Während des Zweiten Weltkrieges gehörten Martin Bormann (rechts) als Leiter der Parteikanzlei, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (links) und Hermann Göring (Zweiter von links) zum engsten Kreis um Adolf Hitler im "Führerhauptquartier". | Foto: dpa

Gerda Bormann aus Scheuern

Die Trauzeugen hießen Hitler und Heß

Anzeige

Die Aufregung in Gernsbach war groß. Als Bürgermeister Julian Christ beim Neujahrsempfang verkündete, der hochdekorierte NSDAP-Funktionär Walter Buch werde fast 70 Jahre nach dessen Tod noch immer als Ehrenbürger der Stadt geführt, herrschte ungläubige Stille im Saal. Für seine Ankündigung, Buch die Ehrenbürgerschaft posthum zu entziehen, erntete der Gernsbacher Rathauschef reichlich Applaus. In einer Sache musste Christ allerdings wenige Tage später zurückrudern: Seine auf Informationen des Stadtarchivs fußende Behauptung, Adolf Hitler habe nach dem missglückten Putsch von München 1923 in Scheuern übernachtet, erwies sich als haltlos. Richtig ist: Der (Wahl-)Scheuerner Walter Buch machte im Dunstkreis Hitlers Karriere. Seine Tochter ehelichte Martin Bormann, die braune Eminenz im Staat. Trauzeuge war – Adolf Hitler.

Hühnerzucht in Scheuern

Gerda Bormann, geborene Buch, ist eine schillernde Figur im Dritten Reich. Groß, schlank und attraktiv, verkörpert sie das Idealbild der Frau im Nationalsozialismus. In den 20er-Jahren lebt die ausgebildete Kindergärtnerin mit ihrer Familie in Scheuern, wo ihr Vater, ein Putschgenosse Hitlers, eine Hühnerzucht betreibt. Der Aufstieg der NSDAP spült vormals unbekannte Akteure mit nach oben. Einer von ihnen ist Walter Buch, er bringt es unter Hitler bis zum obersten Parteirichter.

Ehefrau von Martin Bormann

Die Familie zieht nach München, wo die 19-jährige Gerda bei einer Parteiversammlung zur Jahreswende 1928/29 dem NSDAP-Politiker Martin Bormann verfällt. Als der ihre Zuneigung nicht wahrnimmt, bittet Gerda ihren Vater, ihn nach Hause einzuladen. Walter Buch, ein strenger Protestant, sträubt sich dagegen, da Bormann ein zweifelhafter Ruf vorauseilt. Wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft, werden ihm grobe Manieren und zahllose Frauengeschichten nachgesagt. Schließlich gibt Buch dem Wunsch seiner Tochter nach: Noch im April 1929 hält Bormann um Gerdas Hand an, fünf Monate später heiratet das Paar im Münchener Stadtteil Solln. Trauzeugen sind Adolf Hitler und Reichsminister Rudolf Heß.

Bruch mit den Eltern

Das Verhältnis zwischen Bormann und Walter Buch bleibt belastet. Wie die Historikerin Anna Maria Sigmund („Die Frauen der Nazis“) schreibt, werden sie zu Todfeinden, als der machtbewusste Bormann seinem ungeliebten Schwiegervater bei dessen richterlicher Arbeit zunehmend in die Quere kommt. Gerda schlägt sich auf die Seite ihres Mannes, dem sie als „gute Nationalsozialistin“ neun Kinder schenkt, und bricht den Kontakt zu ihren Eltern gänzlich ab. 1940 siedelt die Familie Bormann in die Nachbarschaft Hitlers auf den Obersalzberg (Oberbayern) um.

Initiatorin der Volksnotehe

Berühmt wird Gerda Bormann als Initiatorin der „Volksnotehe“, mit der die Kriegsverluste der deutschen Bevölkerung aufgefangen werden sollen. Demnach hat jedes „männliche, würdige Mitglied der Gesellschaft“ einen rechtliche Anspruch auf mehrere Ehen. Jede deutsche Frau soll verpflichtet werden, mit einem Mann vier Kinder zu zeugen, „während dieser nach dem Erreichen dieser Zahl wieder für eine weitere Frau zur Verfügung stehen muss“. Laut Sigmund billigt Gerda Bormann die Affären ihres Mannes nicht nur, vielmehr beglückwünscht sie ihn dazu.

Martin Bormann gewinnt indessen stetig an Einfluss. In den 40er-Jahren ist er Reichsleiter der NSDAP, Chef der Parteikanzlei und sogar Privatsekretär Hitlers. Bormann zementiert seine Rolle als zweiter Mann im Staat und verdrängt Nazi-Größen wie Göring, Himmler und Goebbels in der Gunst des „Führers“. In seinen Funktionen war Bormann unter anderem maßgeblich an der Verfolgung und Ermordung von Millionen von Juden beteiligt.

Flucht nach Südtirol

Auch Gerda Bormann ist eine überzeugte Nationalsozialistin und Antisemitin. Das Ende des Dritten Reiches trifft sie hart. Während ihr Mann in dessen letzten Tagen an der Seite Hitlers im Führerbunker bleibt, flüchtet Gerda nach Südtirol. Nach einigen Wochen kommt sie ins Militärlazarett, wo Ärzte bei ihr Unterleibskrebs diagnostizieren. Am 23. März 1946 stirbt Gerda Bormann an den Folgen einer Quecksilbervergiftung, die sie sich durch eine Chemotherapie zugezogen hat.
Walter Buch wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt und nimmt sich nach seiner Freilassung am 12. September 1949 das Leben.