„Missbrauch hat immer mit Macht zu tun“: Christian Hermes, im Murgtal aufgewachsen, ist heute Stadtdekan in Stuttgart.
„Missbrauch hat immer mit Macht zu tun“: Christian Hermes, im Murgtal aufgewachsen, ist heute Stadtdekan in Stuttgart. | Foto: Katharina P. Müller

Stadtdekan im Gespräch

Christian Hermes: „Ich bin für die Öffnung des Zölibats“

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Geboren 1970 in Baden-Baden, hat er seine Kindheit und Jugend in Weisenbach verbracht, das Abitur 1989 am Gymnasium Gernsbach abgelegt: Ein kritischer Geist war der heutige Monsignore Doktor der Theologie Christian Hermes schon immer.

Er studierte katholische Theologie und Philosophie in Paris und Tübingen, wo er von 2004 bis 2008 auch promovierte. Im Jahr 2012 verlieh ihm Papst Benedikt XVI. den Titel eines Päpstlichen Ehrenkaplans („Monsignore“). Seit 2011 ist Hermes Dompfarrer der Domkirche St. Eberhard Stuttgart und Stadtdekan der Schwabenmetropole. In der Öffentlichkeit hat er wiederholt Klartext zum Thema Missbrauch in der Kirche geredet – auch im Interview mit BNN-Redakteur Thomas Dorscheid.

Sie sind in Weisenbach aufgewachsen, haben am Gymnasium in Gernsbach die Abiturprüfung abgelegt – wie sieht Ihr Kontakt ins heimatliche Murgtal heute aus?

Hermes: Ich bin immer wieder mal da, leider nicht mehr so oft wie früher. Im Sommer durfte ich meinen Cousin trauen, und gefeiert wurde in Bad Rotenfels. Es ist einfach wunderschön im Murgtal und ich würde auch gerne öfter kommen. Meine besondere Liebe gilt dem Freibad Weisenbach, im Förderverein bin ich Mitglied. Ich schätze den Zusammenhalt und das Engagement der Menschen für ihren Ort sehr, zum Beispiel für ein solch tolles Bad. Das hat man in der Großstadt leider nicht so.

Haben Sie die im September veröffentlichten Missbrauchszahlen in der Höhe überrascht? Wir sprechen deutschlandweit von fast 1 700 Klerikern in der katholischen Kirche, die für den Zeitraum 1946 bis 2014 des sexuellen Missbrauchs an beinahe 3 700 Kindern und Jugendlichen beschuldigt werden – dies ist die Zahl der aktenkundigen Fälle, die Dunkelziffer gilt als noch viel höher …

Hermes: Mich haben die Zahlen einerseits nicht überrascht, weil ich die Zahlen hier bei uns kannte und man davon ausgehen konnte, dass es deutschlandweit nicht anders ist. Schockierend ist, in dieser Breite zu sehen, dass da nicht nur Ausrutscher oder Einzelfälle sind, sondern der Missbrauch durch das spezielle System Kirche in fataler Weise begünstigt wurde. Das macht mich traurig, enttäuscht und auch wütend – wie viele andere in und außerhalb der Kirche. Dass Täter sich durch Weihe und Amt nicht nur geschützt fühlten, sondern dort offenbar noch besonders günstige Voraussetzungen gefunden haben, Kindern Leid anzutun, trifft die Kirche ins Mark.

Wie stehen Sie zum Zölibat?

Hermes: Es gibt keinen simplen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch. Aber es gibt einen Zusammenhang zwischen einer nicht gesunden menschlichen Entwicklung und Missbrauch – und in der Ausbildung der Priester wie überhaupt in der Sexualmoral der Kirche ist vieles wohl nicht dazu angetan gewesen, zu einer gesunden, integrierten und belastbaren Lebensform zu kommen. Wenn Grundbedürfnisse einfach geleugnet oder verdrängt werden, wird einer vielleicht nur frustriert dahinleben, der andere jedoch anfangen, für andere gefährlich zu werden und Grenzen zu überschreiten. Der Zölibat ist gerade keine Lebensform für Menschen, die mit sich nicht klarkommen, sondern setzt im Gegenteil ein hohes Maß an Reife, Beziehungsfähigkeit und Selbstsicherheit voraus. Ich bin für die Öffnung des Zölibats und bin mir sicher, dass eine Öffnung der Strukturen und des kirchlichen Amtes für in Ehe und Familie bewährte Männer und ebenso für Frauen das ganze Setting verändern und das Männergeklüngel aufbrechen würde.

