Wasserkraftanlagen an der Murg wie hier die Wehranlage des Wasserkraftwerks Schlechtau dienen seit über 100 Jahren der Energiegewinnung. Die Betreiber sehen sich heute mit vielen Auflagen konfrontiert, rechts im Bild die neue Fischtreppe.
Wasserkraftanlagen an der Murg wie hier die Wehranlage des Wasserkraftwerks Schlechtau dienen seit über 100 Jahren der Energiegewinnung. Die Betreiber sehen sich heute mit vielen Auflagen konfrontiert, rechts im Bild die neue Fischtreppe. | Foto: Götz

Kajakfahrer in Gaggenau

Die Murg im Konflikt der Interessen

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Kajakfahrer schwärmen: „einzigartig in Deutschland“ oder „mächtiges, prachtvolles Wildwasser“. Die Rede ist von der Murg, die bei ausreichendem Wasserstand an den Wochenenden Kajakfahrer aus vielen Regionen Deutschlands, sogar aus Frankreich und der Schweiz anlockt.

Zu ihnen gehört Tine Richter (früher Karlsruhe, jetzt Kaiserslautern). Sie schwärmt im BNN-Gespräch: „Die Murg bietet fast 20 Kilometer Wildwasser am Stück. Das hat man fast in den Alpen nicht mehr.“ Doch das Idyll ist bedroht, eine Gruppe von Kajakfahrern hat in einem Positionspapier ihre Bedenken niedergeschrieben. BNN-Recherchen zeigen: Die Bedenken sind durchaus berechtigt; im Interessenskonflikt mit den Wasserkraftwerksbetreibern, die auf Behördenauflagen verweisen, könnten die Sportler den Kürzeren ziehen.

Kritische Position

In dem Positionspapier heißt es unter anderem: „Mehrere Wehranlagen wurden umgebaut oder befinden sich im Umbau. Bisher waren sie verhältnismäßig einfach passierbar. Doch die geplanten beziehungsweise entstandenen Umbauten bergen zahlreiche Gefahren.“

Lebensgefahr in den Rückläufen

Beispielhaft wird das in der Schlechtau auf Gemarkung Weisenbach umgebaute Wehr genannt: Dieses „Kastenwehr“ verursache Rückläufe; gerate dort unglücklicherweise ein Mensch hinein – sei es ein Kajakfahrer, ein Schwimmer oder ein Spaziergänger, der dort ins Wasser fällt – könne er nicht entkommen, es bestehe Lebensgefahr. Die neue Fischtreppe sei zudem mit Armiereisen bestückt, die ein Boot rammen könnten, sagt Tine Richter. Erschwerend komme hinzu, dass der Uferbereich dort einen Ausstieg oder ein Umtragen der Kajaks kaum möglich mache. Eine geplante Umzäunung mache alles noch schwieriger.

Eine machbare Lösung für alle.

„Das Wehr Schlechtau ist leider bereits in seiner suboptimalen Form gebaut. Doch für die kommenden Bauaktivitäten könnte man geeignetere Lösungen finden“, formulieren die Kajakfreunde ihre Hoffnung für die nahe Zukunft. Ihr Ziel, so Tine Richter: „Eine machbare Lösung für alle.“ Die Wehrbetreiber seien angeschrieben oder angerufen worden. Auch habe man im Januar über den Kanuverband Baden-Württemberg einen Brief an das Regierungspräsidium Karlsruhe geschrieben und die Bitte formuliert, beim zukünftigen Umbau von Wehranlagen in die Planung einbezogen zu werden.

Der Bauzaun beim Wasserkraftwerk Schlechtau hält diese Kajakfahrer nicht vom Einstieg ab.
Der Bauzaun beim Wasserkraftwerk Schlechtau hält diese Kajakfahrer nicht vom Einstieg ab. | Foto: pr

Sorge durch Umbau

Eine weitere Einschränkung droht aus Sicht der Kajakfahrer, sollte die Anlage Breitwies nach dem Muster Schlechtau umgebaut werden. „Eine Bootsrutsche oder ein Blockwurfwehr wären Lösungen, die auch schon bei anderen Flüssen umgesetzt wurden“, hoffen die Kajakfahrer.

