geschichte wach. In dieser greifbaren Form kann Geschichte auch diejenigen berühren, die keinen persönlichen Bezug zu den Geschehnissen haben – junge Menschen, aber auch Zugewanderte oder Touristen. Wie viel ist es den Bürgern wert, einen solchen Ort zu erhalten?
Sie könnten den Bau auch demonstrativ verfallen lassen. Mahnen würde er auch dann noch. Das würde aber bedeuten, dass der Bereich abgesperrt werden muss. Stichwort: Verkehrssicherheit. Das ist schwierig, solange es keine alternative Gedenkstätte für die Kriegstoten gibt. Eine solche ist zwar im Umwidmungsbeschluss des Gemeinderats vorgesehen. Einen Standort und Planungen gibt es indes noch nicht. Außerdem sind Absperrungen und Verfall an einem Aussichtspunkt nicht die beste Lösung.
Die Bürger müssen eine Entscheidung treffen. Bleibt zu hoffen, dass sich viele Gernsbacher einbringen. Denn das Thema betrifft letztlich alle.