Aufzug
Visionäre Idee: Geht es nach der Firma Thyssenkrupp, könnten schon bald mehrere Aufzüge seillos in einem Schacht verkehren – und das auch horizontal. | Foto: Thyssenkrupp

Revolutionäres Aufzugsystem

Gaggenauer Ingenieure wollen hoch hinaus

Es ist ein aufsehenerregendes Projekt, mit dem die Firma Thyssenkrupp dem Himmel ein Stück näher kommen will. Im schwäbischen Rottweil hat der Stahlriese aus dem Ruhrgebiet einen 250 Meter hohen Testturm bauen lassen, in dem künftig neue Aufzugsysteme auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft werden sollen. Nebenbei bietet die höchstgelegene Besucherebene eines Gebäudes in Deutschland (232 Meter) einen spektakulären Ausblick auf die Umgebung.

Aufzug funktioniert seillos

Als revolutionär gilt das Aufzugsystem Multi, das Fahrten in ungeahnte Höhen ermöglichen soll. Der Clou: Es ist seillos und, auch das ist neu, seine Kabinen können sich horizontal bewegen. Aus Science-Fiction wird Realität – und die Firma Binz Hoch3 hat ihre Finger im Spiel.

Wie ein Sechser im Lotto

Seit mehr als drei Jahren arbeitet ein Team des Gaggenauer Ingenieurbüros gemeinsam mit Thyssenkrupp an der Mechanik des futuristisch anmutenden Aufzugs. „Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto“, jubiliert Geschäftsführer Fabian Binz, dem die Begeisterung über das „enorm spannende Projekt“ ins Gesicht geschrieben steht: „Wir fühlen uns geehrt, daran mitzuwirken.“

Kabinen fahren auch horizontal

Bei Multi ist der Name Programm: Voneinander unabhängig durch Linearmotoren angetrieben, sollen mehrere, an Schienen laufende Aufzugskabinen einen Schacht nutzen und – bei Bedarf – über einen sogenannten „Exchanger“ auch horizontal verkehren können (siehe Modell oben). So lassen sich künftig mehr Kabinen in weniger Schächten unterbringen.

Testturm in Rottweil | Foto: Thyssenkrupp

Neben der Platzersparnis versprechen sich die Entwickler davon eine höhere Förderleistung und geringere Wartezeiten. Über Querverbindungen könnten Passagiere eine nahe Kabine aus dem jeweils anderen Schacht anfordern statt wie bislang auf einen Aufzug aus dem eigenen warten zu müssen.

Keine Grenzen nach oben

Das seillose System bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Fahrten sind in der Höhe künftig keine Grenzen mehr gesetzt. „Ab 500 Metern Länge kann ein Stahlseil unter seinem Eigengewicht reißen“, erklärt Fabian Binz.  „Deshalb muss man bisher bei Aufzugsfahrten in sehr hohen Gebäuden umsteigen.“

Höchste Wolkenkratzer
1. Burj Khalifa (Dubai) 830 m

2. Shanghai Tower 632 m
3. Mecca Tower Hotel 601 m
4. Pingan Finance Ctr. 600 m
5. Lotte Tower (Seoul) 555 m
6. One World Trade Ctr. 541 m
7. Taipei 101 508 m
8. Shanghai Financial Ctr. 492 m
9. Commerce Ctr. Hongk. 484 m
10. Petronas Towers 452 m

Als Beispiel nennt Binz den Burj Khalifa in Dubai, das mit 830 Metern höchste Bauwerk der Welt (siehe Hintergrund). In Zukunft sollen auch Fahrten von 0 auf 800 (und darüber hinaus) möglich sein.

Herzstücke in Gaggenau entwickelt

Für Fabian Binz ist der Multi, der noch in diesem Jahr erstmals im Rottweiler Turm getestet werden soll, nicht nur eine Weltneuheit, sondern eine „Revolution“. Umso stolzer macht es ihn, dass sein Unternehmen von Thyssen Krupp mit der Entwicklung einiger Herzstücke betraut worden ist; so basieren etwa der Exchanger und der Motor für die Drehung der Kabinen vom vertikalen in den horizontalen Schacht auf Konzepten aus Gaggenau.

Ingenieurbüro bietet mechanische Lösungen

Das Tüfteln liegt Binz und seinen 15 Mitarbeitern im Blut. 1993 in der Benz-Stadt gegründet, liefert das Ingenieurbüro mechanische Lösungen für Autozulieferer, moderne OP-Tische oder Telefonmodule. In Zusammenarbeit mit dem Bosch-Werk in Bühl entwickelten die Gaggenauer Wasserpumpen, Wischeranlagen und Fensterheber-Motoren für Autos, für PWO in Oberkirch einen Instrumententräger, der in die Mercedes A-Klasse eingebaut wurde.

Fabian Binz und sein Team | Foto: Binz Hoch3

Die Spezialisierung auf eine Branche lehnt Fabian Binz ganz bewusst ab: „Wir wollen unseren Aufträgen stets unbelastet begegnen – und uns keine Limits setzen.“ Durchaus passend für den Mit-Entwickler eines Aufzugssystems, das derzeit bestehende Grenzen verwischen soll.