Imposanter Vogel: Bis in die 1970er-Jahre war der Auerhahn eine begehrte Jagdtrophäe. Heute darf er nicht mehr geschossen werden. | Foto: dpa

Schutz auf dem Kaltenbronn

Das Auerhuhn kämpft ums Überleben

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Um das Auerhuhn steht es nicht gut: 1900 lebten im Schwarzwald 3 000 balzende Hähne – heute sind es gerade noch 167. Schuld am Einbruch der Population trägt auch der Mensch. Selbst auf dem Kaltenbronn, wo Europas größtes Waldhuhn ideale Lebensbedingungen vorfindet, brauchen Wanderer viel Glück, um eines der Tiere zu beobachten. Martin Hauser (58) ist Förster im Revier Rombach, zu dem das Hochmoorgebiet zählt, und Wildtierbeauftragter des Landkreises Rastatt. Der Auerwild-Experte führte die BNN durch den sensiblen Lebensraum des seltenen Vogels auf dem Kaltenbronn – und informierte über dessen Eigenarten.

Lebensraum

Das Auerhuhn ist ein großer Vogel, das heißt: Es braucht viel Platz. Das prachtvolle Männchen kann bis zu fünf Kilogramm wiegen und fühlt sich – wie auch das deutlich kleinere Weibchen (2,5 Kilogramm) – in Wäldern mit lichten Strukturen und Heidelbeerbewuchs am wohlsten. Diese Beschreibung trifft auf etwa die Hälfte der Fläche im von Martin Hauser betreuten Forstrevier Rombach zu. Damit findet das Auerhuhn dort geeignete Lebensbedingungen vor. Laut Hauser wurden in den vergangenen zehn Jahren auf dem Kaltenbronn (3 500 Hektar) rund 500 Hektar Freiflächen für das Auerwild geschlagen.

Für die Küken können die Lichtungen nach dem Schlüpfen im Frühjahr sogar lebensrettend sein: Bleiben sie bei nasskaltem Wetter, zum Beispiel an den Eisheiligen, im Wald, drohen sie zu erfrieren. In lichten Lebensräumen dagegen können sie ihr Gefieder von der Sonne trocknen lassen. Heute leben Auerhühner fast ausschließlich oberhalb von 800 Höhenmetern und sind dank ihres dichten Gefieders, auch an den Füßen, winter- und schneeresistent. Früher kamen die Waldvögel, die auf Schlafbäumen nächtigen, auch in der Rheinebene vor – etwa in Malsch (Landkreis Karlsruhe).

Bestand

Die größten Populationen existieren in Skandinavien und Russland. Auch in den Alpen, auf dem Balkan und in Nordspanien ist das Auerhuhn verbreitet. In Deutschland kommen die Tiere vor allem im Schwarzwald vor. Doch auch hier sind die Zahlen seit 1900 rapide eingebrochen – von 3 000 balzenden Hähnen (nur sie können anhand ihres Balzrufs gezählt werden) auf nurmehr 167 im Jahr 2018.  „Bis Anfang der 1970er-Jahre wurde das Auerwild bejagt“, erklärt Hauser, „gerade das Männchen war eine begehrte Trophäe.“ Auf dem Kaltenbronn vermutet Hauser etwa 15 Hähne und damit die Hälfte der im Landkreis beheimateten Männchen. „Durch die Orkane Lothar und Kyrill haben sich die Bestände zwischenzeitlich erholt, weil sie offene Lebensräume schufen“, erinnert er sich, „mittlerweile wuchern sie wieder zu.“

Nahrung

Das Auerhuhn liebt Heidelbeeren, ist aber kein strenger Vegetarier. „Die Tiere fressen auch Insekten“, erklärt Hauser, „für die Küken sind eiweißhaltige Larven wichtig.“ Da es im Winter weder das eine noch das andere gibt, ernähren sich die Hühner in der kalten Jahreszeit von Baumnadeln. Auch Knospen stehen auf ihrem Speiseplan. Hauser: „So kommen sie über die strengen Monate, haben aber weniger Energie als im Sommer.“ Zum Zermahlen seiner Nahrung nimmt das Auerwild, wie auch das Haushuhn, Magensteine auf.

