Dunkle Wolken sehen viele Gernsbacher Einzelhändler über sich aufziehen. Ein neuer Vollsortimenter auf dem Pfleiderer-Areal könnte Auswirkungen auf ihr Geschäft wie auch die Erweiterungspläne von Aldi in der Schwarzwaldstraße (im Bild) haben. | Foto: Körner

Vollsortimenter in Gernsbach

Einzelhändler quält die Existenzangst

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Nach dem Aufstellungsbeschluss des Bebauungsplans für das Pfleiderer-Areal wachsen die Sorgen der Gernsbacher Einzelhändler. Durch die geplante Ansiedlung eines Vollsortimenters auf der Industriebrache bangen einige von ihnen um ihre Existenz. Ihre Befürchtung: Die Gernsbacher Innenstadt könnte ausbluten. Unterdessen bekräftigt Aldi Süd seine Absicht, den Markt in der Schwarzwaldstraße auszubauen. Die Rewe-Group und Edeka zeigen Interesse am Pfleiderer-Areal, aktuell laufen die Verhandlungen mit der Krause-Gruppe. Rewe besteht auf eine vollständige Entgiftung des Grundstücks.

Ein Vollsortimenter wäre für uns das Aus.

Viele Gernsbacher beschäftigt derzeit die Frage: Wie geht es weiter mit den inhabergeführten Geschäften in der Innenstadt, wenn sich auf dem Pfleiderer-Areal ein Nahversorgungsriese niederlässt? Claudia Wegst, Juniorchefin des Toto-Lotto-Ladens in der Bleichstraße, sieht in diesem Fall schwarz: „Ein Vollsortimenter wäre für uns das Aus.“ Bereits durch die Eröffnung der Rossmann-Filiale am Salmenplatz habe man „viele Kunden verloren“. Seit mehr als 40 Jahren hält sich der Familienbetrieb in Gernsbach. Bald könnte Schluss sein.

Studie sieht Unterversorgung

„Wir würden sicherlich weiterkämpfen“, so Wegst, „aber Hoffnung hätte ich kaum.“  Ihre Kundschaft, das würde in Gesprächen immer wieder deutlich, sei über die jüngsten Entwicklungen besorgt: „Viele schätzen das persönliche Verhältnis zu uns.“ Obschon Wegst Handlungsbedarf auf dem Pfleiderer-Areal erkennt, hält sie wenig von den Mitte Oktober vorgestellten Plänen. Demnach sollen auf dem mit Chemikalien belasteten Grundstück bei „weitestgehender Entgiftung“ unter anderem ein Discounter, ein Vollsortimenter und Wohnbebauung entstehen. Zwar sieht das von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) entwickelte Einzelhandelskonzept Gernsbach als Mittelzentrum bei der zur Verfügung stehenden Verkaufsfläche im regionalen Vergleich unterrepräsentiert (siehe Grafik zum Anklicken). Dennoch sagt Wegst zum Vorhaben von Stadt und Krause-Gruppe: „Für uns geht das gar nicht.“ Sie befürchtet ein „Ausbluten der Gernsbacher Innenstadt“.

Einzelhändler fürchten Kundenverlust

Ihre Sorgen teilt Ulrike Stößer von der Bäckerei Anita Häfele in der Altstadt. Man habe ohnehin schon viele Kunden an die Backshops der großen Anbieter verloren. Hinzu kommt die beengte Parksituation rund um das Geschäft: „Viele Menschen sind bequem oder haben wenig Zeit. Im Zweifel fahren sie zum Einkauf dorthin, wo sie alles an einem Ort bekommen.“ Auch Stößer warnt vor einer Kettenreaktion durch einen neuen Vollsortimenter: „Wenn andere sterben, sterben wir mit.“

Nah am Kunden: Ulrike Stößer (links) und Anita Häfele (im Hintergrund). Die beiden Frauen sorgen sich um die Zukunft ihrer Bäckerei in der Schlossstraße. | Foto: Körner

Heißt: Nimmt der Kundenverkehr in der Innenstadt insgesamt ab, wird das wirtschaftliche Überleben für die verbleibenden Geschäfte immer schwieriger. Hoffnung machen Kunden wie Martin Goletz: „Ich komme auch künftig hierher“, sagt er aus Überzeugung, „weil die Qualität stimmt und ich einen persönlichen Draht zu den Inhabern habe.“ Allein: Die treue Stammkundschaft reicht laut Stößer nicht aus, um den Betrieb langfristig zu sichern.

