Historisches Souvenir: Georg Nimesheim hält ein Stück Raketenschrott in den Händen. Es stammt von der ersten Pershing-Rakete der Bundeswehr.
Historisches Souvenir: Georg Nimesheim hält ein Stück Raketenschrott in den Händen. Es stammt von der ersten Pershing-Rakete der Bundeswehr. | Foto: privat

Pershing-Rakete

Der Gaggenauer Georg Nimesheim schrieb deutsche Militärgeschichte

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Den 23. April 1964, einen Donnerstag, wird Georg Nimesheim nie vergessen. Um exakt 10 Uhr feuern acht deutsche Soldaten in der Wüste von New Mexico (USA) die erste Pershing-Rakete der Bundeswehr-Geschichte ab. Unter ihnen: Georg Nimesheim, der heute im Gaggenauer Stadtteil Sulzbach lebt.

Sechs Minuten später schlägt die Rakete 180 Kilometer entfernt im staubigen Wüstenboden ein. Der erste deutsche Pershing-Flug ist geglückt. „Die historische Dimension war mir damals nicht klar“, sagt Nimesheim. 55 Jahre nach dem Premierenabschuss erinnert sich der Murgtäler in den BNN an seinen denkwürdigen Auslandseinsatz.

Soldaten erwarten Knall

Am 23. April 1964 notiert Nimesheim in sein Tagebuch: „Ich konnte in der Nacht kaum schlafen. Unsere Pershing steht, wartet, wie ein Rennpferd vor dem Start.“ Spannung liegt in der Luft: „Wir warten auf das, was wir noch nie erlebt haben. Wir warten auf den Urknall.“ Dann ist es soweit: Um 10 Uhr schreiben Nimesheim und seine Mitstreiter Militärgeschichte. „Dieses dumpfe Wumm, Feuer bricht unter dem schlanken Flugkörper hervor. Unsere Augen können jetzt kaum folgen, als die Rakete in das Blau über uns eindringt. Go, go, go, wir brüllen, toben.“ Wenige Minuten später ist der Spuk vorbei.

Pershing-Rakete als Drohkulisse

Die deutschen Tests mit der Langstreckenrakete haben einen ernsten Hintergrund. In Zeiten des Kalten Krieges begegnen sich Ost und West mit Argwohn. Für den Fall eines russischen Einmarsches in den Westen will man gerüstet sein. Die in Landsberg stationierten Pershings können in wenigen Minuten weite Teile Deutschlands erreichen. Gebraucht werden sie – außer als Drohkulisse – nie.

Große Reichweite: Die Pershing-Rakete spielte im Kalten Krieg auch ohne Abschuss eine wichtige Rolle.
Große Reichweite: Die Pershing-Rakete spielte im Kalten Krieg auch ohne Abschuss eine wichtige Rolle. | Foto: Schrader

Damit die deutschen Soldaten die Rakete aus US-Produktion im Ernstfall abfeuern können, werden sie von den Amerikanerin umfassend geschult: zunächst in Alabama, später in Oklahoma und New Mexico. „Wir haben die Abläufe immer wieder durchgespielt und mögliche Fehler simuliert“, erklärt Nimesheim. Fehlende Schrauben, eine streikende Elektrik – alles wird bedacht.

Die Amerikaner hatten dafür ursprünglich eineinhalb Stunden gebraucht.

Es geht darum, die Rakete schnellstmöglich einsatzbereit zu machen. Und dabei überraschen die Deutschen auch ihre Ausbilder. „Die Amerikaner hatten dafür ursprünglich eineinhalb Stunden gebraucht“, erzählt Nimesheim, „uns reichten am Ende 20 Minuten.“ Als Logistiker ist er für das Material zuständig. Die dreiteilige Rakete muss in Windeseile zusammengebaut und an die damals raumfüllende Computertechnik angeschlossen werden.

