Der Amateurfußball leidet zunehmend unter Nachwuchsmangel. Beim VFB Gaggenau (rotes Trikot) will man die Jugend auch mit attraktiven Freizeitangeboten über den Fußball hinaus für sich gewinnen. | Foto: Collet

Nachwuchssorgen im Murgtal

Der Fußball bröckelt an der Basis

Die Entwicklung ist dramatisch – und offenbar kaum aufzuhalten: Im Murgtal leiden die Fußballvereine unter gravierendem Nachwuchsmangel. Vor Jahren fast undenkbar, haben sich im Jugendbereich mittlerweile zahllose Spielgemeinschaften etabliert. Ein Modell, das künftig auch den Senioren droht, weil der Unterbau immer weiter wegbricht. Selbst Vereinsfusionen scheinen unvermeidbar. Warum müssen Amateurclubs um ihr Überleben kämpfen, während der Profifußball unverändert boomt? Weshalb bleibt die Jugend dem Trainingsplatz fern? Und: Was können Vereine tun, um sie für sich zu begeistern? Die BNN haben mit Verantwortlichen aus der Region gesprochen. Ein Erklärungsversuch. (mit Kommentar)

Fünf Vereine mischen mit

Gleich fünf Vereine haben sich in der A- und B-Jugend zur SG Hörden zusammengeschlossen: Der FC Obertsrot, der TSV Loffenau, der FC Weisenbach, der SV Forbach und der FV Hörden. Alleine konnten sie den Spielbetrieb nicht mehr aufrechterhalten. Selbst in der SG zwang sie ein Personalengpass, eine A-Jugend-Mannschaft vor Rundenbeginn wieder abzumelden.

Wenig verwunderlich, dass Thorsten Kottler von einer „bedenklichen Entwicklung“ spricht. „Die kleinen Vereine sind auf ihren Nachwuchs angewiesen“, betont der Vorsitzende des SV Forbach, weil sie nicht das Geld hätten, externe Spieler für den Seniorenbereich einzukaufen.

Bindungsscheue Jugend

Für Kottler liegt die weitere Entwicklung auf der Hand: „Spätestens in fünf Jahren wird die Gründung von Spielgemeinschaften auch bei den Herren unvermeidbar sein“, prognostiziert er. Zwar räumt Kottler ein, dass viele Jugendliche durch den zunehmenden Nachmittagsunterricht belastet würden. Allerdings habe er beim Nachwuchs auch einen Mentalitätswandel ausgemacht. „Früher hat man sich ein Leben lang an einen Verein gebunden“, sagt er, „das gibt es heute so nicht mehr“.

Fusionen kein Tabuthema mehr

Zustimmung erhält er von Thorsten Bach. Der Vorsitzende des FC Gernsbach sieht ein „gesellschaftliches Problem“. Die meisten Jugendlichen hätten „keinen Bock, sich festzulegen“ und auch viele Eltern stünden nicht dahinter. So habe deren Bereitschaft, ihr Kind beim Training zu besuchen oder zu Auswärtsspielen zu bringen, rapide nachgelassen.

Fußball
Ins Straucheln geraten viele Fußballvereine, weil ihnen der Nachwuchs wegbricht – auch der SV Forbach (schwarz-oranges Trikot) ist davon betroffen. | Foto: Collet

Für ihn ist klar, „dass wir uns mit Fusionen anfreunden müssen“. Selbst habe man diesen schmerzlichen Schritt vor Jahren noch verhindern können. Gleichwohl: Ohne externe Verpflichtungen kommt man auch in Gernsbach nicht mehr aus. „Eine Team allein aus Einheimischen ist Utopie“, sagt Bach.

