Tiefe Furchen zieht der Borkenkäfer in die Rinde einer Fichte, wie Landrat Toni Huber (links) und Forstdirektor Markus Krebs zeigen.
Tiefe Furchen zieht der Borkenkäfer in die Rinde einer Fichte, wie Landrat Toni Huber (links) und Forstdirektor Markus Krebs zeigen. | Foto: Jule Müller

Schadholz im Schwarzwald

Gernsbach: Borkenkäfer vermehren sich explosionsartig

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Das Klopfen des Schwarzspechts ist weithin hörbar. Er hat sich auf dem Stamm einer bräunlich verfärbten Fichte niedergelassen, um Borkenkäferlarven zu fressen. Keine 50 Meter von ihm entfernt spricht Forstdirektor Thomas Nissen darüber, wie sehr gerade diese Borkenkäferart den Waldbesitzern im Murgtal schadet.

„In diesem Jahr haben wir bereits 28 000 Festmeter Schadholz“, informiert Nissen. Und es werden noch mehr. Der Leiter des Kreisforstamts in Rastatt geht davon aus, dass es in diesem Jahr 50 000 Festmeter werden. Im Jahr 2016, einem „Normaljahr“, habe der Borkenkäfer lediglich für 4 000 Festmeter Schadholz gesorgt. „Hier sieht man deutlich, welche Probleme der Klimawandel macht“, sagt Landrat Toni Huber beim Pressegespräch im Forst.

Anhaltende Trockenheit schwächt Fichten

Normalerweise wehren sich die Bäume gegen die Käfer mit verstärkter Harzproduktion. Aufgrund der lang anhaltenden Hitze und Trockenheit seien die Fichten allerdings geschwächt, erläutert Nissen. Auch Stürme wie Lothar 1999 und Friederike 2018 schwächten den Wald.

Wir versuchen, befallene Bäume schnellstmöglich zu entfernen.

„Die Borkenkäfer fliegen einen geschwächten Baum an, vermehren sich dort und schwärmen in der nächsten Generation auf 20 weitere Bäume aus“, erklärt Nissen. Aus diesem Grund sei Eile geboten: „Wir versuchen, befallene Bäume schnellstmöglich zu entfernen.“ Denn in zweiter und dritter Generation befallen die Käfer bereits 400 und 8 000 Bäume. Da sich der Borkenkäfer allerdings zurzeit in ganz Deutschland und sogar Europa ausbreitet, sei es schwer, genügend Waldarbeiter zu finden, die die kranken Bäume fällen und abtransportieren.

Durch die zahlreichen gefällten Bäume ist der Holzmarkt überschwemmt mit Fichtenholz. „Die Preise sind um rund die Hälfte gefallen“, so Huber. Zwar sei das Holz auch mit Borkenkäferbefall noch als Bauholz geeignet, sagt Forstdirektor Markus Krebs. Dennoch werde es qualitativ herabgestuft. Und die Unternehmen könnten diese enorme Menge Holz kaum noch weiterverarbeiten.

100 Millionen Euro Schaden durch Borkenkäfer erwartet

Frisch gefällt werden Fichten in diesem Jahr darum nicht. Der wirtschaftliche Schaden ist immens. „Landesweit gehen wir von einem Schaden in Höhe von 100 Millionen Euro aus“, informiert Nissen. Für größere kommunale Waldbesitzer im Murgtal wie etwa die Gemeinden Forbach, Gernsbach oder Loffenau läge der Schaden bei mehreren hunderttausend Euro.

Die Schadholzmenge ist schon jetzt so hoch wie im Gesamtjahr 2018.
Die Schadholzmenge ist schon jetzt so hoch wie im Gesamtjahr 2018. | Foto: Jule Müller

Um dem in Zukunft vorzubeugen, wollen die Förster in den durch die Borkenkäfer entstandenen „Löchern“ Baumarten wie Tannen und Buchen pflanzen, erzählt Krebs, Leiter des Forstbezirks Gaggenau. Auch andere Arten wie etwa Douglasien und Lärchen würden sich anbieten. Da auf den entstandenen Lichtungen naturgemäß Fichten, die in jungen Jahren viel Licht brauchen, wachsen, müssten die Förster eingreifen. Schließlich befallen die zwei Borkenkäferarten Buchdrucker und Kupferstecher, die sich besonders rasant verbreiten, hauptsächlich Fichten.

Wir befinden uns auf einer grünen Insel.

„Unser Bergmischwald im Murgtal besteht im Durchschnitt zu 70 Prozent aus Nadelwald und zu 30 Prozent aus Laubwald“, erklärt Krebs. Bereits seit Jahrzehnten seien in der Region Monokulturen zu Mischwäldern umgearbeitet worden, bestätigt Landrat Huber. Obwohl der Schaden für die Waldbesitzer im Murgtal groß ist, gehe es ihnen aus diesem Grund vergleichsweise gut, meint Nissen. „Wir befinden uns auf einer grünen Insel“, berichtet er. Im Südschwarzwald oder in Norddeutschland seien die Schäden um einiges größer.

Larven der Borkenkäfer sind optimale Nahrung

Doch der Borkenkäfer habe nicht nur Nachteile. „Für den seltenen Dreizehenspecht sind die Larven des Borkenkäfers optimale Nahrung“, teilt Krebs mit. Und auch dem Schwarzspecht scheinen die Larven während des Pressegesprächs zu schmecken.

Kommentar
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Warnung

Der kleine, possierliche Borkenkäfer ist der Schrecken aller Waldbesitzer. Ein etwa vier bis fünf Millimeter großer Schädling, der zu einem Preisverfall auf dem Holzmarkt führt und damit viele Waldbesitzer um ihr Geld bringt. Das ist auf jeden Fall schmerzhaft. Für die Natur ist der Käfer allerdings kein Schädling – die gibt es dort im eigentlichen Sinne nicht.

Neuer Lebensraum

Durch seine Lebensweise, die zum Absterben ausgewachsener Fichten führt, bietet er anderen Tieren und Pflanzen neuen Lebensraum. Auf den entstandenen Lichtungen finden Büsche und Sträucher Platz zum Wachsen, junge, frische Bäume kommen nach. Vögel wie etwa die Spechte haben durch die zahlreichen Borkenkäferlarven in diesem Sommer mehr als genug zum Fressen im Wald. Zudem bringt der Borkenkäfer Besitzer von Monokulturen zum Umdenken, in reinen Fichtenwäldern hat der Käfer ein leichtes Spiel. Und zeigt darum deutlich, welche Vorteile ein gesunder Mischwald mit sich bringt.

Hilfreich

Was der Käfer ebenso deutlich zeigt, sind die Folgen des Klimawandels. Ohne die heißen, trockenen Sommer könnte er sich nicht so schnell vermehren. Frühere Borkenkäferpopulationen erreichten nie Ausmaße wie in diesem Jahr. Mit stärkeren Regenfällen und kühleren Tagen wären die Fichten zudem um einiges widerstandsfähiger. Der Käfer sollte also nicht als Schädling, sondern als hilfreiche Warnung gesehen werden.