Nur bescheidene Präsente waren in früheren Zeiten möglich: Eine Bastelanleitung nach dem Ersten Weltkrieg zeigt, wie man eine Puppe aus Papierbindfäden und Spielzeug aus Materialien des Waldes fertigen kann. | Foto: Schapeler

Gaggenauer erinnern sich

„Es gab keine großen Geschenke“

 

Von Elke Schapeler

Wenn an Weihnachten die Christbäume im Lichterglanz erstrahlen und in den Häusern Kerzen- und Tannenduft verbreiten, erinnern sich viele Menschen an jene bescheidenen und dennoch von einem ganz besonderen Zauber erfüllten Weihnachtsfeste – an damals, „als man noch nicht alles hatte“. Und an jene geheimnisvolle Zeit im Advent, als sich schon frühzeitig die Dunkelheit über das stille Land senkte und die Frauen mit einer „Stricket“ in der warmen Stube saßen, während die Väter im Keller an hölzernen Spielsachen für ihren Nachwuchs werkelten. Ältere Gaggenauer Bürger blicken zurück.

„Direkt aus dem Himmel“

Vorweihnachtliche Hektik, Konsumrausch, (Schokoladen-)Weihnachtsmänner allerorten und übervolle Gabentische gab es damals noch nicht. Ein wenig Rückbesinnung an den Ursprung des Christfestes wäre aus Sicht vieler Menschen gut – allein schon der Kinder wegen. Rosemarie Klocke, Mitglied im Heimatverein Bad Rotenfels, erinnert sich: „Meine drei Schwestern und ich stellten am Nikolausabend unsere Teller samt Kerze auf den Fenstersims vor die ausgestellten Fensterläden, unter denen sich ein Brunnen befand. Wir mussten ganz leise sein und horchten in der Dunkelheit mit klopfenden Herzen auf jedes Geräusch, doch alles blieb still….“ Auf einmal leuchtete ein heller Schein in die Stube: „Alle vier Kerzen brannten, der Nikolaus war da gewesen! Andächtig kosteten wir seine Gaben: Dörrobst, Weihnachtsbredle und Nüsse. Schließlich kamen die ja direkt aus dem Himmel“.

 „Pelzmärtel“ mit Bart und Birkenrute

Wenn früher jemand die Dorfjugend das Fürchten lehrte, dann war es der mit schweren Ketten rasselnde und mit Kuhglocken schellende finstere Geselle und Begleiter des Nikolaus, der „Pelzmärtel“ mit schwarzer Kapuze, langem Bart und Birkenrute, der „freche Buben“ auch schon mal in den Sack steckte. „Ihr braucht keine Angst zu haben“, beruhigte Oma Luis’ damals ihre Enkel in Michelbach, „wenn ihr was angestellt habt, wird das gleich erledigt; dazu brauchen wir keinen Pelzmärtel“, erzählt Belinda Bachura.
„An den Winterabenden hat Onkel Martin Körbe geflochten; mein Bruder und ich saßen auf der Holzkiste neben dem warmen Ofen, aßen Birnenschnitz und lauschten Oma Luis’ selbst erfundenen Geschichten. Zu Weihnachten hatte sie für uns feine Lebkuchen gebacken und mit Bildchen für ’Mädle’ und für ’Bube’ verziert. In der Adventszeit bügelten wir Halme von unserem Stroh und bastelten daraus Strohsterne für den Christbaum.“

„Ich war glückselig“

Zu Weihnachten habe sie sich einmal „nichts sehnlicher gewünscht als die mit weißem Pelz besetzten knallroten Stiefelchen mit Schnalle im Schaufenster des Michelbacher Schuhmachers“, so Belinda Bachura. Immer wieder sei sie dort vorbeigegangen, doch kurz vor dem Fest waren sie plötzlich weg. „Meine Enttäuschung war riesengroß!“ Doch was fand sie am Heiligen Abend auf Oma Luis’ Gabentisch? „Ich war glückselig!“

Dorfjugend fuhr auf dem Schneepflug mit

Bernd Kraft aus Hörden wuchs in Selbach auf und erzählt: „Im Winter durfte die Dorfjugend mit dem hölzernen Schneepflug mitfahren, um ihn zu beschweren. Er wurde von einem Traktor – früher von Pferden – gezogen und lief vorne spitz zu. Das war für uns immer eine Riesengaudi!“ Die Hördener Ortsvorsteherin Barbara Bender erinnert sich: „Wir sind als Kinder mit dem Schlitten vom Galgen- oder Judenberg bis zur Kirche hinunter gesaust“, und sie verspricht: „Beim nächsten Schnee werde ich sämtliche Bergstraßen in Hörden für die Autos sperren lassen, damit die Jugend endlich mal wieder rodeln kann.“

Durch das Schlüsselloch gespickt

Als Bub brach Emil Sandhaas (91) an einem klirrend kalten Wintertag in den zugefrorenen Rotenfelser Dorfbach ein und verletzte sich am Schienbein, worauf man ihn mit der „Marktchaise“ (geflochtener Korbwagen) nach Hause brachte. „Mein Bruder und ich spickten am Heiligen Abend durch das Schlüsselloch, bis endlich das Glöckchen läutete. Es gab keine großen Geschenke, meist selbst Gestricktes, Bauklötzchen waren schon etwas Besonderes“. Renate Brunner, geborene Sänger, begleitete als junges Mädchen in Weisenbach den Nikolaus als Christkind: „Um das himmlische Wesen für die Kinder glaubhaft darzustellen, hatte mir eine Bekannte ihr Brautkleid samt Schleier geliehen.“

„Wächtergesang“ in der Nacht

Seit etwa 150 Jahren gibt es in Gaggenau-Sulzbach den schönen alten Brauch des „Wächtergesangs“. Ortsvorsteher Artur Haitz: „Die Wächtersänger starten am ersten Weihnachtsfeiertag um 0.30 Uhr bei der Kirche und singen an 36 Stationen im Dorf eine Strophe von ‚Stille Nacht’ sowie den anschließenden Weckruf: ‚Steht auf im Namen Jesu Christ, der helle Tag vorhanden ist’“. Auf ihrem Gang durch Sulzbach werden sie in verschiedene Häuser zum Aufwärmen, zu Kaffee und Kuchen, belegten Broten und Gulaschsuppe eingeladen. „Bei grimmiger Kälte erwärmt uns auch mal ein Schnäpschen“, schmunzelt Artur Haitz, der vermutet, „dass die Leute früher rechtzeitig geweckt werden mussten, um über den Berg nach Michelbach zur Mette um sechs Uhr in der Früh zu gehen“, denn Sulzbach hatte noch keinen eigenen Pfarrer. Der „Wächtergesang“ im Dorf endet um 5.30 Uhr.

Bescherung um fünf Uhr in der Frühe

Früher standen die Michelbacher am Weihnachtsmorgen um fünf Uhr auf. Dann war Bescherung in der guten Stube, und um sechs Uhr gingen alle zur Mette. Auf der Außentreppe der Kirche stand der Kirchenchor und sang „Fröhliche Weihnacht“.