Nur Fußball reicht heute nicht mehr

Kaum besser geht es dem TSV Loffenau. Abteilungsleiter Uwe Rothenberger beklagt, „dass ganze Jahrgänge fehlen“. Auch er rechnet damit, dass Spielgemeinschaften im Seniorenbereich unausweichlich sind. Die Jugend wolle man durch „attraktive Freizeitangebote“ an sich binden. Denselben Ansatz verfolgt der VFB Gaggenau. „Nur Fußball reicht heute nicht mehr“, ist Jugendleiter Toni Mitrovic überzeugt. Beim Gaggenauer Traditionsverein sieht die Gegenwart noch rosiger aus als bei den kleinen Dorfclubs. Von der G- bis zur C-Jugend stellt man Kader alleine, darüber aber wird es dünn. „Die A- und B-Jugend mussten wir wegen Spielermangels abmelden“, berichtet Mitrovic.

Wechselnde Interessen

Er sieht das wachsende Freizeitangebot als eine Ursache des Problems. „Fußball galt immer als angesagt, aber heute rennen viele 16-Jährige zum Kampfsport“. Ein Freund von Spielgemeinschaften ist Mitrovic trotz aller Schwierigkeiten nicht: „Davon profitiert nur der größere Verein.“ Auch er sagt: „An einer Fusion führt dauerhaft kein Weg vorbei.“

 

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Zeit zum Umdenken

Viele Vereine auf dem Land stehen vor einer ungewissen Zukunft. Der Mitgliederschwund und die sinkende Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, stellt sie vor große Herausforderungen. Da ist der Amateurfußball, obschon der Boom in den Profiligen anhält, keine Ausnahme. Wenn sich selbst in Kleinstädten ein halbes Dutzend Vereine behaupten müssen, liegt die weitere Entwicklung angesichts des demografischen Wandels auf der Hand – viele von ihnen werden in den kommenden Jahrzehnten wohl in der Versenkung verschwinden.

Gravierende Veränderungen

Die meisten Verantwortlichen haben die Zeichen der Zeit erkannt und reagiert. Mit qualifizierten Übungsleitern, einem abwechslungsreichen Freizeitprogramm und neuartigen Veranstaltungen buhlen sie um die Gunst des Nachwuchses. Gleichwohl handelt es sich hierbei letztlich nur um lebensverlängernde Maßnahmen. Zu gravierend sind die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahre: Die schulische Mehrbelastung der Jugendlichen durch Turboabitur und zunehmenden Nachmittagsunterricht, der wachsende Arbeitsdruck der Eltern und das Abwandern einer ganzen Generation in soziale Netzwerke. Dort verbringen Heranwachsende laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK durchschnittlich drei Stunden am Tag.

Spiel auf Zeit

Hinzu kommt: Die Welt ist schnelllebiger geworden, und die Jugend sprunghafter. Nur noch wenige wollen sich dauerhaft an einen Klub binden. Gesangvereine begegnen dieser Entwicklung mit einem stärker auf Projekte zugeschnittenen Angebot. So können Gastsänger bei einzelnen Konzerten auftreten, ohne Mitglied zu werden. Für eine Mannschaftssportart, bei der die Eingespieltheit über Sieg und Niederlage entscheidet, kann diese Flexibilität keine gangbare Option sein. Durch die Formierung von Spielgemeinschaften, wie vielerorts praktiziert, verschaffen sich die Fußballvereine Zeit – mehr aber auch nicht.

Schmerzhafter Schritt

Auf lange Sicht droht die Fusion. Für die Verantwortlichen ein schmerzhafter Schritt, stecken in Vereinen doch viel Herzblut und Tradition. Doch sollten nicht gerade deshalb alle Akteure bemüht sein, den Amateurfußball am Leben zu halten? Und kann nicht auch aus einer Vernunftehe Liebe werden, wenn man sich offen begegnet? Einige mögen noch immer der blühenden Vereinslandschaft früherer Tage nachtrauern. Die Realität ist längst eine andere. Nimmt man sie an, steigen die Chancen auf eine sichere Zukunft. Wer indes notwendige Veränderungen ausbremst, riskiert das Sterben der Vereine.