Nach Ansicht von Hans-Joachim Scholz war es längst überfällig, das Gernsbacher Kriegerdenkmal in seinen historischen Kontext zu setzen. | Foto: Christiane Widmann

NS-Zeit im Murgtal

Umwidmung des Gernsbacher Kriegerdenkmals soll die „wahren Opfer“ zeigen

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Bürgerbeteiligung ist der nächste Schritt, den die Stadt Gernsbach zur Umwidmung des Kriegerdenkmals auf dem Rumpelstein gehen will. 1936 von den Nationalsozialisten als „Kriegerehrenmal“ nebst Thingstätte erbaut, soll es zum Mahnmal und Lernort werden. Das hat der Gemeinderat jüngst beschlossen. Pfarrer Hans-Joachim Scholz hat dafür ein paar Vorschläge.

Zum Beispiel diesen: Wenn der Rumpelstein ein Lernort werden soll, dann müssen dort auch Denkmale für diejenigen Gernsbacher ergänzt werden, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Allen voran die jüdische Gemeinde, aber auch weitere Opfer des Überlegenheits- und Rassendenkens wie es etwa Menschen mit Behinderungen oder Sinti und Roma waren.

So sieht es zumindest der Staufenberger Pfarrer Hans-Joachim Scholz. Auf Anfrage hat er einen Rundgang um das Denkmal unternommen. Er engagiert sich in mehreren Ländern für die Aufarbeitung der NS-Zeit und die Versöhnung mit deren Opfern.

Hans-Joachim Scholz ist Pfarrer der evangelischen Paulusgemeinde in Staufenberg. Seine Frau Rita und er sind bekannt für ihr Engagement um die Versöhnung zwischen Opfern der NS-Ideologie und Deutschen. Sie waren bereits in Russland, Mazedonien und Israel aktiv. Aus ihrer fortdauernden Arbeit für das Gedenken an die einstige jüdische Gemeinde in Bitola, Mazedonien, ging 2018 das deutsch-israelisch-mazedonische Projekt „Roadmap to reconciliation“ (dt. „Fahrplan zur Versöhnung“) hervor. Wie berichtet, soll es die Erinnerung an die Schrecken und Verluste der Nazi-Zeit wachhalten sowie den Austausch zwischen jungen Menschen fördern.

Die wirklichen Opfer werden gar nicht erwähnt.

„Die wirklichen Opfer“, sagt er, „werden gar nicht erwähnt“. Als Opfer stilisiert werden hingegen die Gefallenen des Ersten (und später auch Zweiten) Weltkriegs. Mit dem imposanten Bauwerk machten die Nationalsozialisten Stimmung für den kommenden Angriffskrieg – und bis heute weist nichts auf dieses historische Erbe hin.

Das Denkmal blieb lange Zeit unreflektiert – ebenso wie seine gängige Bezeichnung als „Ehrenmal“. | Foto: Christiane Widmann

 

Durch einen Vorstoß von Bürgermeister Julian Christ soll sich das ändern. Der Bau soll mit Hilfe von Informationstafeln, Bildmaterial und Bildungsangeboten in seinen geschichtlichen Kontext gestellt werden.  Für das Gedenken an die Kriegstoten, das bisher auf dem Rumpelstein seinen Platz hatte, soll unter Einbeziehung der Bürgerschaft ein alternativer Standort gefunden werden.

Dem Kriegerdenkmal oberhalb von Gernsbach sollen Bilder des Grauens entgegenstehen

Die Menschen, die unter dem NS-Regime gelitten haben, sollen bei den Informationsangeboten in den Blick genommen werden. Stadtarchivar Wolfgang Froese betonte, wie wichtig es sei, den gestalterischen Elementen des Bauwerks Bilder der Grauens gegenüberzustellen, die die NS-Zeit mit sich brachte.

Er beschrieb dem Gemeinderat die vielen subtilen bildlichen Botschaften, die mangels Kommentierung bis heute die Botschaft ausstrahlen: Die Gefallenen des Ersten Weltkriegs opferten sich – wurden geopfert – für das Wohl des Vaterlands. Welch’ Ehre. Rühmt die Toten.

Ein augenfälliges Beispiel ist das Zentrum des Bauwerks: Dort ruht ein überdimensionierter Stahlhelm auf einem Altar.  Das Problem: Viele der Botschaften „erschließen sich ohne Vorwissen nicht von selbst“, betonte Froese.

Im Nachhinein hätte man wissen müssen: Da war nichts Ehrenhaftes dran.

Die Ergänzungen der folgenden Jahre brachen solche gestalterischen Botschaften nicht. Eher fügten sie sich ein: Noch 1953 widmete „die dankbare Heimat“ den im Krieg vermissten und getöteten Gernsbacher Soldaten und Zivilisten ein Mosaik.

„Wer schreibt so was?! Wer hat sich da zur Dankbarkeit veranlasst gefühlt?“, fragt sich Pfarrer Scholz angesichts der Widmung. „Im Nachhinein hätte man wissen müssen: Da war nichts Ehrenhaftes daran.“

Ein Bewusstsein für die Verblendung und die Opfer der NS-Zeit schaffen

Auch deshalb hält er es für wichtig, die Opfer der NS-Ideologie namentlich in den Blick zu rücken. Damit ein Bewusstsein für die Untaten dieser Zeit entsteht, sie greifbar werden, damit klar wird: Das, was geschehen ist, darf nicht wieder geschehen. „Es braucht den Mut, Dingen ins Gesicht zu sehen – auch aus einer anderen Perspektive, nicht nur aus der eigenen“, betont er.

Gut und wichtig findet Scholz deshalb auch die Entscheidung, das Denkmal, Mahnmal, nicht einfach abzureißen. „Es ist nicht verkehrt, es zu lassen. Aber es unkommentiert zu lassen ist verkehrt.“

Für die Heimatvertriebenen ist 1960 ein Gedenkstein gegenüber des Kriegerdenkmals installiert worden. Auch sie können als Opfer der NS-Ideologie gelten – Hans-Joachim Scholz zufolge sahen sie sich jedoch eher als Opfer der Kommunisten, die sie stigmatisiert und vertrieben hatten. | Foto: Christiane Widmann

Führung mit dem Stadtarchivar
Das erste Angebot zur Bürgerbeteiligung ist schon angekündigt: Stadtarchivar Wolfgang Froese unternimmt mit Interessierten eine vergleichende Führung über die Friedhöfe zum Rumpelstein. Die Führung beginnt am Freitag, 18. Oktober, um 17 Uhr am katholischen Friedhof.