Eine viel beachtete Festrede hielt in Gaggenau Thorsten Schäfer-Gümbel, stellvertretender (Bundes)Vorsitzender der SPD. | Foto: Mandic

125 Jahre Ortsverein Gaggenau

„Die SPD hat einiges zum Besseren verändert“

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„Das muss ich jetzt erst einmal sacken lassen, das dürfte mich noch einige Tage beschäftigen.“ Die Gaggenauer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Gerlinde Stolle war nicht die einzige, die sich nach der mit langem Applaus bedachten Festrede des stellvertretenden (Bundes)Vorsitzenden der SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, tief beeindruckt zeigte. Dieser hatte den Festakt „125 Jahre SPD Gaggenau“ zum Anlass genommen, das Wertefundament der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer über 150-jährigen Geschichte herauszuarbeiten („Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – dieser Dreiklang ist unabänderlich miteinander verbunden“).

Für soziale Gerechtigkeit

Schäfer-Gümbel hatte in seiner Rede auch die Probleme und Aufgabenstellungen in der Europäischen Union und in der digitalisierten Arbeitswelt präzise umrissen – und so ganz nebenbei noch Argumentationshilfen für Gespräche mit politischen Vereinfachern geliefert. Sein Fazit: Die SPD hat einiges in diesem Land zum Besseren verändert, „aber die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit zu schaffen, wird größer – nicht kleiner.“

Zur AfD: „Politik durch Ausgrenzung“

Zudem „sezierte“ Schäfer-Gümbel, der nicht zu den Lautsprechern, aber sicherlich zu den herausragenden Analytikern seiner Partei gehört, das Wählerklientel der AfD („Sie macht Politik durch Ausgrenzung“) in die verschiedensten Gruppierungen – mit der Schlussfolgerung, dass hierbei nurmehr ein Teil für die traditionellen demokratischen Parteien überhaupt noch erreichbar sei.

Festakt in stilvoller Umgebung

In der stilvollen Umgebung des Alten Rathauses hatte Gerlinde Stolle („Ich bin froh, dass wir es geschafft haben, endlich einen Runden Tisch zu installieren, der sich um die Erhaltung und den Fortbestand dieses historischen Saales und dieses Gebäudes kümmert“) zuvor zahlreiche Gäste zur Jubiläumsfeier der Gaggenauer SPD begrüßt, darunter die Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek, Regierungspräsidentin Nicolette Kressl und Dorothea Maisch von der Gaggenauer CDU.

„Parteibücher gehen uns fast aus“

„125 Jahre SPD Ortsverein – eine stolze Zahl, die für Solidarität, viel Engagement, aber auch für viel Kampf um Gerechtigkeit steht. Auch für uns hier in Gaggenau eine Herausforderung, die Ursprungswerte und ihre Grundgedanken weiterzuleben“, so Gerlinde Stolle. Sie sei schon ein wenig stolz, „gerade in diesem Jubiläumsjahr Ortsvereinsvorsitzende zu sein. In einem Jahr, in dem soziale Gerechtigkeit wieder ganz oben auf der Agenda steht, in dem Martin Schulz als Kanzlerkandidat nominiert wurde. In einem Jahr, in dem uns fast die Parteibücher ausgehen. In einem Jahr, in dem es aber auch um die demokratische Substanz in Deutschland und Europa geht.“

Grußwort von OB Florus

Gekommen waren ins Alte Rathaus nach Bad Rotenfels auch Oberbürgermeister Christof Florus und Bürgermeister Michael Pfeiffer. Florus, der ein (etwas länger ausgefallenes) Grußwort sprach, nannte die SPD eine Partei, die allen Grund habe, stolz zu sein, habe sie sich doch von Beginn an für ein menschenwürdiges Dasein und für die Grundrechte jedes Einzelnen eingesetzt. Bei vielen Dingen, die in der Vergangenheit in den Industrie- und Arbeiterstädten, wie auch in Gaggenau, erst erkämpft werden mussten, habe sich die SPD einen Namen gemacht. Florus über das Jubiläum der Genossen in Gaggenau: „Das Koordinatensystem der sozialen Gerechtigkeit hat über 125 Jahre gehalten. Damals war Demokratie nicht einfach, es gab viele Einschränkungen und Gefahren.“

Rückschau in Wort und Bild

Genau die wurden nachfolgend bei einem Streifzug in Wort und Bild den Besuchern eindrucksvoll in Erinnerung gerufen: Manfred Ruf, Helmut Böttcher und Gabi Seifert wussten bei ihrer Rückschau sozialdemokratische Schlaglichter aus 125 Jahren sehr gut mit der nationalen und internationalen Entwicklung zu verknüpfen. So war der Beginn der SPD in Gaggenau für diejenigen, die sich zu ihr bekannten, existenzbedrohend: Die Gründung des Ortsvereins im Oktober 1892 im Gasthaus „Kreuz“ (heute Standort des Jugend- und Familienzentrums, „JuFaZ“) wurde begleitet von heftigem Widerstand, vornehmlich des Fabrikherren Theodor Bergmann; deshalb existieren keine Namenslisten mit Gründungsmitgliedern – solche Listen anzufertigen, wäre damals viel zu gefährlich gewesen, und wer wollte schon seine Existenz gefährden? Weitere Stationen des unterhaltsamen wie informativen Rückblicks waren die Wiedergründung des sozialdemokratischen Wahlvereins im Ottenauer „Strauß“ nach dem Ersten Weltkrieg am 5. Dezember 1918 oder die Amtszeit des ersten sozialdemokratischen Oberbürgermeisters in Gaggenau, Helmut Dahringer, von 1968 bis 1984.

Treue Genossen geehrt

Während der Festveranstaltung im Alten Rathaus Bad Rotenfels wurden auch verdiente Mitglieder geehrt. So gehört Rolf Hatzenbühler der SPD stolze 60 Jahre an. Mit 50 Jahren Treue standen auf der Jubilarliste: Norbert Geißer, Manfred Ruf, Josef Wiegele und Werner Zeisig. 40 Jahre Mitgliedschaft weisen auf: Helmut Bühler, Rolf Dreher, Georg Hentschel, Albert Huck, Josef Krämer, Paul Rodenfels, Udo Schröder, Monika Steimer und Wolfgang Streeb. Auf 25 Jahre Parteimitgliedschaft blicken Dorothea Benz, Carmen Goll, Ingeborg Regehr, Magdalena Rieger und Thilo Wessel zurück. Den musikalischen Part des Festaktes hatten Sandra Heberle und Gerold Stefan von der Gaggenauer Musikschule übernommen.