Nimesheim war vertrauenswürdig

Bis heute rätselt Nimesheim darüber, weshalb die Wahl der Bundeswehr gerade auf ihn fiel. Ein Erklärungsversuch: „Ich hatte Abitur, sprach gut Englisch war in der Logistik geschult. Mein Profil passte.“ Leicht machen sich seine Vorgesetzten die Auswahl nicht. Wie Nimesheim später erfährt, wird seine Vertrauenswürdigkeit gründlich überprüft.

Streng geheime Tests

Bei seiner Tante steht eines Tages der militärische Abschirmdienst vor der Haustür. Die überraschte Frau wird über ihren Neffen ausgefragt. Ob er als Kind schnell die Fassung verlor oder leicht beeinflussbar war, will der unangekündigte Besuch wissen. „Verrückt, wenn man darüber nachdenkt“, sagt Nimesheim heute. Die Raketentests waren streng geheim: „Wir durften in der Öffentlichkeit nicht darüber reden, auch nicht mit unseren Familien.“

Diese Zeit hier wird dich immer prägen.

Erst Jahre danach erkennt der Soldat, in welchen Kreisen er sich bewegt hat. In Alabama wechselt Nimesheim einige Worte mit Wernher von Braun, dem deutschen Raketenwissenschaftler, der später auch durch seine Verstrickungen in den Nationalsozialismus unrühmliche Bekanntheit erlangt. Nimesheim und die anderen Deutschen spielen Fußball auf dem Übungsplatz in Huntsville, als von Braun in Jeans vorbeischlendert und ihnen den Ball zukickt. Die Männer kommen miteinander ins Gespräch: „Wo bist du her?“, erkundigt sich der Wissenschaftler. Und gibt Nimesheim mit auf den Weg: „Diese Zeit hier wird dich immer prägen. Wer kann schon Raketen fliegen lassen? Du bist dabei.“

Soldaten erleben Historisches mit

Während ihrer Ausbildung erleben die Soldaten nicht nur fröhliche Stunden. Vom Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 erfahren sie in den USA. „Plötzlich hörten wir Sirenengeheul. Soldaten rannten durcheinander“, schildert Nimesheim eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte: „Viele hatten Tränen in den Augen. Für uns alle war Kennedy ein Vorbild.“

Pershing-Unfall
Raketen-Züge verursachen einen schweren Unfall im Jahr 1982. | Foto: BNN

Im November 1982, Nimesheim ist längst wieder in Deutschland, ereignet sich in der Region ein Transportunfall, der bundesweit für Aufsehen sorgt. Auf dem Weg nach Gaggenau verfranzt sich einer von mehreren Raketen-Zügen in der Abenddämmerung und fährt hinab nach Waldprechtsweier. Das starke Gefälle auf der kurvenreichen Strecke wird ihm zum Verhängnis: Die Bremsen überhitzen, die beiden US-Soldaten im Führerhaus verlieren die Kontrolle über ihr Fahrzeug. In einer Rechtskurve rammt der schwere Transporter eine Mauer, zerstört zwei parkende Autos und überrollt einen entgegenkommenden Wagen. Dessen Fahrer ist sofort tot.

Eine Explosion wäre erst ab 2000 Grad möglich gewesen.

Während der zweite Militärlastwagen rechtzeitig gestoppt wird, zertrümmert der dritte ein parkendes Auto, der vierte prallt gegen einen Baum. Um 6 Uhr morgens wird das Dorf evakuiert. „Für mich war das unnötig“, sagt Nimesheim, „eine Explosion wäre erst ab 2000 Grad möglich gewesen.“
Einige Jahre später, nach dem Ende des Kalten Krieges, werden alle deutschen Pershing-Raketen demontiert und zerstört. Georg Nimesheim hat sich ein Andenken an seine historische Mission bewahrt: Ein Stück Raketenschrott, handtellergroß, vom Premierenflug der „deutschen“ Pershing in New Mexico