Keine Auswirkungen auf Dorfläden?

Deutlich optimistischer als die klassischen Einzelhändler zeigen sich dagegen die Initiatoren der Dorfladen-Projekte in Reichental und Staufenberg. „Einen Vollsortimenter sehen wir nicht als Bedrohung“, betont Guido Wieland vom Arbeitskreis Dorfladen Reichental. Mit den Preisen der Großen könne man ohnehin nicht mithalten – und wolle das auch nicht: „Wir zielen auf eine andere Klientel. Es geht uns vor allem um die Grundversorgung vor Ort.“ Über kurze Wege könnten Bürger in Zukunft etwa Backwaren, Wurst und Fleisch einkaufen. Da es im Höhenstadtteil keine Gaststätte mehr gibt, solle der Dorfladen auch ein sozialer Treffpunkt werden. In dieselbe Kerbe schlägt Udo Kathan: „Wir wollen die Menschen aus dem Ort zusammenbringen“, erklärt der Sprecher des Teams Dorfleben Staufenberg. Man werde sich „vom Sortiment der Großmärkte deutlich abheben, indem wir vornehmlich auf regionale und Bio-Produkte setzen.“

Von der Ansiedlung eines Vollsortimenters auf dem Pfleiderer-Areal dürfte auch der Nahkauf betroffen sein. Die Stadt will dem Nahversorger nun unter die Arme greifen. | Foto: Dürr

Hintergrund: Gespräche über Nahkauf
Ob der Nahkauf in der Hebelstraße eine Zukunft hat, wenn auf dem Pfleiderer-Areal ein Vollsortimenter entsteht, scheint unklar. Nun fand ein Gespräch zwischen Leiterin Claudia Klumpp und Bürgermeister Julian Christ statt. Nach städtischen Angaben ging es dabei um Möglichkeiten, den Nahversorger zu unterstützen. Die Verwaltung schlug einen Vor-Ort-Termin mit dem Ordnungsamt vor, „um Lösungen für die derzeitig ungünstige Parksituation zu finden.“

Verhandlungen mit Nahversorgern

Nachdem der Gemeinderat im Oktober mit der Mehrheit von SPD und Freien Bürgern den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan „Im Wörthgarten“ beschlossen hatte, laufen bereits die Verhandlungen zwischen Krause und zwei großen Nahversorgern. Die Investorengruppe verfügt über eine Kaufoption für das Pfleiderer-Areal. Wie Projektleiter Uwe Reinhard auf BNN-Anfrage bestätigt, zeigt neben Edeka auch die Rewe-Group Interesse am Standort Pfleiderer. Vermutlich im Dezember sollen die Gemeinderäte die Gelegenheit erhalten, ihre Präferenz zu äußern. Die ursprünglich von Aldi und Rewe anvisierte und vom Rat bereits abgesegnete Erweiterung ihrer Märkte in der Schwarzwaldstraße hatte die Stadtverwaltung mit der Begründung auf Eis gelegt, man müsse zunächst die weitere Entwicklung des Pfleiderer-Areal abwarten.

Aldi bleibt in Schwarzwaldstraße

Dieser Schritt hatte bei Aldi und Teilen des Gemeinderats für Unverständnis gesorgt. In der Folge hatte der Discounter in einem Schreiben an das Gremium auf eine Umsetzung des Gemeinderatsbeschluss gedrängt. „Wir halten weiter am Standort Schwarzwaldstraße fest“, erklärte Aldi-Projektentwickler Ingo Brunner gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten. Offenbar sieht Aldi seine Felle davon schwimmen, falls die Rewe-Group einen Umzug auf das Pfleiderer-Areal anstrebt.

