Bei der Oberbürgermeisterwahl in Gaggenau am 8. März 2015 war Landrat Jürgen Bäuerle (Mitte) erster Gratulant von Christof Florus, der nun bald "Halbzeit" seiner zweiten Amtszeit hat. | Foto: Mandic

Gaggenauer OB im Interview

„Erneute Kandidatur kann ich mir gut vorstellen“

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Vor vier Jahren, am 8. März 2015, erhielt Christof Florus bei der Gaggenauer Oberbürgermeisterwahl das Votum der Bürgerschaft für eine zweite Amtszeit. Alleinkandidat Florus durfte sich über 95,1 Prozent Zustimmung freuen, getrübt durch eine geringe Wahlbeteiligung von nur 19,7 Prozent. Mit Blick auf die zweite Hälfte seiner zweiten Amtszeit sprach BNN-Redaktionsmitglied Thomas Dorscheid mit dem Rathauschef (62) über die Themen Stadtentwicklung, Personalaufbau im Rathaus, Hillwood, Wahl des Landrats in der kommenden Woche. Und über seine persönlichen Ambitionen – Florus kann sich, wie er sagt, eine Kandidatur im Jahr 2023 für eine dritte Amtszeit als OB „gut vorstellen“.

 

Was möchten Sie mit Blick auf die zweite Hälfte Ihrer zweiten Amtszeit unbedingt noch anpacken beziehungsweise zu Ende führen?

Florus: Zu Ende führen ist eigentlich bei der Führung einer Stadt gar nicht möglich, weil immer wieder neue Aufgaben kommen beziehungsweise bestehende Aufgaben erweitert oder erneuert werden müssen. Zum Beispiel das Betreuungsangebot für Kinder: Noch vor rund zehn Jahren hieß es, dass Gaggenau bis auf 26 000 Einwohner schrumpft; also lautete die Aufgabe, unsere Schulen und Kindergärten zu erhalten. Inzwischen verbuchen wir aber einen Bevölkerungszuwachs – und die Aufgabe lautet: Nicht schließen, sondern erweitern. Wenn eine Kommune lebt und wächst, muss sie sich weiterentwickeln.

Intern haben Sie davon gesprochen, dass Ihnen das Projekt „Entwicklung des rückwärtigen Areals Gasthaus Post“ sehr wichtig ist – wie ist hier der Sachstand?

Florus: Die Gaggenauer Innenstadtentwicklung gliedert sich in drei Bereiche: Die Bereiche Nord mit dem Eisenhöfer-Areal und Ost mit Hildastraße und Umgebung schreiten gut voran. Das Post- und Schiffmacher-Areal gehört zur Innenstadt-Mitte und ist noch ein Schandfleck, wenn man vom Bahnhof her auf den Hinterhof blickt. Dort gibt es zweifellos Potenzial für Einzelhandel und Wohnbebauung, aber auch mehrere Besitzer mit unterschiedlichen Vorstellungen. Auch würde sich die Erschließung nicht einfach gestalten. Aber die Entwicklung dieses Geländes ist in der Tat noch eine meiner Hauptaufgaben – wie übrigens auch das Parkhotel.

Der Gemeinderat hat im Februar im Nachhinein einen Personalaufbau der Stadtverwaltung um fast 17 Stellen gebilligt, der bereits für 2018 mit 560 000 Euro Mehrkosten zu Buche schlägt. Besteht die Gefahr, dass der Stadt solche Mehrkosten zu einem Zeitpunkt, wenn die Einnahmen nicht mehr so üppig sind, auf die Füße fallen?

Florus: Zum Teil sind es Stellen, wo es um Pflichtaufgaben geht und man mehr Personal benötigt, etwa Erzieherinnen oder Personal für die verlässliche Grundschule. Zum Teil werden unsere Dienstleistungen verbessert, auch in der Umsetzung, zum Beispiel durch schnellere Baugenehmigungsverfahren. Aber die Frage ist dennoch berechtigt: Wir achten darauf, dass der Personalbestand nicht zu hoch wird und haben bei dem Aufbau auch berücksichtigt, dass wir in der Verwaltung bis 2022 auch wieder einen Schwund durch Rente und Altersteilzeit haben werden. Wir liegen in Sachen Personal im Vergleich zu anderen Städten nicht über dem Durchschnitt.

