Mit Trauer und Bestürzung reagierte Gaggenau im Juli, als vor Tor 12 des Mercedes-Werks eine Frau und ihr Enkelkind totgefahren wurden. Der Fahrer flüchtete, verlor aber ein Auto-Kennzeichen. Jetzt muss der Verdächtige vor Gericht. | Foto: Archiv Dorscheid

Drogen in Wohnung gefunden

Fahrerflucht in Gaggenau: Anklage gegen Todesfahrer erhoben

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Als sei jener grausame Unfall nicht genug gewesen: Der Mann, dem vorgeworfen wird, am Freitag 13. Juli eine 54-jährige Frau und ihren sieben Monate alten Enkel tot gefahren zu haben, war dabei nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht nur betrunken, sondern auch bekifft. Und das Marihuana soll er auch gleich noch selbst angebaut haben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Baden-Baden Anklage gegen den 47-jährigen Verdächtigen erhoben.

Auto erfasste Frau mit Enkel

Er muss sich vor dem Schöffengericht in Rastatt wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen sowie dem unerlaubten Entfernen vom Unfallort in Tateinheit mit Trunkenheit am Steuer verantworten. Es war an jenem Sommerabend kurz vor 21 Uhr, als der Wagen auf der Gaggenauer Goethestraße ziemlich genau vor Tor 12 des Mercedes-Werkes mit seinem Auto in einer leichten Kurve von der Straße abkam. Dabei erfasste er eine 54-jährige Frau und ihren sieben Monate alten Enkel im Kinderwagen. Beide starben an den Folgen des Unfalls, der Fahrer flüchtete, ohne zu helfen. Die 54-Jährige erlag noch auf dem Weg ins Krankenhaus ihren Verletzungen, der sieben Monate alte Säugling starb am Samstagmorgen in der Klinik.

Verdächtiger stritt Vorwürfe zuerst ab

Doch während sich der Mann aus dem Staub machte, blieb eines seiner Autokennzeichen am Unfallort zurück. Er war schnell ermittelt, stritt aber alle Vorwürfe ab und hüllte sich anschließend lange in Schweigen. Ob er dieses Schweigen nun gebrochen hat, ist weiter unklar. Einmal, ganz am Anfang der Ermittlungen aber soll er doch geplaudert haben. Ob diese möglicherweise unbedachte Bemerkung gegenüber Polizisten noch wichtig wird, wird die Verhandlung zeigen. Dass die relevanten Aussagen nicht klassisch auf der Polizeiwache zu Protokoll genommen wurden, bedeutet nach Angaben von Michael Klose, Sprecher der Staatsanwaltschaft Baden-Baden, nicht, dass die Aussagen vor Gericht nicht verwertbar seien. Jede Äußerung, die ohne Zwang getätigt wurde, werde vor Gericht geprüft, so Klose. Dass er aber seither keine weiteren förmlichen Angaben macht, darf ihm auch nicht angelastet werden. Denn: Verpflichtet ist der Verdächtige dazu nicht, erklärt Klose: Jeder habe das Recht, von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

Marihuana-Plantage in Wohnung entdeckt

Zwischenzeitlich hatte die Polizei auch mal die Spur nach einem zweiten am Unfall beteiligten Fahrzeug verfolgt. Dieser Hinweis war von einem Zeugen gekommen. Erhärtet hat sich dieser Aspekt der Ermittlungen jedoch nicht. Sicher ist inzwischen, dass die Ermittler bei der Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen eine Marihuana-Plantage mit 48 Stauden entdeckten. Der Mann muss sich deswegen zudem wegen unerlaubtem Besitz von Drogen in großer Menge vor dem Schöffengericht Rastatt verantworten. Beide Verfahren sollen kombiniert verhandelt werden.

Unfall löste Trauer und Bestürzung aus

In Gaggenau und weit darüber hinaus hatte der Unfall für Bestürzung gesorgt. Oberbürgermeister Christof Florus sagte unmittelbar nach dem Tod von Großmutter und Enkel: „Tief betroffen und fassungslos trauern wir mit den Angehörigen.“ Er hoffe, dass das Mitgefühl vieler Gaggenauer und die vielen Hilfsangebote der Familie in der schweren Zeit wenigstens ein bisschen helfen können: „Dies zeugt davon, dass für die deutliche Mehrheit der Gesellschaft Mitgefühl und Verantwortung gegenüber den Mitmenschen wertvolle Werte sind. Werte, die der Unfallverursacher vermissen lässt.“

Große Solidarität mit betroffener Familie

In der Tat war die Hilfsbereitschaft groß. Viele Gaggenauer spendeten für die betroffene Familie. „Die Solidarität ist weiterhin sehr sehr groß“, sagte Judith Feuerer, Sprecherin des Oberbürgermeisters. Sie glaubt, die Erhebung der Anklage könne auch für ein klein wenig Erleichterung sorgen in Gaggenau. „Ich denke, wir sind alle hier froh, das die Staatsanwaltschaft nun soweit ist, das Verfahren zu eröffnen. Es ist auch für die Hinterbliebenen wichtig, dass geklärt wird, was genau geschah.“

Hintergrund: Tödliche Unfälle mit Fahrerflucht wie in Gaggenau gibt es nach Worten eines Polizisten nur vereinzelt. „Dass sich der Fahrer nach so einem gravierenden Unfall aus dem Staub macht, ist wirklich sehr selten“, sagt ein Polizeisprecher auf Anfrage. Die Polizei ermittelte im Gaggenauer Fall bereits wenige Stunden nach dem tödlichen Unfall einen Verdächtigen. Bei dem Unfall war ein Nummernschild des Autos zurückgeblieben, was der Polizei die Arbeit einigermaßen erleichterte. Im vergangenen Jahr gab es laut Statistischem Bundesamt 457 354 schwere Unfälle mit Auto und Lasterfahrern mit Verletzten. In 20 528 Fällen flüchteten die Fahrer vom Unfallort. 68-mal fuhren Beteiligte nach einem tödlichen Unfall davon.