Erinnerungen in Schwarz-Weiß: Dieses Bild von 1982 zeigt vermutlich den Reichentaler Feuerwehrausschuss. Vorne, Zweiter von links: Erwin Klumpp. | Foto: privat

Erwin Klumpp aus Reichental

Ein Leben für die Feuerwehr

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Mehr Urgestein geht nicht: Als Erwin Klumpp 1943 der Reichentaler Feuerwehr beitritt, ist Hitler noch an der Macht, Janis Joplin wird geboren und in New York erscheint die Erstausgabe des „Kleinen Prinz“. Seit nunmehr 75 Jahren hält der 89-Jährige den Floriansjüngern im Gernsbacher Stadtteil die Treue – eine bemerkenswerte Leistung, für die Klumpp vor wenigen Wochen ausgezeichnet wurde. Das einzige noch lebende Gründungsmitglied der Abteilung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu formierte, blickt auf eine beeindruckende Vita zurück.

Mann der Vereine

Neben seinem Engagement in der Feuerwehr ist Erwin Klumpp seit vielen Jahrzehnten Mitglied im Gesang-, Musik- sowie Obst- und Gartenbauverein seines Heimatdorfes. Wie denkt einer, der ein ganzes Menschenleben den Vereinen gewidmet hat, über deren Nachwuchssorgen? Um die Zukunft der Reichentaler Wehr, das wird gleich zu Beginn deutlich, ist dem rüstigen Rentner nicht bange. „Die Jugendarbeit läuft hervorragend“, betont er. Kommandant Ralf Wieland, der beim Gespräch mit am Kaffeetisch der Klumpps sitzt, nickt. Die Mitgliederzahlen haben sich gegenüber Klumpps Anfangszeit kaum verändert: Wie damals ist die Abteilung rund 30 Mann (und Frau) stark.

Es tut weh, das zu beobachten.

Erwin Klumpp über das Vereinssterben im Murgtal

 

Das Vereinssterben im Murgtal ist Klumpp freilich nicht entgangen: „Es tut weh, das zu beobachten“, sagt er. Das Freizeitangebot habe sich gegenüber seiner Jugend vervielfacht. Seinerzeit sei man zum Fußball, zur Feuerwehr oder zum Musikverein gegangen, heute habe der Nachwuchs eine ungleich größere Auswahl. Hinzu kommt: Weil es in der Umgebung deutlich weniger Arbeitsplätze gebe, müssten viele junge Leute nach Rastatt, Ettlingen oder Karlsruhe.

Problem Tagesverfügbarkeit

Eines hat sich nicht verändert: Die Tagesverfügbarkeit der Einsatzkräfte war schon damals ein Problem. Viele junge Feuerwehrmänner arbeiteten wie auch Klumpp in der Hilpertsauer Kartonfabrik. Bei Schichtwechsel war die Personaldecke besonders dünn, weil sich die meisten von ihnen auf dem Arbeitsweg befanden – zu Fuß oder mit dem Rad. „Da konnte man nicht auf die Schnelle ausrücken, wenn es gebrannt hat“, erzählt Klumpp. Ralf Wieland kämpft bei der Tagesverfügbarkeit heute mit einem anderen Problem. „Die meisten Firmen befreien ihre Mitarbeiter zwar für Einsätze“, erklärt er, „da viele aber schlicht zu weit weg arbeiten, bringt das im Ernstfall wenig“.

Zwangsverpflichtung 1943

Erwin Klumpp ist, seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Wehr vor 25 Jahren, Mitglied der Alterskameradschaft. Einmal im Monat treffen sich die alten Kameraden zum Vesper, wer kann, geht gemeinsam spazieren. Klumpp ist der erfahrenste von ihnen. 1943 wurde er zunächst für die Papierfabrik und, einhergehend damit, deren Werksfeuerwehr zwangsverpflichtet.

Vereinsmensch durch und durch ist Erwin Klumpp aus Reichental. | Foto: Körner

Weil viele der eigentlichen Arbeiter in den Krieg ziehen mussten, ließen die Nationalsozialisten den Reichentalern keine echte Wahl. „Wer sein Kind nicht aus der Schule nahm und in die Fabrik schickte, dem wurden die Lebensmittelkarten gestrichen“, erinnert sich Klumpp. Noch bevor der damals 14-Jährige überhaupt seinen Ausbildungsvertrag in Hilpertsau unterschrieben hatte, habe man ihm den für die Werkswehr vorgelegt.

Feuerwehr formiert sich neu

Schließlich musste auch der junge Erwin in den Krieg. Als die Alliierten vor seinem Truppenstandort bei Würzburg standen, floh er zu Fuß ins Allgäu, wo er gefasst wurde. Nach kurzer Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde Klumpp freigelassen und kehrte nach Reichental heim. Dort nahm er wieder seine Arbeit bei der Werksfeuerwehr in Hilpertsau auf – diesmal allerdings für die Franzosen. Die Reichentaler Abteilung hatten die Besatzer zunächst verboten, viele ehemaligen Kameraden kehrten ohnehin nicht aus dem Krieg heim. Aber schon 1946 gründeten einige junge Reichentaler ihre Abteilung neu. Die Zeit bei der Werksfeuerwehr wurde ihnen angerechnet.

Waldbrände nach dem Krieg

Von Anfang an dabei: Erwin Klumpp. Die Erinnerungen an seine ersten Einsätze sind noch heute lebendig. „Nach dem Krieg kam es immer wieder zu Waldbränden oberhalb des Dorfes“, erzählt er, „vermutlich weil sich dort Munitionsüberbleibsel aus dem Krieg entzündeten“. Ein Brand in den Fünfzigern forderte Klumpp und seine Kameraden besonders. Am Kaltenbronn stand die Prinzenhütte in Flammen. „Wir holten das Löschwasser vom Hohlohsee“, erzählt Klumpp, „dafür war auch der letzte Meter Schlauch nötig“.

Letzter Überlebender

Im Sommer feiert Erwin Klumpp seinen 90. Geburtstag. Von seinen damaligen Kameraden – 2013 wurde er noch gemeinsam mit Gerhard Götz und Wilhelm Wörner für seine 70-jährige Mitgliedschaft geehrt – lebt keiner mehr. „75 Jahren in der Feuerwehr, das ist schon sehr außergewöhnlich“, sagt Kommandant Wieland anerkennend und fügt schmunzelnd an: „Wenn Erwin mal nicht mehr ist, müssen wir überlegen, wie wir ihm ein Denkmal setzen“.