Ein friedliches Miteinander ist an Kindergärten offenbar keine Selbstverständlichkeit. Nach der Einschätzung von Experten nehmen Gewalt und Egoismus zu. Auch in Weisenbach sind solche Erscheinungen bekannt. | Foto: Michael Reichel

Fortbildung in Weisenbach

Gewalt an Kindergärten nimmt zu

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Experten sehen einen klaren Trend: Gewalt und Rücksichtslosigkeit in Kindergärten nehmen zu. Beileibe nicht nur in den Problemvierteln der Großstädte, auch im ländlichen Weisenbach. Eveline Warth, die Leiterin des Kindergarten St. Christophorus, räumt ein: „Manchmal sind wir ratlos.“ Nun soll eine Fortbildung, die am Freitag im Kindergarten stattfand, dafür sorgen, dass es künftig erst gar nicht zu körperlichen oder verbalen Angriffen kommt. „Kinder sind egoistischer als früher“, sagt Kursleiter Andreas Schick vom Heidelberger Präventionszentrum.

Entwicklung am Scheitelpunkt

Die Arbeit des Psychologen und Familientherapeuten ist nicht einfacher geworden. Im Gegenteil. Mit Sorge beobachtet Schick seit Jahren einen Trend in der Erziehung: „Heute gibt es mehr Prinzen und Prinzessinnen.“ Individualität und Selbstverwirklichung der Kinder rückten immer stärker in den Vordergrund. „Mittlerweile stehen wir am Scheitelpunkt“, betont Schick: „Die an sich gute Entwicklung kippt ins Negative.“

Der Egoismus ist salonfähig geworden.

Klare Ansprache: Der Psychologe Andreas Schick bei seinem Vortrag im Weisenbacher Kindergarten. | Foto: Körner

Auch Eveline Warth ist aufgefallen, dass sich viele Kinder in der Gemeinschaft zunehmend schwer tun. „Wir können nicht immer auf Einzelwünsche eingehen, wie das zu Hause oft der Fall ist“, sagt sie. Warth arbeitet seit 27 Jahren als Pädagogin und moniert die Häufung von Wutausbrüchen und Beleidigungen. Sie nehmen bisweilen extreme Auswüchse an. So habe ein Kind dem anderen gedroht: „Wenn du nicht endlich tust, was ich dir sage, kaufe ich mir Waffen im Internet.“ Nach ihrer Erfahrung gerieten manche Kinder bereits im Vorschulalter mit gewaltverherrlichenden Computerspielen in Berührung. Hinzu kommt: Ihre Eltern lebten ihnen vor, „dass man vor allem die eigenen Interessen durchsetzen muss“, ergänzt Schick. Dabei handele es sich um einen gesellschaftlichen Trend, der seinen Ursprung in der Politik habe. Mit Blick auf die Präsidenten Trump (USA) und Orbán (Ungarn) sagt Schick: „Der Egoismus ist salonfähig geworden.“

Korrektur im Kindesalter

Dem wirkt das Programm „Faustlos“ entgegen, in dessen Rahmen Pädagogen vom Kindergarten bis zur Oberstufe in der Gewaltprävention geschult werden. „Im Kindesalter lässt sich viel noch korrigieren, was später schwierig wird“, weiß Schick. Im Kern geht es um Empathieförderung, Impulskontrolle und den richtigen Umgang mit Ärger und Wut.

Programm fördert Empathiefähigkeit

Auch in Weisenbach sollen die Kinder spielerisch lernen, die Gefühle ihrer Mitmenschen einzuschätzen und im Fall von Auseinandersetzungen gemeinsam Lösungen zu finden. Dabei kommen künftig großformatige Bilderkarten zum Einsatz, die Konfliktsituationen zeigen. So wolle man die Kinder zum Austausch anregen, erklärt Warth: Zusammen sollen sie sich „damit auseinandersetzen, welches Verhalten in bestimmten Situationen angemessen ist.“