Filetstück mit Altlasten: Das Pfleiderer-Areal in Gernsbach. | Foto: Gerstner

Rewe pocht auf vollständige Entgiftung

Auf BNN-Anfrage bekräftigt die Firma Rewe, man sei unverändert an einer Modernisierung in der Schwarzwaldstraße interessiert. Außerdem heißt es in der schriftlichen Stellungnahme: „Die weiteren Entwicklungen auf dem Pfleiderer-Areal beobachten wir. Rewe setzt jedoch bereits seit Jahren auf eine umweltbewusste, nachhaltige Bauweise der neuen Supermarkt-Objekte. Daher legen wir Wert auf eine vollständige und vernünftige Entgiftung des Areals. Sollte dies nicht stattfinden, ist das Pfleiderer Areal für uns als möglicher Standort nicht von Interesse.“

„Weitestgehende“ Sanierung geplant

Die Krause-Gruppe hatte zugesagt, das mit Arsen und Quecksilber belastete Areal für bis zu 4,5 Millionen Euro „weitestgehend“ zu sanieren. Die Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BIGG) sowie Grüne und CDU im Gemeinderat befürchten, dass dieses Budget für eine vollumfängliche Entgiftung, wie von Rewe gefordert, nicht ausreicht.

 

Kommentar
Die geplante Ausweisung des Täters im Offenburger Arztmordprozess dürfte kaum auf Verständnis stoßen. | Foto: ©jd-photodesign - stock.adobe.com

 

Der Kunde entscheidet

Bislang tut sich nichts auf dem Pfleiderer-Areal in Gernsbach – und so schnell dürfte sich das auch nicht ändern. Die Pläne der Stadtverwaltung und der Investorengruppe Krause, auf der einstigen Industriefläche einen Vollsortimenter anzusiedeln, erhitzen indes schon jetzt die Gemüter. Seit Jahren ist die Revitalisierung des Filetstücks an der Murg ein Zankapfel, an dem sich der Gemeinderat verbissen abarbeitet. Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan, den das Gremium im Oktober verabschiedet hat, kommt einem Durchbruch gleich; die Fronten haben sich dadurch allerdings noch verhärtet. CDU, Grüne und die Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BIGG) pochen unverändert auf eine komplette Dekontaminierung des mit Chemikalien belasteten Areals.

Klare Kante von Rewe

Auf BNN-Anfrage hat sich mittlerweile auch die Rewe-Group positioniert, die neben Edeka als Interessent für den Standort gilt. Klare Aussage: Wir gehen nur auf das Pfleiderer-Areal, wenn der Giftmüll vollständig entsorgt wird. Nun hat die Krause-Gruppe der Stadt eine „weitestgehende“ Entgiftung für bis zu 4,5 Millionen Euro zugesagt. Angesichts bisheriger Kostenkalkulationen für eine Komplettsanierung, die im zweistelligen Millionenbereich lagen, muss man davon ausgehen, dass Giftmüll im Erdreich zurückbleibt. Wenn sich die Rewe-Group an ihren eigenen Worten messen lässt, ist ein Engagement für sie damit hinfällig. Bleibt abzuwarten, ob nicht auch Edeka Bedenken hegt.

Ungleiche Konkurrenz

Die Gernsbacher Einzelhändler werden die Entwicklungen rund um das Pfleiderer-Areal jedenfalls mit Spannung verfolgen. Das Stimmungsbild, das sich bei der BNN-Recherche in dieser Woche ergab, zeigt: Kommt der Vollsortimenter, bangen viele um ihre Existenz. Und das ist durchaus nachvollziehbar: Die meisten Menschen sind bequem, in Zeitnot oder schauen beim Einkauf aufs Geld. Allesamt Argumente für den Vollsortimenter und gegen den kleinen Einzelhändler.

Kunde hat das letzte Wort

Ob die Innenstadt tatsächlich ausblutet, wie von manch einem befürchtet, ist ungewiss. Letztlich entscheidet der Kunde: Wer an den kleinen Familienbetrieben hängt, sollte sie unterstützen, indem er dort einkauft. Jetzt und in Zukunft. Dominic Körner