Zwei Drittel des Gehölzbestandes auf der unteren Murginsel wurden laut Rathaus Gaggenau entfernt. Andere sprechen von einem Beinahe-Kahlschlag. | Foto: Dorscheid

Stadt Gaggenau in der Kritik

Die Rodung der Murginsel wird jetzt überprüft

Anzeige

Auf den ersten Blick sieht es nach der Rodungsaktion auf der unteren der beiden Murginseln nahe der Gaggenauer Innenstadt wie nach einem Beinahe-Kahlschlag aus. In den sozialen Netzwerken wird die Vorgehensweise der Stadtverwaltung kritisiert. Auch Rudolf Krumrey, Grünen-Stadtrat und Vorsitzender des BUND Mittleres Murgtal, zeigt sich auf BNN-Nachfrage nicht einverstanden: „In dieser Form ist es mit uns nicht abgesprochen worden.“

Naturschutzbeauftragter wird entsandt

Die Stadtverwaltung Gaggenau, die eine Fremdfirma mit den Arbeiten betraut hatte, weist dagegen in ihrer Stellungnahme die Kritik zurück – und erhält teilweise Unterstützung von den Fachleuten der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt Rastatt. Teilweise – denn die Kreisbehörde, von den BNN um eine Stellungnahme gebeten, wird nun den in den nächsten Tagen den zuständigen Naturschutzbeauftragten entsenden, um sich vor Ort ein genaueres Bild zu machen.

„Insel der Biodiversität kaputt gemacht“

Wando Brünner, Gaggenauer Imker und Naturschützer, kritisiert in einem „offenen Brief“ die Stadtverwaltung mit deutlichen Worten: „Dieses Murgsee-Kleinod – zwei echte vom Wasser umschlossene Inseln als Rückzugs- und Schutzort für alles, was schwimmen oder fliegen kann – war einmalig im weiten Umfeld der Stadt … Eine Insel der Biodiversität, die keine Kosten für das Gemeinwesen verursacht, aber der Artenvielfalt maximal dient, wurde durch die Rodung einfach kaputt gemacht.“ Dass gerade alte Bäume der Maßnahme zum Opfer fielen, wird von Brünner besonders herausgestellt, sei doch deren Wert gerade für Insekten in Kombination mit Sträuchern und jungen Gehölzen um ein Vielfaches höher als der junger Bäume.

Rathaus verweist auf Hochwasserschutz

Für die Stadtverwaltung ist der Hochwasserschutz ein zentrales Argument: „Die periodische Fällung von Bäumen auf den Murginseln erfolgt aus Gründen des Hochwasserschutzes immer wieder. Zuletzt im Jahr 2012.“ Die Maßnahme sei nun, obschon früher geplant, in enger Abstimmung mit der unteren Naturschutzbehörde umgesetzt worden. „Hierbei wurden auf der unteren Murginsel rund zwei Drittel des Gehölzbestandes entfernt, um Rückzugsräume für die Lebewesen zu behalten, die sich auf der Insel angesiedelt haben. Auf der oberen Murginsel wurden nur die standortfremden Schwarzpappeln herausgenommen,“ heißt es in der Stellungnahme des Rathauses.

„Gefahr der Überflutung“

Und weiter: Leider liege eine der Schwachstellen an der Murg in Fließrichtung links im Bereich der Murginseln. Daher sei es unbedingt notwendig, dafür zu sorgen, dass die Murginseln nicht größer werden, so die Stadtverwaltung. Deshalb sei auch die Durchforstung im Abstand mehrerer Jahre erforderlich und in diesem Zusammenhang auch ein moderates Ausbaggern des Gewässers. „Die Inseln stellen mit einem dichten Bewuchs ein Abflusshindernis dar und sorgen nicht nur dafür, dass die Durchflussfläche reduziert wird, sondern auch für starke Verwirbelungen. Damit wird das Wasser weiter gebremst. Mit geringerer Geschwindigkeit braucht die gleiche Wassermenge dann aber ein größeres Abflussvolumen, das heißt der Wasserstand wird höher und somit die Gefahr der Überflutung an dieser Engstelle höher.“ Im Übrigen, so das Rathaus Gaggenau, seien Teilbestände ja belassen worden. „Die hier wachsenden standortgerechten Auearten wie Erle und Weide treiben aus den Stockresten schnell wieder aus.“ Und die nun entstandenen offenen Flächen würden für begrenzte Zeit wiederum anderen Tierarten einen weitgehend ungestörten Lebensraum bieten. „Auch diese dienen der Vielfalt der Lebensräume.“

Landratsamt Rastatt nimmt Stellung

Für die Untere Naturschutzbehörde beim Landratsamt Rastatt nimmt Sebastien Oser, Leiter des Amtes für Baurecht und Naturschutz, Recht und Ordnung, gegenüber den BNN Stellung: Rodungsmaßnahmen auf der unteren Insel seien schon öfters ein Thema von Stadt Gaggenau und Naturschutzbehörde gewesen; die grundsätzliche Abstimmung auf einen „starken Rückschnitt mit Blick auf den Hochwasserschutz“ sei bereits im Jahr 2016 erfolgt. Mit Blick auf den Artenschutz sei man zudem übereingekommen, die Maßnahme aufzuteilen: Zwei Drittel im ersten Jahr, das verbleibende Drittel im Folgejahr; damit wären Rückzugsmöglichkeiten für Tiere in jedem Fall geblieben, so Oser. Eine grundsätzliche Abstimmung habe es also gegeben, nur: Ist die Maßnahme, wie es grundsätzlich immer geboten ist, tatsächlich auch behutsam und schonend durchgeführt worden? Genau dies, so der Amtsleiter, solle nun der Naturschutzbeauftragte vor Ort klären.

Kompensation ist möglich

Amtsleiter Oser weist auf generelle Wahrnehmungsdifferenzen hin: Zuweilen sei eine Maßnahme aus naturschutzfachlicher Sicht gar nicht so problematisch wie sie öffentlich wahrgenommen werde. Sollte im konkreten Fall aber über Gebühr hinaus gehandelt worden sein, müsse man natürlich über Kompensationen nachdenken und – beispielsweise mit Ersatzpflanzungen – die Regeneration schnellstmöglich auf den Weg bringen.