Wenn es der Stadt gut geht, und das tut es, hätte man auch über eine Senkung von Grund- und Gewerbesteuer nachdenken können. Die umgekehrte Richtung – die Stadt braucht Geld, die Realsteuern werden erhöht – kennen wir ja schon aus der Vergangenheit ….

Florus: Das ist kein Thema, die Verwaltung hat zusammen mit dem Gemeinderat die Eckwerte des Haushalts festgesetzt. Wenn man langfristig denkt, und das tun wir, ist eine Senkung der Grundsteuer nicht ratsam, dann würde es hoch und runtergehen. Es ist vielmehr so, dass das zusätzliche Geld dem Bürger zugute kommt und in wichtige Projekte gesteckt wird, zum Beispiel in die Sanierung der Schulen in zweistelliger Millionenhöhe, den Hochwasserschutz oder in die zusätzliche Unterstützung der Altenhilfe. Auch Investitionen und Folgekosten für das Waldseebad sind hierbei berücksichtigt. Zudem gibt es immer wieder nicht eingeplante Aufgaben, etwa die Brückensanierungen.

Würden Sie im Nachhinein sagen, dass in Sachen Hillwood, wo jetzt zwei Riesenhallen stehen und ein stetig wachsender Lkw-Verkehr prognostiziert wird, alles richtig gelaufen ist?

Florus: Eine schwere Frage. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft und wir dürfen froh sein, dass diese Firma angesichts der Problematik des Areals – Altlasten und Hochwasserschutz – die Immobilien so schnell erworben und viel Geld in die Hand genommen hat. Die Gefahr, eine Industriebrache jahrzehntelang vor Ort zu haben, ist schlimmer als die jetzige Ansammlung. Wenn man die Situation vor Ort betrachtet, herrscht auch kein extremer Dauer-Lkw-Verkehr. Und man muss sehen: Wir leben von der Industrie, und es gibt keine Produktion ohne Lieferungen. Wir haben den Vorteil, dass beide Hauptpächter Zulieferer von Daimler sind. Und wenn Teile vor Ort veredelt werden, dann ist das umweltfreundlicher, als Lkw quer durch Deutschland fahren zu lassen.

In der Vergangenheit ist ein gemeinsames Gewerbegebiet Gaggenau/Bischweier angedacht worden – davon ist heute nichts mehr zu hören …

Florus: Zu diesem Thema wurden vor zehn Jahren schon Vorgespräche mit Kuppenheim und Bischweier geführt. Daimler hatte parallel in Kuppenheim direkt nach einer Gewerbefläche angefragt. Dort steht heute das Presswerk und somit hatte sich damals ein gemeinsames Gewerbegebiet erübrigt. Aber wir stehen weiterhin mit den Bürgermeistern Mußler in Kuppenheim und Wein in Bischweier im Austausch, ob nicht doch ein interkommunales Gewerbegebiet möglich ist.

Als Mitglied des Kreistags wählen auch Sie in wenigen Tagen den zukünftigen Landrat. Sehen Sie Ihren Weisenbacher Bürgermeisterkollegen Toni Huber als Favorit oder ist für Sie das Rennen offen?

Florus: Mein Favorit ist Kollege Toni Huber, weil er kommunalpolitische Erfahrungen mitbringt, weil er die Region sehr gut kennt, sehr gut vernetzt ist und die wichtige Erfahrung hat, was kleine Gemeinden leisten und was sie nicht leisten können.

Bei der nächsten OB-Wahl voraussichtlich im März 2023 werden Sie 66 Jahre alt sein. Von den geänderten Statuten her dürften Sie noch einmal kandidieren, aber keine volle Amtszeit mehr im Dienst sein. Ist eine erneute Kandidatur für Sie ein Thema?

Florus: Ich kann es mir gut vorstellen, weil die Arbeit als Oberbürgermeister in der eigenen Stadt ein Traumberuf ist und mich total zufrieden macht und erfüllt. Die Aufgaben, wie gesagt, werden immer da sein und eine Stadt noch weiter in die Zukunft zu entwickeln, ist extrem schön. Wichtig für meine Entscheidung ist meine Familie und meine Gesundheit, genauso wichtig der Wille des Bürgers. Da werde ich genau hinhören.