Zeichen der Offenheit: Gut sichtbar hat Rolf Kräuter in seiner Stube ein Gemälde von Uglitsch aufgehängt. Sein Sohn Jürgen Kräuter hat das Geburtstagsgeschenk entgegengenommen, als er Erinnerungsstücke an ein dortiges Museum überbrachte.
Zeichen der Offenheit: Gut sichtbar hat Rolf Kräuter in seiner Stube ein Gemälde von Uglitsch aufgehängt. Sein Sohn Jürgen Kräuter hat das Geburtstagsgeschenk entgegengenommen, als er Erinnerungsstücke an ein dortiges Museum überbrachte. | Foto: Christiane Widmann

Spende an Museum

Gaggenauer spricht über russische Kriegsgefangenschaft – Verbundenheit mit Uglitsch

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Rolf Kräuter (92) hat die wohl schlimmste Zeit seines Lebens in russischen Kriegsgefangenenlagern verbracht. Drei Jahre lang musste er als Schlosser, Erntehelfer und Eisbrecher in Uglitsch arbeiten, ein Jahr lang zerklopfte er in Stalingrad Steine zu Schotter. Trotzdem ist er Jahre später nach Uglitsch zurückgekehrt – und setzt sich noch im hohen Alter für Erinnerung und Offenheit ein. Warum das so ist, verrät der Gaggenauer im Gespräch.

Uglitsch ist, so merkwürdig das vielleicht klingt, die Stadt seiner Jugend. Hier ist er vom Jugendlichen zum jungen Mann gereift, hier hat er seine prägendsten Jahre verbracht.

Wenige Monate vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht wurde Kräuter, 16 Jahre alt, eingezogen und nach Tschechien an die Front geschickt. Zwei Monate später wurde er gefangen genommen.

Ein Ofen für 300 Mann

Eine siebenwöchige Zugfahrt brachte ihn nach Uglitsch, wo er sich fortan mit 300 Männern eine Baracke mit einem Holzwaschbecken und einem Kachelofen teilte. Verteilt auf sein kleines sowie ein weit größeres Lager lebten insgesamt 10.000 Männer.

Er hauste unter jämmerlichen Bedingungen: kärgliche Mähler; eine Pritsche für drei; ein Saunagang pro Woche, „um das Ungeziefer auszurotten“.

Dazu im Winter die klirrende Kälte, die selbst Maschinen in der Fabrik einfror. „Wenn ich heute erzähle, ich hab bei minus 40 Grad arbeiten müssen – das kann niemand verstehen, wenn er’s nicht mitgemacht hat.“

Wenn man drin ist, ist es schlimm.

Rolf Kräuter über seine Zeit in russischen Arbeitslagern.

Kräuter war in der Fabrik 34 für Wartungen und Reparaturen zuständig. Sie lieferte dem nahen Wasserkraftwerk zu und stellte später Straßenbaumaschinen her.

Der Alltag war mühsam: Zehn Stunden Arbeit am Tag, je eine Stunde Hin- und Rückweg, am Wochenende Hilfsdienste fürs Sägewerk, fürs Eislager oder für Landwirte. In Stalingrad waren die Bedingungen noch härter, die Portionen kleiner, berichtet er. „Wenn man drin ist, ist es schlimm“, sagt er.

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Gespräche helfen, Erfahrungen der russischen Kriegsgefangenschaft zu verarbeiten

Besonders hart waren die ersten Jahre ohne Nachricht von zuhause. Erst nach zwei Jahren erhielt er Briefe.

Als 21-Jähriger kehrte er nach Gaggenau zurück, mit einem Holzkoffer in der Hand und den Spuren der Gefangenschaft im Herzen. Der Austausch mit Angehörigen und Heimkehrern half ihm, seine Erfahrungen zu verarbeiten.

Er setzte seine Lehre fort, gründete eine Familie. Mit den Jahren wuchs der Wunsch, nach Uglitsch zu reisen. Vier Jahrzehnte nach seiner Rückkehr setzte er ihn in die Tat um: 1991 reiste Rolf Kräuter mit seiner Ehefrau nach Uglitsch, 1997 noch einmal mit einem Freund.

Neue Freundschaften und Projekte

Er wurde Mitglied im „Freundeskreis Idstein – Uglitsch“, einem Städtepartnerschaftsverein im Taunus. Er schloss Freundschaften, verschickte Hilfspakete, erzählte Idsteiner Gymnasiasten von seinen Erfahrungen, schrieb seine Erinnerungen auf.

Im vergangenen Sommer spendete er zutiefst persönliche Erinnerungsstücke an ein Museum. Es widmet sich dem Wasserkraftwerk und der Bedeutung der Arbeitslager für den Bau. Für eine neue Abteilung über deutsche Kriegsgefangene suchte das Museum mithilfe des Freundeskreises Idstein Objekte.

Persönliche Spende an Museum in Uglitsch

In einem feierlichen und bewegenden Akt mitsamt Presse- und Fernsehbericht übergaben sein Sohn Jürgen und sein Enkel den Holzkoffer, den ein befreundeter Zimmermann für ihn angefertigt hatte.

Außerdem eine Sammlung von Gedichten, die ein Mitinsasse verfasst und abends vorgetragen hatte, eine Schöpfkelle, die in Schwarzarbeit in der Fabrik hergestellt worden war und die Kräuter bei seiner ersten Reise nach Uglitsch geschenkt wurde, sogar einen Teil seiner Briefe an seine Familie.

Noch immer steht Kräuter mit einer Mitarbeiterin des Museums in Kontakt, freut sich auf ihre Mails und beantwortet ihre Fragen.

Rolf Kräuter teilt seine Erinnerungen gerne

Seine Offenheit erklärt der 92-Jährige auch mit seiner Zeit im Lager. Er arbeitete dort mit vielen russischen Strafgefangenen. Sie saßen in einem Boot. So lernte er: „Im Grunde genommen sind die Russen nicht anders als wir.“

Neue Aufseher erkannten ebenfalls nach kurzen Phasen der Schikane: Die Deutschen sind auch nur Menschen.

Außerdem freut sich Rolf Kräuter, wenn er seine Erinnerungen teilen kann. „Man weiß noch so viel“, sagt er. Seine Exponate hat er gern gespendet: „Sie sind da besser aufgehoben als bei uns.“