Was konkret fordern Sie?

Hermes: Die Studie und die aktuelle Diskussion werfen über das Problem des sexuellen Missbrauchs hinaus grundlegende Fragen an das System auf. Wenn es sich hier nicht nur um individuelles Versagen, sondern um systemische Sünden handelt, wird man auch theologisch sagen müssen: Eine solche Kirche hat Jesus ganz sicher nicht gewollt. Mir und vielen anderen erscheint es nicht mehr vermittelbar, warum selbstverständliche Sicherungsmechanismen eines modernen politischen Systems wie Gewaltenteilung, Kontrolle von Macht, Amtszeitbegrenzung etwa von Bischöfen oder Mitbestimmung bei uns aus theologischen Gründen nicht gehen sollten. Es geht hier ja nicht um das Dogma der Dreifaltigkeit, sondern einfach um Rechts- und Leitungsstrukturen. Wenn diese Strukturen mitursächlich sind für Missbrauch, dann können sie nicht göttlicher Wille oder göttliches Recht sein.

Martina Kastner, oberste Laienvertreterin der Erzdiözese Freiburg, hat jüngst gesagt: ‚Die Kirche muss ihre Männerbünde aufbrechen, ihre verkrusteten Strukturen ändern.‘ Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Hermes: Dem stimme ich absolut zu. Leider habe ich aber den Eindruck, dass der Papst und die Bischöfe keine Lust haben, an diese Strukturen heranzugehen. In all den Verlautbarungen habe ich jedenfalls dahingehend nichts gehört. Wir müssen aber darüber nachdenken, welche Amts-, Leitungs- und Machtstrukturen wir brauchen, um glaubwürdig zu sein. Missbrauch hat immer mit Macht zu tun, und die Machtstrukturen sind bei uns in der Kirche sehr ausgeprägt. Missbrauch kommt vor, wo in geschlossenen, engen und nach außen abgeschotteten Systemen Macht konzentriert ist und existenzielle Abhängigkeiten bestehen, wo Kontrolle fehlt.

‚Selbst Papst Franziskus spart er bei der Kritik nicht aus‘, heißt es über Sie in der Stuttgarter Zeitung vom 9. Oktober – Papstkritik ist alles andere als alltäglich innerhalb der katholischen Kirche …

Hermes: Ich bin sehr aufmerksam, was der Papst tut. Vor kurzer Zeit wollten amerikanische Bischöfe für sich selbst neue Verhaltensstandards beschließen, wurden aber vom Papst zurückgepfiffen. Nicht ungefährlich. Ich habe eigentlich ein großes Vertrauen zum Papst, sehe dann aber auch seinen ‚Brief an die Weltkirche‘, in dem es heißt: ‚Wir sind schuldig geworden.’ Da sage ich: Nein, nicht wir – die Schuldigen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Im Februar soll es eine Beratung mit allen Bischofskonferenzvorsitzenden geben. Kardinal Gracias aus Bombay hat richtig dazu gesagt: Entweder es wird ein Erfolg oder ein Desaster.

Sind Sie innerkirchlich von Vorgesetzten schon zur Mäßigung in Ihrer Außendarstellung aufgefordert worden?

Hermes: Nein. Mein Bischof Gebhard Fürst hat sich ja als einer der ersten und mit am Gründlichsten des Themas angenommen und schon 2002 eine unabhängige Kommission zum Thema sexueller Missbrauch eingerichtet. Ich denke, wir haben mit Gebhard Fürst und Stephan Burger zwei Bischöfe in Baden-Württemberg, die an der Spitze der aufklärungsbereiten Bischöfe in Deutschland stehen. Man kann sie nicht genug unterstützen.

Sie haben auch schon öffentlich gegen die AfD Stellung bezogen, was werfen Sie der Partei vor?

Hermes: Ich habe erlebt, wie die AfD hier versucht hat, aus Schmutzkampagnen politisches Kapital zu schlagen. Die Entwicklung hat mich darin bestätigt, dass sich die Partei immer weiter radikalisiert. Sie hetzt Menschen gegeneinander auf und tut unserem Land in keiner Weise gut. Die AfD ist im Kern antichristlich und antidemokratisch.