Auf der Obertsroter Landstraße sind Fahrräder erlaubt, ein Gefahrenzeichen weist Autofahrer extra auf sie hin. Richtig geschützt sind Radfahrer dadurch trotzdem nicht.
Auf der Obertsroter Landstraße sind Fahrräder erlaubt, ein Gefahrenzeichen weist Autofahrer extra auf sie hin. Richtig geschützt sind Radfahrer dadurch trotzdem nicht. | Foto: Dürr

Radler vergeben Noten

Gernsbach liegt beim Fahrradklima-Test weit hinten

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Note 4,2. Wäre Gernsbach eine Schule und Fahrradtauglichkeit ein Fach, dann wäre die Stadt beinahe durchgefallen. Ihre erste Teilnahme beim Fahrradklima-Test hat sie nicht gerade mit Bravour gemeistert. 51 Bürger haben den Online-Fragebogen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) ausgefüllt. Dabei ging es um Sicherheit und Spaß beim Fahren, aber auch um die Breite der Radwege und den Altersdurchschnitt. Die Antworten waren Grundlage für die Berechnung des Notenschnitts von 4,2.

Die Bewertungen gehen allerdings weit auseinander, bei fast allen Fragen wurden die Noten von eins bis sechs scheinbar wahllos verteilt. So vergaben beispielsweise 24 Prozent der Beteiligten die Note eins bei der Frage, ob Radfahren in Gernsbach Spaß mache. 14 Prozent benoteten die Stadt bei derselben Frage mit sechs und 20 Prozent bewerteten sie mit Note drei.

Verwunderung über Werte

Rolf Mörmann kann sich das nicht erklären. Er ist ADFC-Mitglied und hat den Test in Gernsbach initiiert. Auf der Straße hat er Flyer für die Studie verteilt und Radfahrer dazu bewegt, abzustimmen. Der Grund für sein Engagement: „Gernsbach soll fahrradfreundlicher werden.“ Da das ihm zufolge aktuell noch nicht der Fall ist, wundert er sich über die zum Teil vergebenen guten Noten.

Der Stadt ist es bewusst, dass die Verkehrssituation für Radfahrer nicht zufriedenstellend ist.

Da aber immer auch sehr schlechte Noten vergeben wurden, liegen die Gesamtbenotungen im hinteren Mittelfeld. Die Breite der Radwege wird insgesamt mit 4,6 benotet, die Führung an Baustellen mit 4,7 und die Oberfläche der Radwege mit 4,2. Für das Sicherheitsgefühl vergeben die Gernsbacher die Note 4,3.
Dass die Bürger nicht allein mit dieser Meinung dastehen, bestätigt eine Anfrage der BNN: „Der Stadt Gernsbach ist es bewusst, dass die Verkehrssituation für Radfahrer nicht zufriedenstellend ist.“ Die Stadt arbeite daher bereits an einer Verbesserung, so die Pressestelle.

Karlsruhe als Vorbild

Mörmann hätte da verschiedene Ideen. „Eine sichere Fahrspur mit einer gestrichelten Linie, wie man sie oft in Karlsruhe sieht, wäre sinnvoll“, sagt Mörmann. Dann würde der Mindestabstand von 1,5 Meter vermutlich eher eingehalten. Aktuell sieht er die Radfahrer sehr von den Autofahrern bedrängt. Sein großes Vorbild Karlsruhe hat es unter anderem mit derartigen Fahrspuren zur Fahrradhauptstadt Deutschlands geschafft, ausgezeichnet vom ADFC.

Karlsruhe hat bessere Bedingungen.

Allerdings gibt Mörmann zu: „Karlsruhe hat bessere Bedingungen.“ Es gibt dort breite Straßen und alles ist flach. In Gernsbach dagegen ist es eng und zum Teil sehr steil. Die Stadt verweist zudem auf die Bahnlinie und die Murg, die die Sache ebenfalls erschweren würden.

Ausbaufähig in Sachen Sicherheit

Auf der rechten Murgseite sieht Mörmann die Bedingungen als besser an. Aus diesem Grund könnte er sich vorstellen, dass die gute Benotung bei der Studie von Radfahrern von der rechten Murgseite kommt. „Dort kann man von der Scheffelstraße bequem mit dem Rad zu den Supermärkten fahren“, berichtet er. Auf der linken Seite sei dagegen die steile Weinbergstraße noch ausbaufähig in Sachen Sicherheit für Radler. Aber auch auf der Obertsroter Landstraße, auf der ein Schild sogar extra auf Radler hinweist, sei es gefährlich. Autos würden dort mit hoher Geschwindigkeit Radfahrer passieren. Dieses Problem ist der Stadt bekannt, es werde an einer Lösung gearbeitet, teilt Pressesprecherin Petra Rheinschmidt-Bender mit.

Extra Fahrstreifen für Radler empfindet Rolf Mörmann vom ADFC beispielsweise bei der Kreuzung Igelbachstraße und Salmengasse an der Stadtbrücke sinnvoll.
Extra Fahrstreifen für Radler empfindet Rolf Mörmann vom ADFC beispielsweise bei der Kreuzung Igelbachstraße und Salmengasse an der Stadtbrücke sinnvoll. | Foto: Dürr

Ampeln an Brennpunkten

Zudem gab es im März ein Treffen des Gemeinderats mit ADFC-Mitgliedern, bei dem auch Mörmann seine Ideen eingebracht hat. Als gute Lösung für manche Brennpunkte sieht er neben der extra Fahrspur etwa Ampeln speziell für Radfahrer. Andere Dinge, wie etwa ein durchgängiger Geh- und Radweg im Bereich des Blumenwegs, sind der Stadt zufolge schon in Planung.

Gernsbach hat sich auf den Weg gemacht.

Der Gernsbacher Gemeinderat hat zudem in einer Sitzung im März beschlossen, die Stadt damit zu beauftragen, ein Fußgänger- und Radwegkonzept zu erstellen und Kontakt mit dem Radfahrbeauftragten des Landratsamts aufzunehmen. „Gernsbach hat sich auf den Weg gemacht, die Situation für Radfahrer zu verbessern“, erklärt der Abteilungsleiter der Bauverwaltung Albert Betting.

Potenzial im Fahrradklima-Test

Bei diesem Engagement könnte der nächste Fahrradklima-Test in zwei Jahren besser ausfallen. Gernsbach hat schließlich Potenzial. Dem Fragebogen zufolge fahren dort alle Menschen gleichermaßen Rad, egal ob jung oder alt.

In Gaggenau wurde der Fahrradklima-Test im Jahr 2018 bereits zum dritten Mal durchgeführt. Die 114 Teilnehmer bewerteten die Stadt durchgehend besser als im Jahr 2016. Insgesamt liegt Gaggenau mit der Note 3,9 auf Platz 18 von 50 Städten in Baden-Württemberg mit 20 000 bis 50 000 Einwohnern. Deutschlandweit belegt die Stadt sogar Platz 99 von 311. Besonders gute Noten erhielt sie für die Öffnung von Einbahnstraßen in die Gegenrichtung (Note 2,5), die Erreichbarkeit des Stadtzentrums (2,7) und die Möglichkeit für zügiges Radfahren. Besonders bemängelt wurde dagegen, dass es keine öffentlichen Fahrräder zum Leihen gibt (5,2). Auch bei der Kontrolle von Falschparkern auf Radwegen gibt es der Studie zufolge Nachholbedarf, Gaggenau erhielt hier die Note 4,7.