Die ärztliche Versorgung auf dem Land ist in vielen Regionen nicht ausreichend. Auch im Murgtal besteht ein dringender Bedarf an jungen Hausärzten, da viele praktizierende Mediziner in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen werden. | Foto: Weissbrod

Ärztemangel im Murgtal

„Die Situation wird sich noch verschärfen“

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Das Murgtal ist ärztlich unterversorgt. Nach Angaben des Kassenärztlichen Verbandes Baden-Württemberg besteht ein dringender Bedarf an Hausärzten. Mediziner, die sich zwischen Gaggenau und Forbach niederlassen, erhalten deshalb eine einmalige Prämie von bis zu 30 000 Euro. Offenkundig ist das nicht Anreiz genug: Laut Tanja Gerlach zeigt die Altersstruktur unter den Ärzten einen gravierenden Nachwuchsmangel auf. Die 50-Jährige führt die einzige Hausarztpraxis in Weisenbach. Gerlach hat eine 60-Stunden-Woche, kritisiert die überbordende Bürokratie in den Praxen und die strengen Zulassungsbeschränkungen für Medizin-Studenten an den Universitäten. Und dennoch – das wird im Gespräch mit BNN-Redakteur Dominic Körner deutlich – Gerlach ist Landärztin aus Leidenschaft.

Frau Dr. Gerlach, kommen wir gleich zur Sache: Für junge Ärzte ist die Arbeit im Ländlichen Raum offenbar nicht sonderlich attraktiv. Woran liegt das?

Gerlach: Hier spielt sicher auch der gesellschaftliche Trend hin zum Leben in der Stadt eine Rolle. Die meisten jungen Menschen zieht es nun mal nicht aufs Land. Hinzu kommt: Wer eine Praxis gründet, trägt das finanzielle Risiko und ist zeitlich stark eingespannt.

Neben der Sprechstunde fällt viel Bürokratie an: Buchführung, Reha-Anträge, Dokumentation, Datenschutz. Mittlerweile habe ich eine 60-Stunden-Woche. Ich kann verstehen, dass viele junge Ärzte lieber angestellt sind.

Beginnt das Problem nicht schon früher? Die Zulassung zum Medizinstudium stellt für Abiturienten eine hohe Hürde dar…

Gerlach: Das ist richtig. Wenn der Numerus clausus bei 1,0 oder 1,1 liegt, haben viele von ihnen keine Chance auf ein Studium. Und das ist völliger Quatsch! Auch ein Abiturient mit einem Schnitt von 2,5 kann ein guter Arzt sein. Mein Eindruck ist: Einige studieren Medizin, weil sie es können – nicht, weil sie es wollen. Die Universitäten müssen dringend umdenken.

Inwiefern?

Starke Belastung: Die Weisenbacher Ärztin Tanja Gerlach. | Foto: Körner

Gerlach: Der Notenschnitt allein sagt nichts über die Befähigung als Arzt aus. Wir dürfen die Sozialkompetenz und das Interesse an der Medizin nicht ausklammern. Einige Unis berücksichtigen bei ihren Auswahlverfahren mittlerweile verstärkt soziales Engagement und den persönlichen Eindruck in Bewerbungsgesprächen. Ich halte das für den richtigen Weg, ansonsten gehen junge Menschen zum Medizinstudium ins Ausland.

… dabei werden in Deutschland immer häufiger ausländische Ärzte eingestellt.

Gerlach: Genau das ist der Widerspruch. Das mögen zum Großteil kompetente Kollegen sein, die aber nicht immer über gute Deutschkenntnisse verfügen. Dabei ist Sprache im Umgang mit Patienten essenziell. Wenn wir jungen Menschen den Zugang zum Medizinstudium erleichtern, haben wir künftig auch wieder mehr deutsche Ärzte.

Ob die sich dann auf dem Land niederlassen wollen, ist allerdings eine andere Frage…

Gerlach: Ein Patentrezept gegen den Nachwuchsmangel in den Dorfpraxen gibt es nicht. Aber die Altersstruktur der praktizierenden Ärzte im Murgtal ist alarmierend. Viele Kollegen sind mittlerweile jenseits der 60, sodass sich die Situation in den kommenden Jahren noch verschärfen wird.

Es wäre sicher sinnvoll, mehr Studenten im Rahmen von Praktika einen Einblick in unseren Praxisbetrieb zu geben. Vielleicht merkt dann der eine oder andere, dass die Arbeit im ländlichen Raum auch Spaß machen kann.

Wie unterscheidet sie sich von der Stadt?

Gerlach: Zunächst einmal haben wir weitere Wege. Meine Praxis betreut Patienten von Forbach bis Gernsbach, auch bei Hausbesuchen. Der hohe Zeitaufwand schlägt sich nur unzureichend in der Honorierung nieder. Ich glaube aber, dass Patienten in der Stadt häufiger ihren Arzt wechseln.