Energiegewinnung

Beide Standorte – die Kraftwerke Schlechtau und Breitwies (auf Gemarkung Forbach) – werden von dem Unternehmen „Wasserkraftwerke Murg Breitwies Schlechtau“ betrieben, das wiederum von 240 Anlegern getragen wird. Beide Standorte werden schon seit über 100 Jahren zur Energiegewinnung genutzt; Bei den Wasserrechten handelt es sich um Altrechte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Eingeschränkter Spielraum

Wasserkraftwerke-Geschäftsführer Martin Weißmann kann im BNN-Gespräch die Bedenken der Kajakfahrer gut nachvollziehen; er weiß um das Gefährdungspotenzial einer Anlage wie Schlechtau, schildert aber auch, dass der eigene Spielraum letztlich deutlich eingeschränkt sei. Weißmann spricht mit Blick auf den Umbau der Anlage Schlechtau von einem sehr langen Ringen mit dem Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe, das für die Murg als so genanntes „Gewässer erster Ordnung“ als Genehmigungsbehörde zuständig ist.

RP folgt Richtlinien

So muss das RP unter anderem die EU-Wasserrahmenrichtlinie umsetzen, bei der es neben dem generellen Ziel einer Verbesserung der Wasserqualität auch darum geht, auf eine Durchgängigkeit der Flüsse für Fische hinzuarbeiten, meist durch den Einbau oder die Verbesserung von Fischtreppen. Weißmann sieht ein Ungleichgewicht vor allem deshalb, weil sich das RP in seiner Argumentation maßgeblich auf die eigene Fischereibehörde beziehe; mit Blick auf die Belange der Wasserkraftwerke habe das RP indes keine Fachbehörde in den eigenen Reihen.

1,5 Millionen Kosten

Im Fall Schlechtau habe die Firma „Wasserkraftwerke Murg“ mit dem RP einen außergerichtlichen Vergleich erzielt, über den sich Geschäftsführer Weißmann wenig glücklich zeigt: Am Ende der Umbaumaßnahmen standen nach seinen Worten Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro und eine um gut 20 Prozent verminderte Stromproduktion – und zwar dauerhaft („Welches Unternehmen schafft das?“).

Ganz sicher nicht unser Vorschlag.

Dass zudem wie geschehen so viel Beton in die Murg eingebaut worden sei, sei „ganz sicher nicht unser Vorschlag“ gewesen. Eine Umzäunung der Anlage sei im Übrigen aus Haftungsgründen zwingend notwendig. Diese Umzäunung könne dann realisiert werden, wenn noch ausstehende Restarbeiten an der Fischtreppe beendet seien.

Hoffnung auf Breitwies

Eine geringe Hoffnung kann er den Kajakfahrern mit Blick auf Breitwies machen: Der Umbau dieser Anlage, für dieses Jahr geplant, erfolge zwar im Wesentlichen analog zur Schlechtau und werde auch vom selben Büro geplant; die Genehmigung sei beim RP beantragt worden. Weißmann sagt aber mit Blick auf die Kajakfahrer auch, „dass dort die Möglichkeit eines Ausstiegs von uns nicht verhindert wird“.

Schreiben soll berücksichtigt werden

Stolze 3,5 Millionen Euro seien in der Breitwies für den Umbau eingeplant, davon alleine 1,5 Millionen für ökologische Maßnahmen. Das Regierungspräsidium Karlsruhe bestätigt auf BNN-Nachfrage, dass das Neuzulassungsverfahren zur Wasserkraftanlage Breitwies angelaufen sei. Auch das Schreiben des Kanuverbandes habe man erhalten; dessen Belange sollten, wo es möglich sei, berücksichtigt werden.

Ausstiege für Kajakfahrer

Der Behördensprecher macht aber auch darauf aufmerksam, dass potenzielle Ausstiegsstellen für die Kajakfahrer nicht Gegenstand des gesetzlichen Verfahrens seien; er empfiehlt den Sportlern eine Kontaktaufnahme mit den an die Wehre angrenzenden Grundstückseigentümern.

Zurück auf die Murg

Problemlos ist der Ausstieg im Übrigen einige Kilometer murgaufwärts: Am Rudolf-Fettweis-Werk der EnBW in Forbach gibt es laut Tine Richter eine Trittleiter. Nach gut 200 Metern Fußweg könne die Tour auf der Murg fortgesetzt werden.

Service

Zum geplanten Umbau der Wasserkraftanlage Breitwies findet eine öffentliche Vorstellung des Vorhabens statt: Am heutigen Mittwoch, 13. Februar, ab 19 Uhr im katholischen Gemeindezentrum Weisenbach.