Opfer von Zerstörungswut: Die Synagoge in der Gernsbacher Austraße einen Tag nach der Brandstfitung am 10. November 1938 | Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Gernsbacher Zeitzeuge erzählt

Der Tag, an dem die Synagoge brennt

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Am Mittag des 10. November 1938 steht ein Rauchpilz über Gernsbach. Die Synagoge steht in Flammen. Das Zerstörungswerk der Nazis vor 80 Jahren vollzieht sich in der Alten Amtsstadt nicht in der „Reichskristallnacht“ am 9. November, sondern einen Tag später. Doch es trifft nicht nur die erst zehn Jahre zuvor eingeweihte Synagoge, es werden auch Wohnungen und Geschäfte demoliert, Menschen misshandelt. Walter Stradinger aus Gernsbach, Geburtsjahrgang 1924, ist Zeitzeuge. Heute 94 Jahre alt, schildert er im BNN-Gespräch: „Ich habe gesehen, wie die SA in mehrere Häuser rein ist, Sachen rausgeworfen und demoliert hat.“

Auch Häuser werden gestürmt

Die Demütigung und die Angst der Betroffenen lässt sich kaum in Worte fassen. Bekannt ist, dass der SA-Hauptsturm 3/111 Gaggenau, zu dem auch Männer aus den umliegenden Orten gehören, den Auftrag hat, gegen die Synagogengemeinden der Umgebung massiv vorzugehen. In Gernsbach wird der Gaggenauer Trupp beim Brandanschlag auf die Synagoge und beim „Häusersturm“ von Einheimischen wie auch halbwüchsigen Hitlerjungen unterstützt. Gleichaltrige hat auch Walter Stradinger dabei gesehen. Er selbst habe aber nicht mitgemacht. „Du gehst in kein Haus hinein“, habe ihn sein Vater („Der wollte vom Dritten Reich nichts wissen“) angeherrscht.

„Wir haben Euch doch gar nichts getan!“

Walter Stradinger wird später zur Wehrmacht einberufen, in Belgrad gerät er in Kriegsgefangenschaft. Ein Jahr wird er in russischer und noch weitere drei Jahre in serbischer Gefangenschaft zubringen müssen, schildert er. Er ist kein gebürtiger Gernsbacher, stammt vielmehr aus dem Nagoldtal. Als der Vater 1926 Arbeit in der Papierfabrik Schoeller & Hoesch bekommt, zieht die Familie nach Gernsbach. Das Bild der völlig aufgelösten Frau Marx an jenem 10. November 1938 hat Stradinger noch immer vor Augen; draußen vor der Tür habe sie gestanden und auf die völlig zerstörte Wohnungseinrichtung geschaut: „Sie war völlig verzweifelt und rief immer nur: Wir haben Euch doch gar nichts getan!“ Die jüdische Familie Marx habe in der Altstadt nahe der evangelischen Kirche gewohnt.

Zuschauer an brennender Synagoge

Als die Synagoge an der Reihe ist, sei er in der Schule gewesen. „Einer hat gerufen: Die Synagoge brennt – und dann sind alle dorthin gelaufen. Viele standen da und haben zugeschaut“, erinnert er sich.
Die Feuerwehr hat wie überall in Deutschland die Anweisung, beim Brand der Synagogen nicht einzuschreiten, wohl aber darauf zu achten, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übergreift.
Stradinger erinnert sich auch, zwei Kameraden jüdischen Glaubens in seiner Schulklasse gehabt zu haben. Sie seien mit ihren Familien in die USA beziehungsweise nach Paris emigriert, sehr viel später aber wieder zu Klassentreffen nach Deutschland gekommen.

„Kleine Hitlers“ machen mit

Nach der Schandtat in Gernsbach zieht es die Gaggenauer SA nachmittags nach Kuppenheim, am Abend folgt Malsch. In Hörden, so ist es aus weiteren Zeitzeugenberichten bekannt, plündert und verwüstet ein SA-Trupp aus Gernsbach die Gastwirtschaft „Zum Adler“ und das Textilgeschäft von Julius Maier.
Die Eheleute Maier sind als anständige Geschäftsleute im Flößerdorf geachtet. Jetzt müssen sie unter Angst und Schrecken zusehen, wie nicht nur die SA, sondern auch Zehn- bis Zwölfjährige vom „Jungvolk“ – „kleine Hitlers“ genannt – Mobiliar auf die Straße werfen und zerstören.