Die Abrissarbeiten auf dem Pfleiderer-Areal in Gernsbach sind weitgehend abgeschlossen.
Die Abrissarbeiten auf dem Pfleiderer-Areal in Gernsbach sind weitgehend abgeschlossen. | Foto: Dürr

Abrissarbeiten vor Abschluss

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Pfleiderer-Areal in Gernsbach

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Gift im Boden, Streit im Gemeinderat und aufgebrachte Bürger: Die Bebauung des Pfleiderer-Areal in Gernsbach ist hoch umstritten. Auf der mit Chemikalien belasteten Industriebrache sollen in den kommenden Jahren Wohnungen, Einkaufsmärkte und Naherholungsflächen entstehen. Auch beim ersten Baggerbiss Ende Januar protestierten einige Unverdrossene gegen das Projekt.

Mittlerweile sind die Abrissarbeiten weitgehend abgeschlossen. Aus diesem Anlass geben die BNN einen aktuellen Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten zum Millionen-Projekt an der Murg.

Wie lautet der Zeitplan?

Die Arbeiten auf dem Pfleiderer-Areal haben am 29. Januar begonnen. Mittlerweile wurden die alten Werkshallen abgerissen. In den kommenden Wochen soll der Bauschutt abtransportiert werden. Die Dekontaminierung beginnt im Sommer. Im Frühjahr 2021 sollen die Arbeiten an den Gebäuden beginnen. Nach Angaben der Stadt ist derzeit nicht mit einer Verzögerung durch die Corona-Pandemie zu rechnen.

Wie wird dekontaminiert?

Die Investorengruppe Krause hat zugesichert, das 25.000 Quadratmeter große Areal für 4,5 Millionen Euro weitgehend zu dekontaminieren. Geplant ist zunächst, die beiden größten Giftherde im Bereich der früheren Imprägnierbecken vollständig auszuheben und mit unbelasteter Erde aufzufüllen.

 

Foto: BIT Architekten GmbH/Arcadis

 

Ist dann noch Geld übrig, lässt der Investor auch an anderen Stellen Erde austauschen. Zusätzlich wird das Gelände um einen Meter angehoben. Auf der am stärksten belasteten Zone befinden sich künftig die Parkplätze für die beiden Einkaufsmärkte. Eine vollständige Sanierung würde nach Experten-Einschätzung bis zu 25 Millionen Euro kosten.

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Woher stammt das Gift?

Auf dem Gelände stand von 1858 bis 1952 ein Imprägnierwerk, in dem unter anderem Bahnschwellen mit dem hochgiftigen Quecksilber-Chlorid behandelt wurden.

Michael Reinhard vom Fachbüro Arcadis berät die Stadt bei der Dekontaminierung. | Foto: Körner

Dabei kam es, vermutlich durch Unachtsamkeit und undichte Tauchbecken, zur Verunreinigungen des Erdreichs. Schlimmer noch: Bei Umbauarbeiten ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die belastete Erde auf dem Grundstück verteilt.

Was wird gebaut?

Auf dem Pfleiderer-Areal entstehen Wohnungen, darunter Einheiten für betreutes Wohnen. Auch Gewerbe-, Büro- und Einzelhandelsflächen sind geplant. Auf dem Grundstück an der Murg lässt sich zudem die Firma Edeka mit einem Vollsortimenter nieder. Der Discounter Lidl zieht von seinem bisherigen Standort im Gewerbegebiet in der Nordstadt auf das Pfleiderer-Areal.

Außerdem werden Naherholungsflächen mit einer Treppe zur Murg und einem Steg zur Altstadt gebaut. An der Bleichstraße soll ein Kreisverkehr für eine geordnete An- und Abfahrt sorgen. Ein Neubau des Rathauses auf dem Pfleiderer-Areal, den Bürgermeister Julian Christ ins Gespräch gebracht hatte, ist mittlerweile aus finanziellen Gründen vom Tisch.

Wer ist der Bauherr?

Investor ist die Firmengruppe Krause. Der Projektentwickler aus Bayreuth investiert nach eigenen Angaben 62 Millionen Euro in das Pfleiderer-Areal.

Erster Baggerbiss: Die Abrissarbeiten auf dem Pfleiderer-Areal begannen am 29. Januar. | Foto: Körner

Allein für Voruntersuchungen, Gutachten, den Grundstückserwerb und die Abrissarbeiten nimmt das Unternehmen rund zehn Millionen Euro in die Hand. Die Dekontaminierung kostet 4,5 Millionen Euro. Erträge durch Grundstücksverkäufe und Mieten sind erst mittelfristig zu erwarten.

Was ist mit dem Hochwasserschutz?

Stand heute würden das Pfleiderer-Areal und Teile der dahinter liegenden Nordstadt bereits ab einem 50-jährlichen Hochwasser überschwemmt. Deshalb hat sich die Stadt für eine Aufweiterung der Murg ausgesprochen, die rund zwei Millionen Euro kosten soll. Betroffen wäre ein Abschnitt von mehreren hundert Metern – ab dem Einlauf zur Wasserkraftanlage Sägmühle in Fließrichtung.

Schutz vor Hochwasser: Die Murg soll auf Höhe des Pfleiderer-Areals verbreitert werden. | Foto: Dorscheid

In Gernsbach ist die geplante Maßnahme umstritten, weil die Hochwassergefahr auch in anderen Bereichen groß ist, etwa an der Stadtbrücke. Ihr Neubau würde zwar den Durchfluss verbessern, allerdings rund 4,5 Millionen Euro kosten.

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Was sagt die Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BiGG)?

Die Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BiGG) fordert eine vollständige Dekontaminierung des Pfleiderer-Areals, die der Investor nicht garantieren will. Außerdem kritisieren die BiGG und mehrere Naturschutzverbände die Anwendung des beschleunigten Verfahrens für das Bauvorhaben. Es erfordert keine Prüfung der Umweltverträglichkeit.

Proteste der Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach vor dem Pfleiderer-Areal | Foto: BNN

Till Banasch, ein von der Bürgerinitiative konsultierter Fachanwalt, hatte das Verfahren als rechtswidrig bezeichnet. „Wir haben die Zusage des BUND, dass gegen den Bebauungsplan eine Verbandsklage eingereicht werden soll“, teilt BiGG-Sprecher Peter Kugler auf BNN-Anfrage mit. Juristisch ist das letzte Wort also womöglich noch nicht gesprochen.