Unappetitlich und teuer: Feuchttücher verstopfen die Kanalisation.
Unappetitlich und teuer: Feuchttücher verstopfen die Kanalisation. | Foto: dpa

Feuchttücher sind Pumpenkiller

Gaggenau: Entsorger kämpfen mit Unrat im Abwasser

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Kleine Ursache, große Wirkung: Ein gutes Beispiel, wie massenhafte Gedankenlosigkeit zum Problem werden kann, sind Feuchttücher. Praktisch für die Anwendung im trauten Heim, landen sie sehr oft dort, wo sie nicht hingehören: in der Toilette. Statt sie in den Restmüll zu geben, werden sie einfach weggespült, Thema erledigt – für die Entsorgungsbetriebe fängt genau da aber die Sorge an.

Im Unterschied zu Toilettenpapier lösen sich die Feuchttücher auf dem Weg in Richtung Kläranlage nicht auf; sie verklumpen vielmehr und werden zum „Pumpenkiller“, der in den Entsorgungsanlagen mindestens zusätzliche Reinigungskosten, manchmal sogar einen Betriebsstillstand oder größeren Schaden verursacht.

Experten sprechen von einer Verzopfung

„Verzopfung“ nennen die Experten das unhygienische Bündel aus Feuchttüchern, Windeln, Hygiene- und Babytüchern oder Tampons, das an den Anlagen- und Pumpenteilen in Gestalt eines großen Klumpens hängen bleibt. Feuchttücher bestehen meist aus Langfasern, sie sind reiß- und vor allem wasserfest. Sogar eigens angesetzte Reißtests im Labor haben die Tücher schon gemeistert.

Damit sehen die Feuchttüchlein zwar harmlos aus, stiften zusammengenommen bei der Entsorgung aber Schaden, über den mancher Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe, die die Klumpen im Wortsinne vom Haken nehmen müssen, schon geflucht haben dürfte.

Pumpe ist zehnmal im Monat verstopft

Beispiel Gernsbach: Im Rathaus der Alten Amtsstadt laufen die organisatorischen Fäden des Abwasserverbandes Mittleres Murgtal zusammen, der Anlagen nicht nur in Gernsbach, sondern auch in Weisenbach und Loffenau betreibt. Für Matthias Binder, Sachgebietsleiter Tiefbau in der Stadtverwaltung Gernsbach, sind „Verzopfungen“ ein Dauerthema.

Er hat im BNN-Gespräch Zahlen hierzu: Mehr als zehnmal im Monat werde aus diesem Grund eine Pumpe lahmgelegt; was während der regulären Arbeitszeit noch einigermaßen zu bewältigen ist, ist in der Nacht nur noch ärgerlich: Setzt sich ein Riesenwulst über Schneidrad und Pumpe und legt diese lahm, so schaltet die Pumpe automatisch wegen drohender Überhitzung ab – und setzt über das Diensthandy die Bereitschaft in Gang. Binder sagt auch: „Es ist über die Jahre gesehen mehr geworden.“

Regenüberlaufbecken und Pumpwerke sind betroffen

Dabei trete das Problem weniger in den Kläranlagen, die über große Absetzbecken verfügen, auf, sondern in den „vorgeschalteten“ Anlagen, das sind meist Regenüberlaufbecken (RÜB) oder Pumpwerken. Allein im Stadtgebiet von Gernsbach sind neun RÜB zu betreuen, weitere sind in der Planung.

Überlegt wird, so Matthias Binder, dort wo es baulich möglich ist, die Anlagen mit Mazeratoren nachzurüsten, welche – in der Art eines Gartenhäckslers – Feststoffe zerkleinern und so die Pumpenteile schützen sollen. In jedem Fall, so der Experte, entstehen durch die Feuchttücher als „Pumpenkiller“ Zusatzkosten.

Entsorger bemühen sich um Aufklärung

Alleine die zusätzlichen Reinigungskosten beziffert Judith Feuerer, Pressesprecherin der Stadtverwaltung Gaggenau, für die 24 RÜB sowie die Pumpwerke auf rund 5.000 Euro. Was noch deutlich mehr werden kann, wenn Pumpen oder Teile hiervon ihren Dienst versagen und ausgetauscht werden müssen. „Es ist leider ein Dauerthema. Die Feuchttücher sind für die Entsorgungsanlagen ein großes Problem, weil sie sich nicht wie Toilettenpapier auflösen“, so Feuerer.

Schon aus Eigennutz, so die Pressesprecherin, sollte ein jeder daran denken, diese Tücher über den Restmüll zu entsorgen und nicht in die Toilette zu werfen – schließlich droht die unangenehme (und oft auch teure) Verstopfung im wohnungseigenen Abwassersystem.

Was bleibt, ist das stete Bemühen der Entsorger um Aufklärung der Bevölkerung. Schützenhilfe erhalten sie vom Dachinstitut, der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Laut DWA-Sprecher Frank Bringewski hat die DWA auch mit den Herstellern von Feuchttüchern Kontakt aufgenommen; sie will erreichen, dass die Artikel so gekennzeichnet werden, dass sie dem Kunden auf Anhieb zeigen, dass diese Produkte nicht in die Toilette gehören.

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