Das symbolische Band zur Freigabe des Gernsbacher Tunnels für den Verkehr durchschnitten am 6. Oktober 1997 Bürgermeister Dieter Knittel, Verkehrsminister Hermann Schaufler und Staatssekretär Hans-Jochen Henke (von rechts) im Beisein von Innenminister Thomas Schäuble (dritter von links). | Foto: Fieting

Heute unverzichtbar

Gernsbacher Tunnel wurde vor 20 Jahren frei gegeben

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Wie wertvoll der Gernsbacher Tunnel heute ist, zeigt sich erst an den Tagen, an denen er gesperrt ist: Dann wälzt sich durch die (ohnehin stark belastete) Bleichstraße eine nicht enden wollende Blechlawine, und das Nadelöhr an der Stadtbrücke verursacht zu den Stoßzeiten lange Rückstaus. Anders ausgedrückt: Die exakt 1 527 Meter lange unterirdische Röhre, die Gernsbach vom Durchgangsverkehr auf der B 462 entlastet, ist für den Verkehrsfluss der Papierstadt längst unverzichtbar geworden. Vor 20 Jahren, am 6. Oktober 1997, wurde nach einem viertägigen Fest der Tunnel für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Die Erwartungen an die Röhre haben sich laut Regierungspräsidium Karlsruhe voll und ganz erfüllt; wichtig sei besonders die Entlastung der Innenstadt vom Schwerlastverkehr. Nach der letzten Zählung passieren rund 12000 Fahrzeuge täglich den Tunnel.

Hochzeitskutsche im Tunnel

Das Fest zur Tunneleröffnung blieb lange in Erinnerung: Drei Festzelte waren aufgebaut worden (auf dem Rathausplatz, beim Bahnhof und vor dem Clubhaus des FC Gernsbach am Tunnel-Südportal), Fußgänger und Radfahrer erkundeten den Tunnel, die Leichtathleten starteten einen Tunnellauf, ein Inline-Wettbewerb fand in der Röhre statt und die Durchfahrt einer Hochzeitskutsche dürfte ein einmaliges Erlebnis bleiben. Eine Handwagenkolonne zog mit Gesang durch den Tunnel und die Stadt. Nicht zu vergessen die große Partynacht nahe der Röhre.

Fünf Jahre Bauzeit

Dann der große Tag am 6. Oktober 1997 um elf Uhr: Fünf Jahre Bauzeit und 120 Millionen Mark, von denen der Bund den Löwenanteil gab, waren investiert worden; die vorherige Planungszeit bemaß sich sogar in Jahrzehnten, hatte behördliche Aktenschränke und Zeitungsarchive gleichermaßen gefüllt. Vor 20 Jahren war es dann soweit: Landesverkehrsminister Hermann Schaufler, der Bonner Staatssekretär Hans-Jochen Henke („Der Tunnel bedeutet hoffentlich 50 Prozent Verkehrsentlastung für die Stadt“) und Bürgermeister Dieter Knittel durchschnitten bei herrlichem Sonnenschein und zahlreichem Publikum am Tunnelnordportal gemeinsam das symbolische Band. Knittel  verdeutlichte damals: „Die Stadt hat gelitten, das ganze Murgtal hat gelitten unter dem Nadelöhr Gernsbach.“ Knittel würdigte seine Amtsvorgänger Rolf Wehrle und Wolfgang Müller als Wegbereiter des Tunnels auf kommunaler Ebene. Die Barbara-Statue, die dem Tunnel und allen dort Beteiligten Glück bringen soll, wurde symbolisch an die Tunnelpatin Waltraud Müller übergeben und fand dann in einer Tunnelnische ihren Platz.

Projekt stand auf der Kippe

Vergessen an diesem Jubeltag, dass das Großvorhaben nach Abschluss des Planfeststellungsverfahrens im Sommer 1990 für kurze Zeit auf der Kippe gestanden hatte: Im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung waren Milliarden DM in den Osten gelenkt worden, die alten Bundesländer mussten Abstriche machen. Weil aber die Planungen schon so gut wie abgeschlossen waren und es dem damaligen Bürgermeister Wolfgang Müller zudem gelang, dass zwei Tunnelanlieger ihre Klagen vor dem Verwaltungsgericht zurückzogen, war der Weg für das oft so bezeichnete „Gernsbacher Jahrhundertbauwerk“ frei. Den Startschuss gab im Mai 1992 Thomas Schäuble, der damals Verkehrsminister in Stuttgart war.

1700 Sprengungen

Die Bauphase brachte immense Belastungen für die Gernsbacher, insbesondere die Baustellenanlieger, mit sich. Rund 1 700 Sprengungen, mit denen sich die Mineure durch den massiven Fels arbeiteten, sorgten dafür, dass in manchen Wohn- und Schlafzimmern zuweilen die Wände wackelten. Große Muldenkipper schafften das gelöste Gestein heraus, insgesamt sorgten rund 25 000 Lkw-Aushubfahrten für Lärm und Gestank.

Keine Tunnel-Havarie der Bahnstrecke

Dass ein Tunnelbau aber nicht im Desaster für die Bahnstrecke wie jüngst in Rastatt enden muss, wurde in der Bauphase des Gernsbacher Tunnels bewiesen: Es galt die Bahnstrecke zu untergraben, ohne den Zugverkehr der Murgtalbahn zu unterbrechen. Dazu wurde in einer nächtlichen Aktion eine dreiteilige Hilfsbrücke eingebaut, die auf vier riesigen Stahlträgern ruhte; diese wiederum wurden auf Betonpfähle aufgelegt, die beidseits der späteren Baugrube bis in den Fels hinunter reichten. Der Tunneldurchstich wurde im September 1994 geschafft, im Oktober 1995 feiern die Mineure im Untergrund Richtfest – und haben Grund zur Freude: Trotz der harten Arbeit unter Tage ist kein schwerer Unfall passiert.

2018 steht Nachrüstung an

Geplant wird aktuell eine größere Maßnahme, die bereits zweimal verschoben worden ist: Der Gernsbacher Tunnel muss wegen – inzwischen verschärfter – Sicherheitsbestimmungen nachgerüstet werden: Vier neue Rettungsstollen mit entsprechenden Not-Treppenhäusern und Querstollen sollen bei schweren Unfällen, vor allem auch Bränden, für eine bessere Fluchtmöglichkeit und damit für mehr Sicherheit der Menschen im Tunnel sorgen. Die vier zusätzlichen Not-Treppenhäuser sollen nach dem letzten bekannt gewordenen Planungsstand jeweils mit einem kleinen oberirdischen Betriebsgebäude beim Park-and-ride-Parkplatz am Bahnhof, beim Hotel Stadt Gernsbach, am Kurparkeingang sowie an der Obertsroter Landstraße (bei der Infotafel) errichtet werden. Die Baumaßnahme soll 2018 beginnen und rund eineinhalb Jahre dauern.