Fortpflanzung

Im Frühjahr fliegen die geschlechtsreifen Männchen zu den Balzplätzen, die seit Jahrzehnten aufgesucht werden. Allein die Balzrufe der Hähne, die bei Windstille bis zu 150 Meter weit zu hören sind, geben Aufschluss über die Populationsstärke. Nur die Hähne, die am meisten Eindruck schinden, dürfen eine Henne beglücken.

Ideale Bedingungen findet das Auerwild im Revier von Förster Martin Hauser auf dem Kaltenbronn vor. | Foto: Körner

In der Balz können die stattlichen Männchen ausgesprochen aggressiv auftreten – auch gegenüber Fußgängern, Radfahrern und sogar dem motorisierten Verkehr. Martin Hauser, der in diesem Zusammenhang von „balztollen“ Tieren spricht, erinnert sich an einen Vorfall Anfang der 90er-Jahre auf dem Kaltenbronn. Ein balzender Hahn hatte einen Spaziergänger angegriffen, der sich nur durch Stockschläge zu helfen wusste und das Tier so tötete. Die Hennen legen in der Regel fünf bis acht Eier, aus denen im Frühjahr die Küken schlüpfen. Ein Hahn kann bis zu acht Jahre alt werden.

Gefahren

Die größte Gefahr geht vom Menschen aus. „Leider werden die Lebensräume durch Infrastruktur und Tourismus immer kleiner“, sorgt sich Hauser um Rückzugsorte für die seltenen Tiere. Wanderer, Mountainbiker, Schneeschuhtouren, Geocashing (GPS-Schnitzeljagd) und der Bau von Windkraftanlagen haben empfindliche Auswirkungen auf das Auerwild. Werden die Tiere im Winter gestört, wenn sie wegen der spärlichen Nahrung nur wenig Energie aufnehmen können, sind manche Tiere von der Flucht vor dem Menschen sogar so entkräftet, dass sie sich im Frühjahr nicht fortpflanzen können. Hauser appelliert an Ausflügler, „auf den Wegen bleiben und die Tiere nicht aufschrecken“.

Der Fuchs ist ein Fressfeind des Auerhuhns. | Foto: Heinl

Und dann sind da noch die Fressfeinde: Das Auerhuhn muss sich vor allem vor Marder, Fuchs und Habicht fürchten. Vom Wolf, der in diesem Jahr auch im Murgtal gesichtet wurde (die BNN berichteten), geht indes keine Gefahr für das Waldhuhn aus – im Gegenteil. Hauser: „Tatsächlich frisst er Jäger, die dem Auerwild gefährlich werden können.“

Schutz

2008 wurde der Aktionsplan Auerhuhn ins Leben gerufen, der verschiedene Schutzmaßnahmen bündelt. Experte Martin Hauser war an seiner Entwicklung beteiligt. Ein Ziel ist es, in geeigneten Lebensräumen – dazu zählt das Forbacher Höhengebiet wie auch der Kaltenbronn – mit durchdachten Kahlhieben mindestens 30 Prozent Freiflächen zu schaffen. Seit Kurzem gibt es in diesem Kontext das Programm „Lücken für Küken“. Von Touristen und Planern, etwa von Windkraftanlagen, wird Rücksichtnahme eingefordert und auch die Jäger sollen ihren Beitrag dazu leisten, dass sich das Auerhuhn in der Region wieder vermehren kann. Ihr Auftrag: Die Jagd auf Fressfeinde wie Fuchs und Marder.

Service: Das Infozentrum Kaltenbronn bietet Führungen mit Martin Hauser zum Thema Auerwild an. Weitere Informationen gibt es unter Telefon (0 72 24) 65 51 97.