Ein über Jahre gewachsenes Vertrauensverhältnis ist dort seltener als auf dem Land. Und deshalb bin ich Ärztin geworden: Es ist unheimlich erfüllend, den Behandlungsfortschritt gerade bei langjährigen Patienten zu beobachten.

Sie würden jungen Menschen also trotz aller Probleme zum Arztberuf raten?

Gerlach: Auf jeden Fall. Sicher: Die Bürokratie ist uns ein Klotz am Bein. Und ich wüsste nicht, ob ich mit meinem heutigen Wissen nochmal eine Praxis übernehmen würde. Aber die Arbeit mit den Patienten macht mir noch immer Freude.

Hausärzte im Murgtal: Schlusslicht Loffenau
Wo Ärzte gebraucht werden, regelt die gesetzliche Bedarfsplanung. Die Zahl vorhandener Ärzte wird in Planungsbereichen erfasst, zum Beispiel Gaggenau/Gernsbach für das Murgtal. In Gebieten, in denen ein dringender Bedarf an Medizinern besteht, erhalten Ärzte eine Niederlassungs-Prämie von bis zu 30 000 Euro (siehe Grafik). Wo der ärztliche Bedarf gedeckt ist, dürfen sich keine neuen Ärzte niederlassen.
In Baden-Württemberg versorgt ein Hausarzt nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) im Durchschnitt 1 671 Einwohner. Im Murgtal ist Gernsbach der Spitzenreiter: Auf einen Arzt kommen dort nur 1 203 Einwohner. Schlusslicht ist Loffenau: Der einzige Arzt im Schwarzwalddorf, Thorsten Zuther, ist statistisch für 2 618 Patienten zuständig.

 

Kommentar
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Freie Arztwahl?

Das Problem ist bekannt: Der ländliche Raum wird bei der ärztlichen Versorgung immer weiter abgehängt. Die Altersstruktur der Hausärzte im Murgtal legt nahe, dass sich die Situation künftig noch verschärfen wird. Alte Mediziner gehen in den Ruhestand, der Nachwuchs bleibt aus. Von der viel gepriesenen freien Arztwahl kann in einigen Regionen kaum mehr die Rede sein. Anreize für eine Niederlassung auf dem Land, etwa Prämien, verfehlen offenbar ihre Wirkung. Was also tun, damit Patienten die medizinische Versorgung erfahren, für die sie ins Gesundheitssystem einzahlen?

Unis müssen umdenken

Der Hausarztmangel hat seinen Ursprung an den Universitäten. Die Zulassungsbeschränkungen für Medizinstudenten sind (zu) streng; oft liegt der Numerus clausus jenseits der 1,2. Lässt dies den Schluss zu: Wer sein Abitur mit einem schlechteren Notendurchschnitt ablegt, kann kein guter Mediziner werden? Was sagen Schulleistungen in Fächern wie Geschichte, Französisch, Bildende Kunst und Ethik über die Befähigung eines Menschen als Arzt aus? Was bedeuten sie für sein Interesse an der Medizin? Was für seine Sozialkompetenz? Richtig: Nichts. Die Universitäten müssen dringend umdenken. Warum nicht mehr jungen Menschen den Zugang zur Medizin ermöglichen und zu einem späteren Zeitpunkt im Studium – nach erbrachter Leistung – selektieren?

Stärkung des ländlichen Raums

Freilich: Damit allein ist es nicht getan. Der gesellschaftliche Trend zum Leben in der Stadt scheint ungebrochen. Letztlich gilt es daher auch, jungen Menschen ein Leben auf dem Land schmackhaft zu machen, deren Blick (zurecht) über die Arztpraxis hinaus geht. Eine funktionierende Infrastruktur, ein auskömmliches Kita- und Schulangebot, schnelles Internet – das sind allesamt Faktoren, die eine Gemeinde für junge Familien attraktiv werden lassen. Hinzu kommt: Gerade Ärzte, die sich in dünn besiedelten Regionen niederlassen und dort viel Geld in ihre Praxis investieren, tragen ein hohes wirtschaftliches Risiko. Es obliegt der Politik, ihnen die Unterstützung zukommen zu lassen, die ihre Berufsausübung erfordert.

Entlastung von Bürokratie

Das gilt gleichermaßen für eine Entlastung von der überbordenden Praxis-Bürokratie, damit Ärzte wieder mehr Fokus auf ihre Kernaufgabe legen können: die Behandlung der Patienten. Dem Arzt kommt schließlich eine soziale Funktion zu. Durch den persönlichen Kontakt zwischen Patient und Mediziner wächst ein Vertrauensverhältnis, das in der ärztlichen Versorgung von zentraler Bedeutung ist. Auch das ist bekannt – nur tut sich bislang wenig.