Ein kleiner Pieks der vor gefährlichen Krankheiten schützt ist für die einen Menschen, andere wittern dahinter eine Verschwörung der Pharmaindustrie.
Ein kleiner Pieks der vor gefährlichen Krankheiten schützt ist für die einen Menschen, andere wittern dahinter eine Verschwörung der Pharmaindustrie. | Foto: Spata/dpa

Umstrittenes Thema

Impf-Gegner hält Vortrag in Gernsbach

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Mit einem Zitat auf der Leinwand fängt er an, der Vortrag über Impfen von Stefan Reiff. „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom. Albert Einstein“ steht da. Und genau das wird Reiff an diesem Abend im Mediclin Reha-Zentrum Gernsbach in den nächsten Stunden versuchen, die Meinung, dass Impfen gut und notwendig ist, zu zerstören. Wobei er das bei seinen 35 Gästen gar nicht muss. Denn ihre Meinung ist klar: Impfen ist schlecht. Dass tun sie durch stetiges zustimmendes Gemurmel, Lachen und Zurufe kund.

Das Mediclin Reha-Zentrum Gernsbach distanziert sich dagegen deutlich von dem Vortrag. „Wir haben lediglich den Raum vermietet“, erklärt Bettina Wentland, Qualitätsbeauftragte von Mediclin. „Den Inhalten kann ich nicht zustimmen“, sagt auch der Chefarzt der Kardiologie, Franz van Erckelens.

Seiten prallen aufeinander

Etwa Reiffs Theorie, dass Masern wichtig ist, da Kinder dadurch einen notwendigen Entwicklungsschub durchmachen würden. „Es gibt die Theorie, dass, wenn man eine Krankheit gut überstanden hat, daraus gestärkt hervorgeht“, bestätigt er zwar. Allerdings: „Wenn man dieser aber die Möglichkeit, an Masern zu sterben, gegenüberstellt, wird das Ganze grotesk.“

Robert-Koch-Institut widerspricht

Dass die Wirksamkeit von Impfstoffen nicht bestätigt ist, ist ebenfalls eine These von Reiff. Dem widerspricht eine Information des Robert Koch-Instituts (RKI). Ein Impfstoff erhält demnach nur dann eine Zulassung, wenn nachgewiesen ist, dass er wirksam und verträglich ist. Die Wirksamkeit und Sicherheit des Masernimpfstoffs konnte demnach bei Millionen von Menschen belegt werden.

Diskussion über Impfstoffe

Dass ungeimpfte Kinder von geimpften angesteckt werden, da sie drei Wochen lang nach der Impfung infektiös seien, ist eine weitere These von Reiff. Dieser widerspricht das RKI auf seiner Webseite: „Die sogenannten Impfmasern (…) sind nicht infektiös.“ Laut RKI kommt es bei rund fünf Prozent der Geimpften etwa eine Woche nach der Impfung zu einem Hautausschlag und Fieber. Das liege daran, dass der der Impfstoff ein abgeschwächtes, aber vermehrungsfähiges Masernvirus enthalte. Die meisten anderen Impfstoffe enthalten demnach allerdings abgetötete Erreger, wodurch dieser Fall nicht eintrete.

Da macht man den Bock zum Gärtner.

Derartige Informationen glaubt Reiff allerding nicht. Robert Koch löste Ende des 19. Jahrhunderts einen Medizinskandal mit seinem Impfstoff „Tuberkulin“ aus, der nicht wirkte und Todesopfer forderte. Dass nun die Ständige Impfkommission (STIKO), die Impfempfehlungen für Deutschland ausspricht, bei einem Institut mit dem Namen Robert Koch angesiedelt ist, gefällt Reiff nicht. „Da macht man den Bock zum Gärtner“, ruft auch eine Frau aus dem Publikum, als Reiff sie darauf hinweist.

Seine wissenschaftlichen Leistungen sind unbestritten.

Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des RKI, bestätigt, dass der Tuberkulin-Skandal nicht positiv war. Sie ergänzt aber: „Seine wissenschaftlichen Leistungen sind unbestritten.“ Das RKI sei ein wissenschaftliches Institut, das generell wissenschaftliche Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern hinterfrage und überprüfe. Und die STIKO berichte auf ihrer Webseite sehr transparent über Menschen und Methoden.

Was lernen Ärzte über das Impfen?

Aber nicht nur RKI und STIKO, auch die Meinung von ausgebildeten Ärzten nimmt Reiff nicht ernst. „Nach diesem Abend wissen Sie mehr über das Impfen als jeder Arzt“, erklärt er seinen Gästen. Denn, so seine Begründung, Ärzte würden während ihres Studiums nur 45 Minuten lang über das Thema Impfen informiert. „Das ist Unsinn“, sagt Chefarzt van Erckelens dazu. Zu jeder Krankheit würden Medizinstudenten etwas über die Möglichkeit des Impfens lernen. Für impfende Ärzte gäbe es zudem ständig Weiterbildungen zu dem Thema.

Gegen die Pharmaindustrie kommt man doch nicht an.

Da Ärzte laut Reiff aber unwissend und das RKI nicht glaubwürdig seien, stecke hinter all den Impfungen die Pharmaindustrie, die demnach lediglich Geld verdienen wolle. Sie ziehe auch sämtliche Medien als großer Anzeigenkunde auf ihre Seite (Anmerkung der Redaktion: Bei den BNN machen Anzeigen von Pharmakonzernen nur einen Prozentsatz im niedrigen einstelligen Bereich aus). „Gegen die Pharmaindustrie kommt man doch nicht an“, ruft eine Frau aus dem Publikum.

Fragen an die Politik

„Doch, doch, man kommt gegen jeden an“, entgegnet Reiff, der die Geschichte eines wütenden Mobs erzählt, der das Haus eines Politikers anzündete. „Dazu will ich natürlich niemanden aufrufen“, beschwichtigt er. Lediglich dazu, die „Politiker zu nerven“ und „mit Fragen zu bombardieren“, um beispielsweise zu versuchen, die geplante Impfpflicht zu verhindern.

Am Ende seines Vortrags verweist Stefan Reiff unter anderem auf kla.tv als Quelle. Dort finden sich zwischen Videos über „die flache Erde“ und zum Thema „Klimawandel nicht durch CO2 verursacht“ auch einige Filme zum Thema Impfen.